Gross Andreas (S, ZH):
Es gibt in der Politik Zitate und Reden, die am nächsten Tag bereits wieder vergessen sind. Es gibt aber ein Zitat aus dem Jahr 1868, das umso richtiger wird, je mehr Zeit vergeht. Die Bewegung, welche die direkte Demokratie im Kanton Zürich erkämpfte und später dann auch massgeblich die Entwicklung der direkten Demokratie in der ganzen Schweiz beeinflusste, sagte, für einen normalen Bürger und eine normale Bürgerin sei eine Person oder eine Partei viel schwieriger zu verstehen als die schwierigste Sachfrage. Dies war ihr Argument dafür, dass die Menschen lieber schwierige Sachfragen entscheiden als nur Stellvertreter wählen.
Heute ist dies noch viel schwieriger geworden, weil die Presse zum Beispiel über unsere Arbeit wenig berichtet, weil ein durchschnittlicher Zeitungsleser und eine durchschnittliche Zeitungsleserin wenig darüber wissen, was wir mit unseren Parteien und für unsere Parteien tun. Es ist sehr schwierig geworden, vor Wahlen die Menschen sozusagen zu überzeugen, diese oder jene Partei zu wählen. Das ist einer der Gründe dafür, dass dafür enorm viel Geld ausgegeben wird. Das Geld soll Vertrauen schaffen und sozusagen die Bindung wiederherstellen, die viele Bürgerinnen und Bürger zu den Parteien verloren haben. Deshalb ist das Geld ein nicht zu unterschätzender Faktor in Bezug auf die Wahlen. Es ist kein Argument zu sagen: Letzten Sonntag haben jene verloren, die viel mehr Geld hatten als jene, die gewonnen haben. Das Zitat aus der Zeit vor mehr als hundert Jahren zeigt eben, dass zwischen Sachabstimmungen und Wahlen ein ganz wesentlicher Unterschied in Bezug auf die Meinungsbildung besteht und dass das Argument, dass Wahlen sehr viel kosten, immer wahrer wird.
Auf der anderen Seite wissen wir - und das sollten vor allem jene wissen, die in der Wirtschaft tätig sind -, dass entscheidend ist, wie fair und wie gut ein Wettbewerb ausgestaltet ist. Fair heisst, dass ein Wettbewerb dann gut ist, wenn Chancengleichheit besteht. Jetzt sind wir in der Politik freilich sehr bescheiden geworden. Wir reden nicht einmal mehr von Chancengleichheit. Wir reden bloss vom Abbau der Chancenungleichheit: Die Chancenungleichheit darf nicht zu gross sein, weil ansonsten der Prozess nicht zu einem legitimen Ergebnis führt - das ist das Entscheidende.
Wir wissen heute, dass die letzte Wahl eine der teuersten in der ganzen Schweizer Geschichte war. Wir wissen schon heute, dass in zwei Jahren, im Herbst 2011, die absolut teuerste Wahl stattfinden wird, bei der eine Seite, eine Partei, etwa dreimal mehr Geld zur Verfügung haben wird als alle anderen zusammen. Wenn wir nicht wollen, dass diejenigen, die diese Wahlen im Herbst 2011 verlieren werden, sagen, sie hätten sie nur verloren, weil sie keine Chance gehabt hätten, gegen die anderen zu bestehen, so müssen wir nicht nur Transparenz herstellen, sondern wir müssen etwas tun, um diese Chancenungleichheit abzubauen, welche dem Ergebnis die Legitimität, welche ein Parlament haben muss, nimmt.
Wir können jetzt nicht nichts tun, warten und uns dann entsetzen. Im Herbst 2011 werden viele Bürger über die Einseitigkeit der Verteilung der Ressourcen, die den Konkurrenten im Wettbewerb zur Verfügung stehen, entsetzt sein. Wir können aber nicht dem Bundesrat immer vorwerfen, er habe etwas nicht vorausgesehen - wir müssen es heute selber auch tun. Deshalb schlage ich Ihnen vor, dass jenen Parteien, die Transparenz herstellen, die Spenden, welche sie von Privaten bekommen, vom Staat, von der Gesellschaft verdoppelt werden. Damit können die extremen Disparitäten abgebaut und kann die Mitte gestärkt werden. Wir müssen Bestimmungen vorsehen, die verhindern, dass das umgangen wird. Wir können auch in der zweiten Phase sagen, dass es im Gesamten nicht mehr als soundso viel kosten dürfe.
Ich bitte Sie aber, etwas zu tun, damit das nicht passiert, was wir absolut verhindern müssen, dass nämlich ein Parlament gewählt wird, von dem man sagen kann: "Die sind nur hier, weil sie viel Geld hatten!" Das darf in der Schweizer Demokratie nicht passieren. Ansonsten wird dieses Parlament gegenüber dem Bundesrat noch schwächer werden, als es heute ist.