Villiger Kaspar, Bundesrat:
Ich möchte Ihnen zuerst für diese sehr substanzielle Debatte danken, auch wenn ich wenig Verständnis für die Zweifel an der Problemlösungsfähigkeit der Kantone und für die Zweifel am Föderalismus habe, die hier geäussert worden sind. Umgekehrt habe ich viel Verständnis für die Sorgen in Bezug auf einzelne Sachgebiete, z. B. in Bezug auf den Sozialbereich. Ich bin aber der Meinung, dass es gelungen ist, Lösungen zu treffen, die eigentlich eine gewisse oder sogar eine grosse Sicherheit geben sollten, und dass solche Sorgen so nicht gerechtfertigt sind. Ich möchte vor allem aber auch der Kommission für die sehr vertiefte, ernsthafte Befassung mit der Problematik und dem Kommissionspräsidenten für seine umsichtige Führung danken.
Der Föderalismus ist eines der wichtigen Strukturprinzipien bei der Gestaltung eines Staates, und er ist hochaktuell. Schauen Sie nur einmal die vielen Probleme auf dieser Welt an, vor allem dort, wo verschiedene Ethnien zusammenleben müssen. Überall dort gibt es eigentlich nur eine Antwort für befriedigende Lösungen, nämlich eine Art Föderalismus, der hier so, dort anders aussehen kann, der aber doch von den gleichen Grundsätzen ausgeht. Auch in der europäischen Diskussion und in den einzelnen Ländern ist der Föderalismus eines der grossen Themen.
Ich habe unlängst, vor etwa 14 Tagen, zufällig einen brillanten Artikel von Helmut Schmidt in der Zeitung "Die Zeit" entdeckt - ich kann den allen empfehlen -, in dem er unter dem Titel "Weil Deutschland sich ändern muss" Probleme beschreibt, die zum grossen Teil auch für die Schweiz zutreffen. Er weist vor allem auch auf Fehlentwicklungen zwischen den verschiedenen Ebenen des Staatswesens hin und rügt z. B. verschiedene Reformen der Siebzigerjahre. Er sagt wörtlich, dass diese Reformen fehlerhaft gewesen seien, weil sie zu finanzwirtschaftlicher Entmündigung der Länder und Städte sowie zur Verwischung der Verantwortung geführt hätten. Weiter hinten im Artikel schreibt er, dass derjenige, der die Verkrampfung lösen wolle, klare Zuständigkeiten herstellen müsse. Das sind genau die Probleme, vor denen wir hier stehen!
Ich orte im Föderalismus vier Grundfunktionen - Herr Zuppiger hat das hier ein bisschen angedeutet -: Es sind die Identifikationsfunktion, die Effizienzfunktion, die Wettbewerbsfunktion und die Machtteilungsfunktion. Es ist ein bisschen philosophisch, aber es ist wichtig, weil ich glaube, dass der Föderalismus eines der Elemente war, die dazu geführt haben, dass gerade unser Land mit vier Sprachen und Kulturen eine sehr erfolgreiche Geschichte hinter sich gebracht hat.
Zur Identifikationsfunktion: Die Sprachregionen, die einzelnen Regionen, können ihr engeres politisches Umfeld selber definieren und gestalten, und dies ihrer Identität gemäss. Die Probleme werden - den jeweiligen Verhältnissen und Bedürfnissen angepasst - sehr viel bürgernäher gelöst, und damit können die kulturellen und historisch gewachsenen Unterschiede sehr viel besser gelebt werden. Es werden auch sehr viel mehr Menschen in die politischen Entscheidungen in ihrem Umfeld qualifiziert einbezogen. Das ist natürlich auch etwas, was die Identifikation mit dem Gemeinwesen sehr stark fördert.
Zur Effizienzfunktion: Es ist ja aus der Biologie erwiesen, dass dezentrale Systeme letztlich krisenresistenter und anpassungsfähiger sind. Ich habe die Bürgernähe erwähnt: Sie führt zu einer sehr viel näheren Kontrolle auch derjenigen, die Verantwortung tragen. Nehmen Sie eine Gemeindeversammlung: Dies führt dann letztlich zu einem haushälterischen Gebaren und einer besseren Übereinstimmung der Präferenzen der Bürgerinnen und Bürger mit dem, was das Gemeinwesen liefert. Es ist völlig klar, dass der Föderalismus wegen der Skaleneffekte - kleinere Räume müssen sozusagen Lösungen treffen - auch Ineffizienzen hat. Wenn Sie eine Bilanz ziehen wollen, können Sie der ökonomischen Literatur entnehmen, dass der Föderalismus im Mittel aber zu mehr Effizienz führt.
Ich weiss, dass vor allem die Wettbewerbsfunktion umstritten ist, und sie betrifft nicht nur die Steuern. Aber gerade wir haben es immer wieder gesehen, dass ein Kanton eine innovative Lösung gefunden hat. Andere haben das nachgemacht. Vielleicht hat es zuletzt sogar den Bund beeinflusst. Der Steuerwettbewerb ist etwas, was uns vor überbordendem Fiskalismus schützt. Er trägt sehr viel dazu bei, dass wir immer noch eine Steuersituation haben, die uns eben im internationalen Standortwettbewerb konkurrenzfähig macht. Ich bin überzeugt, dass wir der Wirtschaft ohne diesen Steuerwettbewerb bei weitem nicht jene Rahmenbedingungen anbieten können, die es uns ermöglichen, auch im gnadenlosen internationalen Wettbewerb zu bestehen. |
AB 2003 N 950 / BO 2003 N 950
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Ich weiss, die Sozialdemokraten weisen immer auf die katastrophalen Folgen dieses Steuerwettbewerbs hin. Wir haben auch ihre Initiativen und die Begleittexte genau studiert. Aber empirisch ist klar nachgewiesen, dass alle diese katastrophalen Folgen so nicht eingetreten sind. Die Staatsquoten sind gestiegen, die Sozialstaaten wurden aufgebaut; und alle diese Zusammenbruchsszenarien als Folge des Steuerwettbewerbs sind nicht eingetreten, wohl aber die wohlfahrtssteigernden Wirkungen. Man weiss auch: Wo Steuerwettbewerb ist, muss man, wenn man steuern will, eine gute Leistung für den Staat erbringen. Das führt dazu, dass sich die Verantwortlichen hier besonders Mühe geben müssen, weil man ihnen sonst den Geldhahn abstellt.
Die Machtteilungsfunktion will ich nur streifen. Sie wissen: Wir Schweizerinnen und Schweizer sind hier besonders empfindlich. Wir mögen den Leviathan, wie ihn Thomas Hobbes beschrieben hat, jenes ausufernde Ungeheuer, das sich immer breiter und breiter macht und alle Lebensbereiche umfasst, nicht. Der Föderalismus bändigt eben oder, wenn Sie so wollen, "entgiftet" die Macht dadurch, dass er sie auf die verschiedenen Staatsebenen aufteilt und den Staat kontrollierbar macht.
Dieser Föderalismus braucht ein paar grundlegende Konstruktionsprinzipien. Das eine ist das so genannte fiskalische Äquivalenzprinzip. Es besagt, dass die Verantwortung für die Erfüllung einer Aufgabe möglichst in einer Hand liegen muss, die Kosten-, Nutzen- und Entscheidungsträger sind also identisch. Das schafft die Voraussetzung für Transparenz im staatlichen Tun und führt zu Effizienz.
Herr Marti, ich will jetzt auf mein Beispiel, auf das Beispiel der Mehrzweckhalle Pfeffikon, verzichten; es ist immer noch das beste. Ich bin gerne bereit, es auf Verlangen in der Diskussion vielleicht noch einmal einzubringen, aber ich bringe es hier jetzt nicht.
Wenn ich hier noch vom Äquivalenzprinzip rede - es wurde von zwei Rednern gesagt, ich glaube von Herrn Fehr Hans-Jürg und Herrn Zuppiger -: Wo haben sich eigentlich diese 3 Milliarden Franken aufgelöst, die man sich aus dem Effizienzgewinn erhoffte? Das hat der damalige Direktor der Finanzverwaltung einmal so geschätzt. Ich habe das dann zurückgenommen, weil ich finde, es mache keinen Sinn, dass ich hier Dinge sage, von denen wir wohl vermuten, dass sie eintreffen könnten, dies aber nicht ganz belegen können. Der Hintergrund ist klar: Man hat sich damals gesagt, dass etwa 30 Milliarden Franken von diesen Umverteilungen betroffen seien. Wenn wir mit dem Äquivalenzprinzip hier einen 10-prozentigen Effizienzgewinn herauswirtschaften, sind das ungefähr 3 Milliarden Franken. Wir können das nicht nachweisen, aber ich bin überzeugt, dass diese Effizienzgewinne kommen werden. Ob die 3 Milliarden Franken in Form von Cash oder in Form von mehr Staatsleistung pro Franken kommen, obliegt dann dem einzelnen Gemeinwesen und auch den politischen Präferenzen der Kantone.
Auch das Subsidiaritätsprinzip ist ein wichtiges Prinzip im Föderalismus. Es besagt, dass die übergeordnete Staatsebene nur das übernehmen soll, wozu sie offensichtlich besser in der Lage ist. Darüber kann man selbstverständlich streiten, aber es ist immer wieder ein tragendes Element unserer Gesellschaft und unserer politischen Kultur gewesen. Wenn es von den "professionellen Zentralisten" ständig verletzt wird, führt das eben zu jenen Verwischungen und zu jenen Unübersichtlichkeiten, die wir jetzt feststellen müssen.
Selbstverständlich führt der Föderalismus auch zu Risiken und Nachteilen. Der Hauptnachteil ist wahrscheinlich der, dass man immer befürchtet, es könne zu Wohlstandsunterschieden kommen. Wohlstandsunterschiede haben unterschiedliche Ursachen, z. B. sind die Voraussetzungen geographisch-topographisch oder auch bezüglich der Bevölkerungszusammensetzung unterschiedlich; das kann sich auswirken. Es gibt kulturelle Unterschiede, die man nicht unterschätzen soll - auch in der Schweiz -, in Bezug auf das Staatsverständnis. Es kann auch sein, dass man zufällig in der Nähe eines grossen Flughafens ist und Vorteile hat - ich rede jetzt nicht vom Lärm, sondern von der Wirtschaft, also von Standortvorteilen oder -nachteilen. Es gibt die "spill-overs"; die Wirtschaftsräume sind nicht mehr unbedingt mit unseren Kantonsgrenzen identisch. Das führt dazu, dass der eine vielleicht von der Leistung des anderen profitiert, ohne zu bezahlen.
Wer zum Föderalismus steht, muss Unterschiede in Kauf nehmen. Es muss für Uri nicht unbedingt richtig sein, was für den Kanton Genf richtig ist; das ist offensichtlich. Aber - und das muss man eben auch sehen und deshalb auch dieses Projekt - diese Unterschiede müssen natürlich von einer Mehrheit noch einigermassen nachvollzogen werden können. Wenn sie ein gewisses Ausmass übersteigen, dann muss man eingreifen. Das trifft z. B. in diesem Lande auf die Unterschiede bei den Steuerbelastungen zu, die vom Volk zu grossen Teilen nicht mehr verstanden werden. Deshalb braucht ein föderales System - wie ein Sozialsystem - für die Bürgerinnen und Bürger einen Finanzausgleich, einen Lastenausgleich; es muss dafür sorgen, dass die Grundchancen in jedem Gliedstaat ungefähr vergleichbar sind.
Bei uns haben die Wohlfahrtsunterschiede zugenommen. Wir wollen durch interkantonale Zusammenarbeit mit Lastenausgleich die oftmals mangelnde horizontale Zusammenarbeit verbessern und hier den "spill-overs" begegnen. Der Ressourcenausgleich gibt, wie wir das bei der AHV oder bei der progressiven Steuer kennen, einen gewissen Ausgleich in der finanziellen Leistungsfähigkeit. Wir wollen mit dem Lastenausgleich vom Bund her gewisse unverschuldete Sonderlasten der Kantone, seien sie topographisch, seien sie bevölkerungszusammensetzungsmässig bedingt - um ein schreckliches Wort zu brauchen -, ausgleichen und etwas egalisieren. Wir haben also ein ganzes neues Set von Instrumenten entwickelt, die diesen Föderalismus eben nicht "rückwärts entwickeln", sondern "nach vorne modernisieren" und vor allem offensichtliche Fehlanreize beseitigen. Wir versuchen, die Disparitäten zwischen den Kantonen zwar nicht zum Verschwinden zu bringen - das wäre falsch und nicht finanzierbar -, sie aber doch zu egalisieren.
Nun gibt es für den Föderalismus natürlich auch gewisse Gefährdungen. Ich darf einige aufzählen:
1. Eine gewisse Gefährdung ist die direkte Demokratie, die an sich ein wunderbares System ist, das wir ja alle unterstützen. Aber manchmal, bei einer Volksinitiative, kümmert sich das Volk keinen Deut um den Föderalismus und, um ein Beispiel zu nehmen, oktroyiert dem Zentralstaat die Wanderwege auf. Da kann man sich wirklich fragen, ob das zentral gelöst sein muss. Mit dem muss man selbstverständlich leben, und man muss es akzeptieren.
2. Aber der Föderalismus wird vor allem auch von den zentralistischen Tendenzen generell gefährdet. Wir Politiker neigen ja stark dazu, nach oben Föderalisten zu sein, weil wir nicht wollen, dass man uns hineinredet; aber nach unten sind wir gerne Zentralisten, weil wir eigentlich - dort, wo wir etwas zu sagen haben - allen unsere Lösungen beliebt machen wollen. Deshalb müssen wir in Bern uns gerade immer wieder fragen, ob wir nicht zu sehr der Versuchung zentraler Lösungen erliegen, weil wir - legitimerweise - überall auch noch etwas hineinreden möchten.
3. Etwas, das mir mehr Sorgen macht, ist ein gewisses Misstrauen den Kantonen gegenüber. Ich glaube, das ist nicht berechtigt. Ich zumindest habe, als ich zehn Jahre Luzerner Grossrat sein durfte und das mit viel Begeisterung tat, nie das Gefühl gehabt, ich sei dort noch dümmer als Nationalrat gewesen und es sei im Kanton weniger demokratisch zugegangen. Ich glaube, dieses Misstrauen den Kantonen gegenüber ist so nicht gerechtfertigt; sie haben es nicht verdient.
4. Aber - jetzt kommt ein Aber - die Kantone selber haben natürlich auch hin und wieder ihre föderalistische Seele für ein Butterbrot an Subventionen verkauft. Es war manchmal etwas einfacher, nach Bern zu gehen und dort die hohle Hand hinzuhalten, statt sich selber um eine Lösung zu kümmern. Plötzlich beklagt man sich dann darüber, dass man zu wenig Kompetenzen habe. Ich glaube auch, dass die Kantone selber gefordert sind.
Die Reform wurde Ihnen vorgestellt. Dieses gemeinsame Entwickeln eines Projektes zusammen mit den Kantonen |
AB 2003 N 951 / BO 2003 N 951
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war für mich eine meiner befriedigendsten politischen Erfahrungen. Hier hat man, glaube ich, erstmals ein Projekt wirklich partnerschaftlich durchgezogen. Ich bitte Sie, das zu berücksichtigen. Ich glaube, Sie sollten nicht der Versuchung erliegen, hier überall wieder etwas Zentralismus hineinzubringen - vielleicht, weil Sie das etwas besser dünkt. Ich meine, Sie müssen in diesem Staat auf unsere Partner - die Kantone - Rücksicht nehmen. Das, was die Kantone in diesem Projekt wollen, sollten Sie zumindest mitbedenken, bevor Sie Ihre Entscheide fällen. Ich bin sehr froh, dass Ihre Kommission, aber auch schon der Ständerat vorher, keine tragenden Elemente herausgebrochen haben. Ich glaube, so, wie es sich die Kommissionsmehrheit vorstellt - ich hätte es da und dort lieber anders, selbstverständlich -, ist das Gesamtkonzept noch intakt. Ich wäre froh, wenn es auch diesen Saal intakt verlassen würde.
Auch wir wollen den Staat Schweiz nicht völlig umkrempeln. Wir bauen dieses Projekt auf dem gewachsenen Fundament auf, wie es sich entwickelt hat. Wir verfolgen bekanntlich vier Ziele:
Das erste Ziel: Wir möchten die Aufgaben und die Finanzierungen wieder entflechten. Ich habe hin und wieder den Eindruck, dass von den Milliarden Franken, die in diesem Land "herumschwirren", eigentlich nur noch die Begünstigten in ihren Partikularbereichen Bescheid wissen. Aber den Gesamtüberblick hat eigentlich niemand mehr. Ich glaube, hier müssen wir wieder Transparenz schaffen; auch bei den Zuständigkeiten zwischen den verschiedenen Ebenen - Stichwort: Äquivalenzprinzip. Das muss nicht immer nur nach unten gehen. Wir nehmen gewisse Dinge - z. B. Gesamtverantwortung individuelle Leistungen AHV - auch nach oben. Diese Verwischung der Kompetenzen - ich glaube, Herr Lustenberger hat darauf hingewiesen - ist etwas vom Übelsten. Das müssen wir wieder klären; nach oben oder nach unten.
Aber es muss nun gelingen, diesen Knäuel, dieses Minimum - ich wäre noch viel weiter gegangen, aber ich weiss, das wäre politisch nicht möglich gewesen -, das jetzt auf dem Tisch liegt, zu entwirren. Wenn uns diese Übung nach dem offensichtlichen Scheitern der letzten Übung vor zwanzig Jahren - als ich in den Nationalrat kam, werkelte man gerade an dieser Aufgabenteilung herum, am Schluss blieb nichts mehr übrig - nicht gelingt, wenn wir das jetzt nicht fertig bringen, wird sich niemand mehr an dieses Problem heranwagen. Dann wird man auf dem Weg der Entmündigung der Kantone in Richtung von Verwaltungsbezirken, die noch ein bisschen das vollziehen, was in Bern gemacht wird, weitergehen. Ob es dann in dreissig Jahren, auch noch interessant ist, Grossrat oder Regierungsrat zu sein, würde ich dahingestellt sein lassen.
Das zweite Ziel: Wir haben aber die Ängste sehr ernst genommen, die geäussert wurden und die hier auch artikuliert worden sind - die Angst etwa, dass die Kantone nach einem Rückzug des Bundes dieses oder jenes nicht mehr so machen würden, wie man es vielleicht machen sollte. Diese Befürchtungen wurden vor allem im Bereich der sozialen Sicherheit vorgetragen. Wenn hier aber gesagt wird, man solle zweckgebundene Mittel geben, verstösst das wiederum gegen das Äquivalenzprinzip; dann hat man eben kein Interesse daran, die Aufgabe optimal zu lösen, und dann können Sie sie ebenso gut beim Bund belassen. Auch hier braucht es wieder ein gewisses Vertrauen gegenüber den Kantonen. Aber wir haben uns trotzdem bemüht, einen gewissen Rahmen vorzugeben und gewisse Übergangsbestimmungen vorzusehen, die sicherstellen sollen, dass die Kantone es so machen, dass die ihnen übertragene Aufgabe qualifiziert erfüllt wird.
Trotz den Entflechtungen wird es aber noch Verbundaufgaben geben; aber hier können wir die Erkenntnisse des New Public Management nutzen und die Rolle von Bund und Kantonen bei den vielen verbleibenden Verbundaufgaben besser definieren. Wir tun dies, indem wir zum Beispiel vom Bund her die Strategie vorgeben, die Ziele definieren - die Kantone bestimmen aber selber, wie sie in ihren Bereichen diese Ziele mittels Pauschal- oder Globalsubventionen am besten erreichen - und nachher mit einem Controlling auch überprüfen, ob diese Ziele wirklich erreicht worden sind.
Das dritte Ziel: Mit der interkantonalen Zusammenarbeit mit Lastenausgleich möchten wir die Kantone befähigen - vor allem auch die kleineren Kantone, die vielleicht weniger investieren können -, Aufgaben gemeinsam zu übernehmen und damit bessere Leistungen zu erbringen. Wir möchten es auch ermöglichen, dass Kantone, die von den Nachbarn eine Leistung beziehen, dafür einen fairen Preis bezahlen müssen, dafür aber auch ein faires Mitspracherecht bekommen.
Wir meinen, dass das alles am Schluss die Zentralisierung bremsen kann. Wir haben gesehen, dass vor allem kleine Kantone da und dort Ängste haben. Ich habe aber auch gesehen, dass grosse Kantone da und dort Ängste haben. Ich glaube, wenn alle Ängste haben, ist vielleicht die Lösung im Mittel gar nicht so schlecht geraten.
Das vierte Ziel, das wir haben: Mit einem neuen System im engeren Sinne, mit neuen Finanzströmen, die steuerbar sind, die transparent sind, mit einem System, bei dem auch die Effekte dann messbar sind, möchten wir das verzerrte, unübersichtliche System wieder ordnen. Es wird ja häufig gefragt: Warum machen Sie nicht einfach nur das, ohne die Aufgabenteilung? Dann muss ich halt sagen: Das geht eben nicht; die beiden Dinge sind derart vernetzt. Wir brauchen für die neuen finanzpolitischen Instrumente ein gewisses Finanzvolumen, und das können wir nur herauswirtschaften - weil wir ja vom Bund nicht 2 Milliarden Franken einschiessen können -, indem wir diese Aufgabenteilung sauber neu gestalten. Hier gibt es auch sehr innovative Instrumente.
Das eine ist der Lastenausgleich des Bundes. Das Kriterium Topographie zum Beispiel - die Berggebiete - hat man immer schon gekannt, aber im Laufe der Erarbeitung des Projektes sind wir uns bewusst geworden, dass auch die Zentren besondere Lasten haben, sozusagen statt die Kosten der Weite die Kosten der Enge tragen. Hier haben wir mit dem soziodemographischen Lastenausgleich etwas sehr Innovatives und Gutes gefunden. Man kann ihn nicht bekämpfen, indem man sagt, man sollte noch mehr haben. Es ist wichtig, dass wir das jetzt einmal tun, auch wenn viele der Meinung sind, man müsste hier mehr tun können. Aber ich glaube, es ist doch ein Quantensprung, vor allem auch im Denken.
Dann haben wir auch den horizontalen und vertikalen Ressourcenausgleich neu konzipiert. Es ist eben gerade wichtig, das sage ich Herrn Spielmann, dass dieser Ressourcenausgleich an nicht manipulierbaren Daten eines Kantons gemessen wird. Wie ist die Steuerkraft eines Kantons wirklich? Wenn Sie das an den Steuern aufhängen, dann kann das sofort manipuliert werden, indem man sagt: Wir müssen die Steuern erhöhen, damit mehr Geld von Bern kommt. Gerade das müssen wir vermeiden. Bei der Steuerveranlagung der natürlichen Personen versuchen wir ja auch - es gelingt nie ganz, aber man versucht es immer wieder -, von der eigentlichen wirtschaftlichen Leistungskraft auszugehen. Genau das Gleiche sollten wir hier tun müssen.
Ich habe in der Diskussion den Eindruck gewonnen - und dafür bin ich dankbar -, dass auch die Geberkantone bereit sind, das mitzutragen; das ist nicht selbstverständlich. Auch Zug, auch Zürich müssen sich natürlich bewusst sein, dass sie etwas an andere zahlen müssen, aber ich glaube auch, dass sie dafür umgekehrt einen Gewinn bekommen, den Gewinn nämlich, dass eine materielle Steuerharmonisierung sehr viel besser verhindert werden kann, wenn hier wirklich ein System mit einer gewissen Effizienz entsteht. Das sage ich vor allem Herrn Leutenegger, der hier noch einen draufgegeben hat mit den Sicherheiten für Zug. Ich finde das falsch, das müssen wir ablehnen, aber wir können dann darüber reden. Aber ich glaube, der GAU für Kantone wie Zürich und Zug wäre eine materielle Steuerharmonisierung. Sie würde dazu führen, dass diese Standorte auch nicht mehr die gleiche Attraktivität im internationalen Zusammenhang hätten, und dafür würde das ganze Land einen Preis |
AB 2003 N 952 / BO 2003 N 952
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bezahlen. Das bedeutet mit anderen Worten: Niemand will die Standortqualität der starken Kantone beeinträchtigen, aber man muss doch einen sozialen Beitrag erwarten können; ich glaube, sie bezahlen ihn an ein effizienteres Gesamtsystem Schweiz.
Über die Alternativen, die materielle Steuerharmonisierung, werden wir uns noch im Detail unterhalten. Das ist für mich ein ökonomisches, kein ideologisches Problem. Hier geht es um Anreize und um Finanzströme. Wenn die Steuerharmonisierung gute Resultate erbringen würde, wäre mir das doch noch so lieb. Aber ich glaube, es wäre falsch.
Etwas anderes wäre z. B. die Gebietsreform; das hat Frau Bühlmann hier so nebenbei angedeutet. Hier muss ich Ihnen einfach sagen, dass eine Gebietsreform möglicherweise das "spill-over"-Problem lösen könnte. Damit bin ich einverstanden. Aber ich glaube, die Waadtländer und die Genfer Abstimmung haben gezeigt, dass das im Moment noch nicht mehrheitsfähig ist. Es würde auch ganz neue Gleichgewichtsprobleme bringen, die im Moment niemand anrühren wollte. Ich schliesse das für die Zukunft nicht aus, aber alle anderen Probleme, die Probleme in Bezug auf Intransparenz, in Bezug auf Nichteinhaltung der verschiedenen Prinzipien, Äquivalenzprinzip usw., wären natürlich genauso wenig gelöst. Deshalb ist dieses Projekt, sogar wenn man Gebietsreformen eigentlich als wichtiger anschauen würde, ein notwendiges Projekt.
Mir haben die 180 000 Unterschriften natürlich auch Eindruck gemacht; das ist ja klar. Ich bin nicht ganz so sicher, ob alle 180 000 unterschrieben hätten, wenn ich vorher mit jedem ein viertelstündiges Gespräch hätte führen können. Aber das ist ja bekanntlich nicht möglich. Man unterschreibt, weil man eben eine Angst ausdrücken will. Ich glaube, wir werden das in der Diskussion noch sehen. Die Angst, die Kantone würden das alles dann gar nicht so machen wollen, ist schon deshalb ungerechtfertigt, weil die Kantone auch eine Politik haben. Sie haben auch Parlamente, die Vorstösse machen. Sie haben auch Volksinitiativen. Weiter gab es in einigen Bereichen - z. B., als wir die Altersheime in die alleinige Kompetenz der Kantone überführt haben - die gleichen Ängste; es hat sich gezeigt, dass die Kantone das - angepasst an ihre Verhältnisse - sehr, sehr gut machen.
Ich will nun nicht weitergehen in die Details, sondern Ihnen einfach sagen, dass wir überzeugt sind, dass wir die Gunst der Stunde nutzen sollten und dass wir, trotz aller Schwierigkeiten, einmal versuchen sollten, ein umfassendes Projekt durchzuziehen, weil es in diesem Bereich einen Quantensprung braucht. Ich bin mir bewusst: Wenn sogar das geschafft ist, wird die Tagespolitik am nächsten Tag weitergehen. In zwanzig Jahren wird man sagen, das Ganze habe sich wieder verwischt; dann muss man vielleicht wieder einen Effort machen. Wenn wir ihn jetzt aber nicht machen, haben wir eine einmalige Chance verpasst - auch wenn es, Herr Studer, nicht ein Idealprojekt ist, das jedes Problem löst; aber es ist immerhin ein Quantensprung.
Ich glaube, dass es eben nicht ein finanzpolitisches Projekt ist: Es hat eine finanzpolitische Komponente, indem die Anreizsysteme verbessert werden, aber es ist letztlich ein staatspolitisches Projekt. Es führt nicht nur zu fiskalischen und finanziellen Anreizen, sondern auch dazu, dass wir Probleme gemeinsam anpacken. Es ist ein Gewinn an politischen Handlungsspielräumen, es führt zu neuen, innovativen Zusammenarbeitsformen und zur Motivation, die Probleme effizient anzupacken.
Wir sind der Meinung, dass die Schweiz immer wieder einige Reformen und Anpassungen durchziehen muss, wenn sie ihren Wohlstand bewahren will. Sie muss das immer auf der Basis ihrer Grundwerte tun, direkte Demokratie, Föderalismus usw. Aber auf der Basis dieser Grundwerte - und das versuchen wir hier - kann man ganz signifikante Verbesserungen erzielen, die dieses "System Gesamtschweiz" für die Zukunft auch politisch konkurrenzfähiger machen werden.
In diesem Sinne bitte ich Sie, auf diese Vorlage einzutreten und den Nichteintretensantrag und die verschiedenen Rückweisungsanträge abzulehnen.