Gilli Yvonne (G, SG):
Die Grünen haben seinerzeit den Kredit für das Euratom-Programm abgelehnt. Heute diskutieren wir über die Umsetzung der Schweizer Beteiligung am ehrgeizigen, auch faszinierenden Programm zur Kernfusionsforschung, wovon Bau und Betrieb des experimentellen Fusionsreaktors ITER in Südfrankreich ein Bestandteil sind.
Die Grünen stehen diesem Forschungsprojekt sehr kritisch gegenüber. Eine Mehrheit von uns wird die Genehmigung dieser Verträge entsprechend konsequent ablehnen. Wir stehen mit unserer Haltung nicht alleine da; auch die europäischen Grünen lehnen die Kernfusionsforschung in der heutigen Form ab. Dabei ist die Vision, die Energie der Sonne auf die Erde zu holen, auch für uns faszinierend. Besser aber würden wir im Bereich der Nutzung der erneuerbaren Energie mehr in die Erforschung der Sonne am Himmel und deren Energienutzung investieren. Noch steht es in den Sternen, ob uns durch Kernfusion gewonnene Energie je zur kommerziellen Nutzung zur Verfügung stehen wird. Ebenfalls in den Sternen steht, wann dies der Fall sein wird und wie hoch der Preis dafür ist. 16 Milliarden Franken, das ist eine von einem ETH-Professor im letzten Jahr geäusserte Schätzung, 16 Milliarden Franken, das ist |
AB 2009 N 44 / BO 2009 N 44
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der Preis der Energiemenge, den die Welt heute in einem Tag verbraucht!
Dieses Parlament hat 2006 dem Kredit für die Beteiligung am globalen Kernfusionsprojekt zugestimmt. Es ist deshalb aus dieser Sicht folgerichtig und logisch, dass der damalige Beschluss auf Vertragsebene umgesetzt wird.
Die ersten Schritte dazu sind eingeleitet. Was es noch braucht, ist unsere formale Genehmigung. Für die Schweiz geht es um die organisatorische Integration in das Projekt ITER, welche die Beteiligung von Schweizer Forschern erlaubt, und es geht um das Begleitprogramm, das neben dem Bau des experimentellen Fusionsreaktors in einem zweiten Schritt auch die Voraussetzungen für die kommerzielle Nutzung schaffen sollte.
Für uns bleiben im Bereich der Kernfusionsforschung, so, wie sich die Schweiz heute beteiligen will, wichtige Fragen unbeantwortet: Ist es sinnvoll, ein experimentelles und elitäres Projekt von dieser Grössenordnung, ja vielleicht ein megalomanes Projekt, umzusetzen und gleichzeitig für die Förderung und Gewinnung erneuerbarer Energie und für die Steigerung der Energieeffizienz und die angewandte Forschung in diesen Gebieten im Vergleich dazu nur Brosamen aufzuwenden? Bräuchte dieses Grossprojekt von fast unvorstellbarer Dimension, das Grosskapital von globalen Playern benötigt und deshalb auch ein finanzielles Grossrisiko darstellt, nicht auch neue Strategien zur Risikoeinschätzung und -bewältigung? Bräuchte es dazu nicht einen gesellschaftlich-philosophischen Diskurs und eine wissenschaftliche Diskussion, die über die eingeweihten Fachkreise hinausgehen?
Als Folge der Wirtschafts- und Finanzkrise werden wir auch in der Schweiz den Gürtel enger schnallen müssen. Es stellen sich deshalb auch Fragen zur unmittelbaren Effizienz der hier eingesetzten Mittel, zu einem entsprechenden Reporting und zu den Konsequenzen der zu erwartenden Kostenüberschreitungen, die alles andere als transparent kommuniziert werden.
Ich möchte auch anmerken, dass ich einigermassen überrascht bin, wie spärlich und wenig kritisch dieses Geschäft beleuchtet wird.
Ich wünsche mir in Zukunft kritische Fragen, die in der nötigen Tiefe diskutiert werden.
Die Grünen empfehlen Ihnen in der Mehrheit, in Übereinstimmung mit der Haltung der europäischen Grünen, die vorliegenden Verträge nicht zu genehmigen und in diesem Sinn ein Zeichen für den Ausstieg der Schweiz aus dem Euratom-Vertrag zu setzen. Dieser Ausstieg wäre auf 2011 möglich, der Vertrag müsste ein Jahr vor Ablauf gekündigt werden. Für die Fusionstechnologie werden international, aber auch in der Schweiz, beträchtliche Steuermittel eingesetzt, während immer noch ungenügend in die Förderung erneuerbarer Energien und in die Steigerung der Energieeffizienz investiert wird.
Wir können uns mit einer derart einseitigen und unausgewogenen Technologieförderung nicht einverstanden erklären und hinterfragen diese auch aus demokratischen und wirtschaftlichen Überlegungen heraus. Die Chancen einer kommerziellen Nutzung der Kernfusionsenergie stehen in keinem Verhältnis zu den Chancen der kommerziellen Nutzung erneuerbarer Energien und Technologien zur Steigerung der Energieeffizienz. Wir erachten diesen Sachverhalt als eigentliche Verzerrung bei den Investitionen in verschiedene Technologien und machen auch darauf aufmerksam, dass aus der Kernfusionsforschung eine relativ geringe dezentrale Wertschöpfung hier in der Schweiz, vor Ort, bei den Leuten generiert wird.
Eine hochzentralisierte, teure und hochkomplexe Energiegewinnung birgt nicht nur das Risiko von Störfällen mit ungeahnten energie- und finanzpolitischen Folgen, sie stellt auch ein Sicherheitsrisiko im Hinblick auf kriegerische Auseinandersetzungen und/oder Terrorismus dar. Solche Anlagen werden in Zukunft Klumpenrisiken darstellen, wie wir sie heute im Finanzsektor haben, deren Dimensionen wir erst zu ahnen beginnen. Notabene investieren die USA im Bereich der Kernfusionsenergie Milliarden von Dollars in die militärische Forschung, deren Ziele wohl nicht weiter erläutert werden müssen.
Trotz aller Kritik und trotz einer Empfehlung auf Ablehnung dieses Projektes respektive der Beteiligung der Schweiz möchte ich mit einer positiven Würdigung der Schweizer Forschenden abschliessen, denen es bisher gelungen ist, in der internationalen Forschung Spitzenpositionen zu belegen. Ich möchte auch positiv würdigen, dass nicht zuletzt durch die Schweizer Forschung im Umfeld der Kernfusion so quasi als Nebenprodukt natürlich auch laufend Erkenntnisse gewonnen werden, die bereits angewandt und industriell genutzt werden können.