Blocher Christoph, Bundesrat:
Die Diskussion um Artikel 9a ist entglitten, weil Sie über anderes reden als über das, worum es hier geht. Es findet hier eine eigentliche Boulevard-Diskussion über Preisbildung in der Schweiz statt. In diesem Artikel, ob wir richtig oder falsch über ihn entscheiden, geht es nicht darum, ob die Preise in der Schweiz beeinflusst werden oder nicht, sondern es geht darum, ob der schweizerische Arbeitsplatz beeinflusst wird - der im Wesentlichen ein Arbeitsplatz ist, wo Wissen, Forschung, Entwicklung und Produktion hoher Güter entscheidend sind, im Dienstleistungsbereich und im Werkbereich. Darum lässt sich mit solchen Dingen nicht spassen, mögen auch Boulevard-Blätter noch so viel Unsinn schreiben und Ihnen vormachen, sie führten eine populäre Diskussion. Schlussendlich geht es um Arbeitsplätze, um einen Industriestandort.
Nun, nehmen wir die Sache der hohen Preise kurz dran. Warum hat die Schweiz - wenn sie es überhaupt hat; sie hat es nicht überall - höhere Preise als andere Länder? |
AB 2006 N 1991 / BO 2006 N 1991
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1. Reiche, wohlhabende Länder haben höhere Preise; das können Sie auf der ganzen Welt sehen. Schauen Sie einmal China an. China hat ein enorm tiefes Preisniveau. In den letzten zwanzig Jahren aber ist zum Beispiel Shanghai eine der teuersten Städte geworden, weil es eben eine wohlhabende Stadt geworden ist. Gehen Sie in den Sudan, da haben Sie tiefe Preise, weil es ein mausarmes Land ist. Das ist die erste Bemerkung.
2. Wenn man glaubt, man könne in der Schweiz Preise senken, so kann man das glauben. Aber es gibt verschiedene Gründe, warum vielleicht Preise vom Wettbewerb her nicht spielen. Wir haben beispielsweise eine sehr enge Grossverteilerstruktur: Ein grosser Teil des Handels liegt bei ganz wenigen Grossverteilern; das ist eine kartellähnliche Situation. In Amerika würden diese aufgeteilt werden, damit der Wettbewerb besser spielt. Eine ganze Reihe von Produkten kommt nicht in diese Läden, weil sie nicht ins Sortiment aufgenommen werden, und ausserhalb der Läden findet praktisch kein Markt statt. Meine Tochter war früher Marketingleiterin für eine amerikanische Firma in Europa. Sie hat gesagt: "Wenn man in der Schweiz bei den beiden grössten Verteilern nicht reinkommt, dann kann man es vergessen; also geht man in andere Länder." Das ist einer der wichtigen Gründe. Ich sage das deshalb, weil der Kampf wegen tieferer Preise jetzt gerade von den Grossverteilern geführt wird. Ich begreife sie, das gibt ihnen höhere Margen, aber es muss hier gesagt werden.
3. Wir haben hier viele Schutzvorschriften erlassen, nicht in erster Linie wegen denen, die die nationale Erschöpfung haben, sondern wegen dieser Seite. Zum Konsumentenschutz haben wir in der Schweiz besondere Bestimmungen gemacht; es können keine Produkte zugelassen werden, die ihnen nicht entsprechen. Bestimmungen zum Umweltschutz, zur Gesundheit, zur Sicherheit, zu Preisbindungen - das sind die administrierten Preise - und Bestimmungen zum Grenzschutz haben nichts mit dem Patentbereich zu tun. Dann gibt es noch den kleinen Bereich des Schutzes von patentierten Gütern: Hier müssen Sie ansetzen, wenn Sie etwas wollen. Der Bundesrat macht es. Wir haben Ihnen jetzt eine Liste von Produkten vorgelegt, von denen wir sagen, dass wir sie dem völlig freien Markt überlassen wollen. Da müssen Sie öffentlich-rechtliche Normen abschaffen. Sie können nicht verlangen, dass man in der Schweiz die Joghurts so und so anschreibt, prüft, wie viel Promille es von jedem Stoff drin hat, und dann gleichzeitig noch sagen, man könne diejenigen Produkte aus dem Ausland, bei denen man das nicht tun muss, zulassen. Da schaffen Sie Preisbarrieren. Der Bundesrat ist daran, diese abzuschaffen. Sie müssen dann entscheiden, ob Sie Konsumentenschutznormen, die Sie eingeführt haben, deswegen wieder abschaffen, ob sie Normen für Produkte, die Sie aus Gesundheitsgründen, aus Sicherheitsgründen beschlossen haben, wieder abschaffen. In uns haben Sie hier offene Partner. Natürlich wird die Lebensqualität, wenn das Qualitätsnormen sind, entsprechend zurückgehen. Man kann nicht beides haben.
Nun zu den Patenten; nur um diese geht es hier. Das hat nichts mit der Frage der Hochpreisinsel zu tun. Inseln können ja auch Inseln der Glückseligkeit sein. Wenn also die Schweiz so eine furchtbare Hochpreisinsel wäre, dann frage ich Sie - ich bin ja im entsprechenden Departement -, warum mit der Personenfreizügigkeit in den umliegenden Ländern, also nicht in Polen usw., ein solcher Druck besteht, in die Schweiz zu kommen und hier wohnen zu wollen. Die Kontingente sind erschöpft, weil die Differenz zwischen dem hohen Lohnniveau und dem Preisniveau so ist, dass den Leuten am meisten Geld bleibt. Das ist Tatsache, und da müssen Sie aufpassen, bevor Sie die Schweiz überall so schlechtmachen.
Ich war namentlich kürzlich in England, da haben mir die Hoteliers gesagt: "Wieso sagt ihr eigentlich überall, ihr wäret eine Hochpreisinsel und die Ferien seien so teuer in der Schweiz? Das schreckt die Leute ab." Sie haben nicht Unrecht. Wenn Sie die Schweiz mit England vergleichen, haben wir in der Hotellerie keine besondere Hochpreissituation mehr. Man sollte aufpassen, dass man in dieser Boulevard-Diskussion nicht auch noch den eigenen Leuten in die Beine sägt.
Zu den Patenten: Es ist richtig, dass Ihnen der Bundesrat die nationale Erschöpfung - das, was wir bisher hatten - vorgelegt hat. Ich bitte Sie zu sehen: In der Schweiz wird für 4 Milliarden Franken geforscht und entwickelt. Es wird in keinem Land so viel von privater Seite geforscht und entwickelt. Das wird gemacht, weil man nachher ein Produkt hat, das einem gehört. Es ist eine Frage des Privateigentums. Natürlich ist die Abschaffung des Privateigentums im entsprechenden Moment immer interessant gewesen. Man kann das, was schon vorhanden ist, verteilen. Der Schluss ist der Konkurs. Das haben wir auf dieser Welt im grossen Stile erlebt.
Hier wird versucht, geistiges Eigentum zu verteilen, es zu missachten und nicht mehr zu schützen. Das hat Folgen. Es wird niemand mehr forschen und Patente anmelden wollen, wenn sie schlecht geschützt sind. Darum hat der Bundesrat - nicht erst, seit ich im Bundesrat bin, Frau Leutenegger Oberholzer, sondern vor meiner Zeit - klar beschlossen: Es gibt die nationale Erschöpfung. Dafür tritt der Bundesrat ein, und darum hat er sie Ihnen ursprünglich vorgeschlagen.
In der Diskussion in den letzten Jahren - also seit 2003, seit ich im Bundesrat bin - wurde die internationale Erschöpfung gar nicht mehr diskutiert. Sie wurde vor 2004 einhellig verworfen, weil sie wirtschaftlich dermassen nachteilig ist, dass man sie gar nicht mehr geprüft hat. Stellen Sie sich vor, worum es geht - ich frage mich, ob Sie eigentlich die Augen verschliessen -: Bei der internationalen Erschöpfung sind China, Indien und alle ostasiatischen Länder dabei; es sind zum Teil Länder dabei, bei welchen man mit der Piraterie zu kämpfen hat - und Sie gliedern sich ein in diesen Verein. Ich weiss nicht, woher diese Idee stammt; sie mag auf dem Papier schön sein.
Es ist bezeichnend, meine Damen und Herren von der Sozialdemokratischen Partei: Kein einziger Gewerkschafter hat hier gesprochen. Sie müssten wissen, was das für den Arbeitsplatz heisst, z. B. für die Uhrenindustrie. Sie tun so, wie wenn es nur die Pharmaindustrie beträfe; es betrifft nicht nur die Pharmaindustrie, sondern die ganze Uhrenindustrie, die forscht und entwickelt. Ich rede nicht von den Verteilern. Es betrifft auch die Maschinenindustrie usw. Da steht Wesentliches auf dem Spiel.
Zur regionalen Erschöpfung: Sie müssen wissen, die EU hat auch eine nationale Erschöpfung, nur ist die EU für sich eine Nationalität. Nach aussen haben die genau die gleichen Probleme. Das ist für die Mitgliedländer der EU so; da ist man Mitglied, da muss man sich an diese Regeln halten. Wir sind nicht Mitglied, darum haben wir das Recht, unsere nationale Identität zu wahren. Bei der regionalen Erschöpfung - es ist hier gesagt worden - hat man dann gemerkt, gesehen, wie schlecht alles vorbereitet ist. In der Diskussion wurde in der Kommission die regionale Erschöpfung gefordert, weil man gesehen hat, dass die internationale Erschöpfung ein Unsinn ist. Dann hat man gemerkt, dass das rechtlich anspruchsvoll ist. Ich sage nicht, es sei unmöglich, aber anspruchsvoll. Man müsste verhandeln, denn es ist ein Vorzug, den man jemandem gibt usw. Das geht jahrelang. Es ist rechtlich anspruchsvoll und wirtschaftlich nachteiliger als die nationale Erschöpfung. Das ist für den Bundesrat eindeutig, darum hat er Ihnen das beantragt.
Die Konfusion wird immer grösser. Wenn wir jetzt noch drei Tage zuwarten würden, kämen wieder neue Anträge. Selbst diejenigen, die hier die nationale Erschöpfung wollen, wissen nicht, was sie wollen. Zum gleichen Zeitpunkt will im Ständerat ein SP-Mitglied die regionale Erschöpfung. Hier wollen Sie die internationale Erschöpfung. Jetzt hat man noch gemerkt, wie nachteilig das ist. Jetzt hängt man noch einen Satz an und sagt, bei den administrierten Preisen - das betrifft die Pharmaindustrie, wo es eine staatliche Preisbindung gibt - könnte man das ausnehmen. Sie können nicht im parlamentarischen Verfahren eine Parlamentsdiskussion führen und alle paar Tage neue Dinge bringen, hier darüber abstimmen lassen und sie im Gesetz zementieren. Ich bitte Sie, das zu berücksichtigen. |
AB 2006 N 1992 / BO 2006 N 1992
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Der Bundesrat, wie gesagt, tritt für die nationale Erschöpfung ein. Er hat das ursprünglich auch getan. Ich habe dem Bundesrat eine neue Position vorgelegt, und er hat Folgendes beschlossen - es ist ein Beschluss des Bundesrates und nicht von mir -: nämlich dass wir diese Frage ausklammern und in einem zweiten Erlass regeln. Dann können Sie mit Ihren Ideen kommen: national, regional, international, Ausnahmen für Landwirtschaft, Ausnahmen für die Pharmaindustrie usw. Sie können alles bringen, was Sie dann bringen wollen, und dies untersuchen, aber es nicht mit dem Patentgesetz verbinden.
Warum unterstützt der Bundesrat Ihre Motion betreffend die Ausklammerung der Erschöpfung? Herr Vischer hat es gesagt, ich muss keinen Hehl daraus machen: Wenn wir diese Frage drinlassen, wenn wir die nationale Erschöpfung nehmen, werden die Grossverteiler wahrscheinlich dagegen antreten. Wenn wir die Frage der Erschöpfung international regeln, wird die ganze Industrie, wird die Wirtschaft dagegen antreten; wenn wir sie regional regeln, vielleicht noch andere Kreise. Dazu gesellt sich die grundsätzliche Opposition gegen biotechnologische Patente. Dazu gesellen sich all diejenigen, die überhaupt am liebsten das Patentrecht abschaffen würden. Wir haben am Schluss einen Scherbenhaufen.
Nicht nur, dass wir dann kein neues Patentgesetz haben, sondern wir haben dann eine Abstimmung mit einem Nein, und wir wissen nicht warum. Das ist das Schlimmste. All das summiert sich, und wir bringen das Gesetz nicht durch. Das ist ein taktischer Grund; es ist ja nicht verboten, taktisch zu denken. Es wird auch hier darauf gedrängt, die Frage jetzt zu regeln - von denjenigen, die dieses Patentgesetz nicht wollen. Diese Frage ist ein weiterer Stein des Anstosses in der Diskussion, und den möchten wir herausnehmen; das wäre gescheit. Wer ihn nicht herausnehmen will, der nimmt bewusst in Kauf, dass das Patentgesetz strauchelt. Der grossen Industrie macht das übrigens nichts: Sie hat die nationale Erschöpfung, sie hat das freie alte Patentrecht usw. Aber wir haben die Frage nicht geregelt. Das müssen Sie wissen. Darum sage ich: Wer das nicht will, nimmt den Arbeitsplatz Schweiz nicht ernst. Ich bitte Sie, diese Diskussion endlich einmal zu führen und nicht im Lande herumzulaufen und zu sagen: Ja, wir haben dieses und jenes.
Für den Fall, dass Sie die Motion gutheissen, haben wir uns bereit erklärt, das zu tun - auch wenn wir wissen, dass die Zeit bis Ende 2007 ausserordentlich knapp ist. Darum arbeiten meine Leute schon jetzt an der Erfüllung dieser Motion. Nachdem dann der Antrag der CVP-Fraktion gestellt worden war, sagte ich: "Jetzt müsst ihr aufpassen, dass ihr nicht an etwas arbeitet, das nachher infrage gestellt wird." Aber wenn Sie heute entscheiden, so oder anders, werden wir die Arbeiten ausführen.
Wir werden das auf Ende des Jahres 2007 unter einer Bedingung hinbringen: dass wir die Vernehmlassungsfrist nicht, wie gesetzlich vorgeschrieben, drei Monate laufen lassen, sondern nur zwei Monate. Das ist der Vorbehalt. Ich weiss nicht, ob die Bundeskanzlei mitmacht. Ich meine, es sollte in Ausnahmefällen möglich sein. So bringen wir das bis Ende des Jahres 2007 hin. Sonst wird es Anfang 2008. Das ist der Terminplan.
Über den Antrag der CVP-Fraktion hat der Bundesrat nicht entschieden; er ist später gestellt worden. Ich muss das Ihnen überlassen. Wesentlich ist, dass Sie die Sachen trennen. Ich bin überzeugt: Wenn Sie das in die Kommission nehmen, geht die Sache länger. Es ist eine interessante Untersuchung, die Sie fordern. Das wäre eigentlich das Richtige. Sie sagen: "Wir schauen sämtliche patentierten Güter an, die in der Schweiz und im umliegenden Ausland verkauft werden; dann schauen wir den Preisunterschied an; dann" - und das ist das ganz Heikle - "sagen wir, welche Preisunterschiede gerechtfertigt sind." Und davon müssen Sie die Pharmaindustrie ausnehmen, denn sie hat eine staatliche Preisregulierung. Das ist ja das Problem: Der Staat legt die Preise fest. Und die Staaten, die Standorte der Pharmaindustrie, müssen immer dazu schauen, dass sie relativ hohe Preise festsetzen, denn diese Preise sind die internationalen Präferenzpreise. Die französische Pharmaindustrie hat relativ hohe Preise in Frankreich, die deutsche in Deutschland, die schweizerische in der Schweiz. Diese staatliche Preisbindung ist ein Unsinn, das ist so; aber dieser Unsinn besteht jetzt, und er besteht in vielen Ländern. Die Schweiz allein kann diese Preisbindung nicht aufheben.
Darum bitten wir Sie, die Motion zu unterstützen und hier keine Spiele auf Kosten des Marktplatzes und des Industrie- und Forschungsstandortes Schweiz zu betreiben. Es steht zu viel auf dem Spiel. Die Unternehmen, die sich in den letzten Jahren hier angesiedelt haben, gerade im bio- und medizintechnologischen Bereich - das sind ja nicht Pharmaunternehmen -, haben dies getan, weil sie die Schweiz als Standort bevorzugen. Dabei spielt der Patentschutz eine wesentliche Rolle.
Darum bitten wir Sie, diese Sache hier auszuklammern, die Motion anzunehmen und dafür zu sorgen, dass dieses Thema gesondert behandelt wird. Ich sehe einer Volksabstimmung dazu eigentlich mit Freuden entgegen. Denn endlich kann man über den Preisbildungsunterschied in unserem Land anlässlich einer Volksabstimmung vertieft diskutieren. Dann wird sich entscheiden: Wollen wir einen Arbeitsplatz in der Schweiz, der durch gute Bedingungen geschützt ist, oder wollen wir eine Scheindiskussion über zu hohe Preise führen?