Merz Hans-Rudolf, Bundesrat:
Dem Bundesrat bereiten die Preise im Ölbereich grosse Sorgen, weil sie sich in den letzten Monaten verschärft haben und weil die Wirtschaft und die Konsumenten nicht mit einer solchen Entwicklung rechnen mussten. Es ist gewissermassen ein überraschender Effekt, obwohl wir eigentlich alle immer, schon seit vielen Jahren, wussten, dass die Verknappung der Ressourcen im Ölbereich eines Tages zu höheren Preisen und zur Suche nach alternativen Energien führen musste. Und nun ist eine solche Phase erreicht.
Die Gründe liegen im weltweiten Wachstum, besonders auch darin, dass sich gewisse Schwellenländer in Bezug auf die Mobilität den Gewohnheiten der Industrienationen anschliessen wollen und dass grosse Länder wie Indien und China als zusätzliche Nachfrager auf den Märkten erscheinen. In vielen Ländern, die Erdöl fördern, herrschen politisch unstabile Verhältnisse. Es gibt 23 Länder auf dieser Welt, bei denen mehr als 60 Prozent der Exporterlöse vom Öl- und Gasverkauf stammen, und keines dieser Länder ist eine Demokratie im klassischen Sinn. Daher sind immer auch gewisse politische Unwägbarkeiten damit verbunden. Dann gibt es Kartellstrukturen: Auch die Opec ist natürlich ein Kartell, das auf dem Zusammenschluss von Förderländern beruht. Auf diesem globalen Markt, auf der strategischen Ebene sind die Einflussmöglichkeiten einer Landesregierung ausserordentlich gering. Wir sind diesen Kräften ausgesetzt.
Der Markt mit der Preisbildung beginnt erst eine Stufe tiefer, dort nämlich, wo dann die Rohstoffe in die Märkte eingeführt werden, in die regionalen Märkte und in die Landesmärkte. Dort - das wissen Sie - haben wir in unserem Land einen Kartellschutz, der sicherstellt, dass der Wettbewerb eingehalten wird. Die Preiserwartungen sind ungewiss. Öl ist zwar auch für längere Zeit genug vorhanden, aber die Preisentwicklung ist unberechenbar. Es kann sein, dass die Preise in den nächsten Wochen wieder sinken, es kann aber auch sein, dass sie auf 200 Dollar pro Fass steigen; alles ist spekulativ. Auf der einen Seite wird der Bedarf nur langsam sinken, weil es Zeit braucht für neue Technologien bei den Fahrzeugen, weil es Zeit braucht für die Energieeffizienz im Gebäudebereich, weil es Investitionen bedingt. Auf der anderen Seite steigt der Bedarf der Schwellenländer. Daher wird die Preisbildung ungewiss bleiben.
Es ist auch wahr, was gesagt wurde, dass die Spekulation einen vielleicht etwas höheren Stellenwert hat, als wir das ursprünglich erwarten mussten. Weil diese Preise am Steigen sind, ist der Markt für Investoren interessant geworden; sie setzen darauf. Das sind Hedge Funds, das sind zum Teil auch Rohstoff-Fonds, und sie interessieren sich natürlich durch Future-Kontrakte für diese Entwicklung, insbesondere, solange sie nach oben geht. Und es ist auch wahr, dass private Konzerne in den letzten Jahren gute bis sehr gute Gewinne gemacht haben und dass es Länder gibt, die zunehmend eine Art Rohstoffnationalismus betreiben.
Die Hauptgewinner dieser Situation sind die Exportländer und die Energiebranche. Beides trifft für unser Land nicht zu. Wir haben jedoch auch indirekte Gewinner, und von diesen ist hier zu wenig gesprochen worden. Wir haben in unserem Land Energiehandelsagenturen, wir haben Unternehmen, die sich zunehmend mit Alternativtechnologien beschäftigen, wir haben Unternehmen im Bereich der Elektrogeräte des Maschinenbaus, und wir haben insbesondere auch die Tatsache, dass in gewissen Erdölförderländern mehr verfügbare Mittel für den Import von Produkten aus der Schweiz, beispielsweise von Pharmaprodukten und Uhren, zur Verfügung stehen; solche indirekten Gewinner haben wir.
Dann haben wir die Verlierer - und dort, Herr Nationalrat Giezendanner, gehören Sie dazu. Es ist in der Tat so, dass es gewisse Branchen gibt, die zu den direkten Verlierern gehören. Die Transportbranche mag im Vordergrund stehen, es sind aber auch die Zementindustrie, die Ziegelindustrie, die Papierindustrie, die Kunststoffindustrie zu erwähnen - es ist eine ganze Reihe, die sich hier mit ähnlicher Stimme melden könnte, wie es nun das Transportgewerbe tut. Ich verstehe die Ungewissheit, und ich verstehe bis zu einem gewissen Grad auch den Unmut dieser Branche. Aber Sie befinden sich - und damit komme ich zu den Massnahmen - im Wettbewerb. Dieser Wettbewerb basiert unter anderem auch auf der Vertragsfreiheit. Sie haben bis jetzt immer die Möglichkeit gehabt, Ihre Preise zu überwälzen, und der Markt hat Ihnen diese Preise auch immer abgenommen. Wenn Sie Verpflichtungen haben, die das jetzt kurzfristig nicht zulassen, dann verweise ich Sie auf die Vertragsfreiheit: Dann müssen Sie eben Ihre Verträge so machen, wie das andere Branchen auch tun, wo die Teuerung zum Beispiel ein Element der Preisbildung ist, das man vorsieht.
Jetzt zu den Massnahmen: Der Bundesrat setzt in erster Linie auf die Marktkräfte. Die Marktkräfte sind da, um Angebot und Nachfrage in der Zeit zu regeln. Oder anders gesagt: Der Bundesrat möchte nicht mit Steuervergünstigungen oder mit Subventionen einfahren. Denn Steuervergünstigungen und Subventionen müssten kräftig genug sein, um den Markt effektiv zu korrigieren. Das braucht dann zum Teil sehr massive Eingriffe. Nur ein bisschen Kosmetik mit ein paar Rappen auf und ab löst das Problem nicht. Denn wie ich gesagt habe, ist der Preis unberechenbar, und schon in wenigen Wochen kann er sinken - und dann? Und in wenigen Wochen kann er steigen - und dann?
Aus klimapolitischer Sicht ist ein Nachfragerückgang notwendig. Der Bundesrat hat ein entsprechendes Programm der Energiestrategie Schweiz in diesem Frühjahr verabschiedet; und ich möchte in diesem Zusammenhang Herrn Nationalrat Maurer daran erinnern, dass der Bundesrat ausdrücklich auch gesagt hat, er wolle Rahmenbedingungen schaffen, die günstig seien, unter anderem für die Entwicklung der Kernenergie. Es ist nicht so, dass der Bundesrat sich dem widersetzt hat.
Jetzt zu den Steuern und damit zum eigentlichen Thema der Interpellation der SVP-Fraktion: Ich äussere mich zunächst zur Mineralölsteuer und zum Mineralölsteuerzuschlag. Es gibt ein Gesetz, und dieses Gesetz enthält im Anhang eine ganze Reihe von Tarifen. Es ist wahrscheinlich eines der technomorphsten Gesetze, wie Sie sehen, wenn Sie diesen Anhang anschauen. Ich glaube, wer diesen Anhang interpretiert, muss noch ziemlich gute Chemiekenntnisse mitbringen, er muss sich in den verschiedenen Treibstoffen auskennen. Dieses Gesetz besagt aber, dass es Steuerbefreiungen gibt, und zwar für die konzessionierten Transportunternehmen. Dieses Gesetz besagt auch, dass es Steuerrückerstattungen gibt, und darüber entscheidet jeweils das Parlament. Es gibt solche für die Landwirtschaft, das wissen wir. Es gibt solche für die Fischerei, für die Berufsfischerei. Es gibt sie seit Neuestem für die Natursteine, nicht wahr? Und es gibt sie auch für die Forstwirtschaft. Die Kompetenznormen sind klar, und ich mache Sie darauf aufmerksam, dass, als dieses Mineralölsteuergesetz gemacht wurde, der Bundesrat für sich eine Kompetenz zur unmittelbaren Tarifanpassung in Krisenfällen vorsah. Aber das Parlament hat das abgelehnt. Ich muss einfach sagen: Wir haben keine Möglichkeit, Herr Nationalrat Giezendanner, irgendwie ex cathedra eine
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AB 2008 N 933 / BO 2008 N 933
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Anpassung der Tarife zu beschliessen. Das ist Sache des Parlamentes.
In diesem Gesetz ist auch die Besteuerung von Diesel und Benzin geregelt. Es gibt eine Differenz zwischen den beiden Besteuerungen, zulasten der Besteuerung von Benzin. Nun haben wir vor etwa einem Jahr eine Anpassung der Mineralölsteuer-Gesetzgebung beschlossen, dergestalt, dass biogene Treibstoffe teilweise befreit werden. Diese Befreiung wird durch den Aufschlag beim Benzin kompensiert, sodass der Unterschied ab dem 1. Juli 2008, also in drei Wochen, noch etwa 1,4 Rappen pro Liter beträgt. Nachdem der Energiewert von Diesel höher ist als der von Benzin, ist Diesel letztlich eben günstiger besteuert.
Der Bundesrat hätte keine Kompetenz, hier etwas zu ändern. Ich muss aber noch einmal sagen, dass der Tanktourismus ja beweist, dass der Preis bei uns immer noch günstig ist. Wir haben im Jahr Einnahmen von etwa 600 Millionen Franken allein aus dem Tanktourismus. Die Ausländer würden nicht in die Schweiz kommen, um Benzin und Diesel zu tanken, wenn es hier nicht billiger wäre. Das ist also nach wie vor der Fall.
Ich komme zur Mehrwertsteuer. Die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer auf Brenn- und Treibstoffen betrugen im letzten Jahr 780 Millionen Franken. Wenn die Preisentwicklung sich weiterhin so gestalten würde wie bis im April dieses Jahres, hätten wir per Ende Jahr etwa 100 Millionen Franken zusätzlich in der Kasse der Mehrwertsteuer, eventuell etwas mehr. Jetzt ist aber die Mehrwertsteuer dadurch gekennzeichnet, dass ein Teil davon für die Prämienverbilligung in der Krankenversicherung vorgesehen ist; ein zweiter Teil ist für die Finanzierung der AHV vorgesehen; ein dritter Teil, Herr Nationalrat Giezendanner, geht in den FinöV-Fonds, der ja letztlich eben auch Investitionen in die Strasse und in die Bahn zum Gegenstand hat. Die Mehrwertsteuer ist eine Endverbrauchssteuer, weshalb sie am Ende, wenn die ganze Kalkulationskette gemacht ist, draufgeschlagen werden muss. Jetzt sagen Sie, dass Erdöl und Benzin wie Güter des Grundbedarfs betrachtet werden sollten; auch Herr Maurer hat, glaube ich, darauf hingewiesen. Ich muss Ihnen sagen, dass lange nicht alle Grundbedarfsgüter mit der tieferen Mehrwertsteuer belegt und so begünstigt werden. Kleider, Schuhe, Möbel, Waschmittel usw. sind alles Güter des Grundbedarfs, die auch nicht bevorzugt, sondern normal, mit 7,6 Prozent, besteuert werden.
Wenn wir hier gemäss Ihrer Vorstellung die Mehrwertsteuer von 7,6 auf 2,4 Prozent absenken würden, dann ergäbe das beim Bund eine Mindereinnahme von 600 Millionen Franken pro Jahr. Aber der Effekt auf Ihre Preise wäre letztlich nicht allzu gross. Es wäre ein Absinken um etwa 10 Rappen pro Liter. Wenn Sie aber davon ausgehen, dass heute die Differenzen der Preise in der Schweiz an der Säule vom tiefsten zum höchsten auch etwa 10 Rappen betragen und dass sich die Preise manchmal innert weniger Wochen um 10 oder noch mehr Rappen nach oben und nach unten bewegen, dann muss ich Ihnen sagen: Mit dieser Mehrwertsteuersenkung bewirken Sie nichts, das löst Ihr Problem nicht! Das ist ein bisschen Korrektur, aber es fehlen dann 600 Millionen Franken in der Bundeskasse. Unter Umständen fehlen sie dann an Orten, für die Sie sich auch einsetzen. Deshalb habe ich gesagt: Bleiben Sie bei den Fakten. Bleiben Sie nüchtern. Sehen Sie sich die Zahlen an. Sehen Sie die Relationen.
Ich sage, was ich auch im Ständerat gesagt habe: Nutzen wir doch diese Situation auch als eine Chance! Alle reden von Energieeffizienz. Alle sagen, man solle auf günstige Energien umsteigen. Okay, nutzen wir doch jetzt diese Gelegenheit, und machen wir es!