Leuthard Doris, Bundespräsidentin:
Ich möchte mich bedanken für die Diskussion und auch für Ihre Vorstösse mit den vielen Ideen und Anliegen, die Sie uns unterbreitet haben. Es ist schon nicht ganz so, Frau Fässler, dass wir einfach alles ablehnen und für nicht gut befinden. Von den 32 Vorstössen haben immerhin deren 10 lediglich Berichte verlangt. Zwei Vorstösse, nämlich Ihren Vorstoss (09.4283) und jenen von Herrn Robbiani zur Innovationsförderung (09.3825), nehmen wir auch an.
Es ist sicher richtig, dass sich das Parlament mit der Arbeitslosigkeit und den Aussichten für die betroffenen Menschen, aber auch mit den Aussichten für unsere Wirtschaft generell auseinandersetzt. Sie alle sind, wie auch ich, sicher erleichtert, dass die Februarzahlen zu einigem Optimismus berechtigen. Wir haben zwar nach wie vor 173 000 von Arbeitslosigkeit betroffene Menschen in unserem Land, aber trotzdem zum ersten Mal einen Rückgang und wohl auch eine Tendenz, die Aussicht bietet, dass der tiefste Punkt überschritten sein könnte. Wenn man die Zahlen genauer anschaut, so fällt auf, dass wir zwischen der Deutschschweiz und der Westschweiz und dem Tessin eine unterschiedliche Situation haben. Insbesondere in der Westschweiz haben wir von der Wirtschafts- und Finanzkrise überdurchschnittlich betroffene Kantone und Regionen. Das hat ja auch dazu geführt, dass der Bundesrat hier für diese besonderen Regionen die Bezugsdauer für Taggelder verlängert hat. Das soll in diesem ganzen Jahr auch weiter stützend wirken.
Es ist auch so, dass wir bei den Schweizerinnen und Schweizern derzeit eine unterdurchschnittliche Arbeitslosenquote von 3,1 Prozent haben, dies gegenüber der Quote von 8,8 Prozent bei den Ausländerinnen und Ausländern. Deshalb ist festzustellen, dass die Regeln des einheimischen Marktes und die Bevorzugung der einheimischen Arbeitskräfte wirken. Ich möchte hier nochmals in aller Deutlichkeit sagen, dass die Situation, die wir im Bereich des Arbeitsmarktes haben, nicht eine Folge der Personenfreizügigkeit ist, sondern ganz im Gegenteil eine Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Betroffenheitsskala zeigt, dass in der Regel die einheimischen und die seit Langem hier ansässigen Arbeitskräfte, die sehr oft auch besser ausgebildet sind als diejenigen aus Drittstaaten, vor Kündigungen besser geschützt sind als erst vor Kurzem zugewanderte Personen.
Wenn Sie die Altersskala anschauen, zeigt sich auch, dass die Betroffenheit bei den Jugendlichen nach wie vor gross ist. Wir haben zwar bei den 15- bis 19-Jährigen eine unterdurchschnittliche Arbeitslosigkeit von 3 Prozent, aber bei den 20- bis 24-Jährigen sieht es mit derzeit 6,6 Prozent anders aus. Sie wissen - diese Idee lag ja dem dritten Paket des Bundesrates zugrunde, das dieses Jahr wirkt -, dass wir in diesem Bereich zusammen mit den Kantonen gezielt zusätzliche Massnahmen aufgegleist haben, insbesondere in den Bereichen Weiterbildung, Umschulung und Brückenangebote. Es wird also im ganzen Jahr 2010 in diesem Bereich gezielt weiter unterstützt. Die Zahlen belegen auch, dass in diesem Bereich die Verletzlichkeit sehr gross ist. Auf der anderen Seite der Altersskala, bei den über 55-Jährigen, liegen wir mit 3,6 Prozent ebenfalls unter dem Durchschnitt. Das ist erfreulich, weil bei dieser Altersgruppe das Risiko, im Fall von Arbeitslosigkeit langzeitarbeitslos zu werden, sehr gross ist.
Ich glaube, was man sagen kann und darf, ist, dass die drei Stabilisierungspakete des Bundesrates, welchen Sie |
AB 2010 N 277 / BO 2010 N 277
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zugestimmt haben, wirken. Es hat sich bezahlt gemacht, dass wir gezielt mit schnell wirksamen Massnahmen vorgegangen sind, und offensichtlich hat das stützende Wirkung gehabt, und zwar nicht nur im Bausektor und in anderen zugewandten Bereichen: Mit diesen Massnahmen haben wir auch generell im Export eine Stabilisierung erreicht. In diesem Jahr werden die Massnahmen, die wir im Bereiche dieser drei Pakete mit noch rund 1,4 Prozent des BIP gezimmert haben, weiterhin die Konjunktur unterstützen; es ist wichtig und richtig, dass sie hier das ganze Jahr noch nachwirken. Sie haben gehört, dass der Bundesrat zusätzlich aber auch die Kurzarbeit auf 24 Monate verlängert hat. Wir sind uns bewusst, dass hier nicht sehr viele Betriebe davon Gebrauch machen werden. Wir wollten aber, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden, besonders betroffenen Regionen, Branchen oder sich noch in Schwierigkeiten befindenden Betrieben eine weitere Unterstützung offerieren. Diese Massnahmen werden deshalb die positiven Zeichen am Konjunkturhimmel, die sich jetzt abzeichnen, verstärken.
Es wurde von den Herren Rechsteiner und Schneider richtig gesagt, dass die Frankenstärke auf jeden Fall zu beobachten ist. Wir sind uns dessen bewusst. Sie wissen aber auch, dass es Sache der Schweizerischen Nationalbank ist, hier den richtigen Zeitpunkt für Interventionen zu erwischen. Wir sind in regem Kontakt mit der SNB, um eben mit den Massnahmen einerseits die Frankenstärke, andererseits aber eben auch den Aufschwung gut im Lot zu behalten. Dessen sind wir uns sehr wohl bewusst. Das wird in den nächsten Monaten für die Konjunktur und insbesondere auch für die Möglichkeiten der Exportindustrie wichtig sein.
Auch wenn wir jetzt punkto Konjunktur eine leicht verbesserte Situation haben, so wird es, wie einige von Ihnen richtig erwähnt haben, dieses Jahr wohl kaum auf den Arbeitsmarkt durchschlagen. Selbst wenn sich die Arbeitslosigkeit stabilisiert, wird sie erst dann reduziert, wenn wir wieder höhere Wachstumszahlen haben, wenn die Auftragsbücher auf längere Zeit gefüllt sind und die Unternehmen das Gefühl haben, dass sie für 2011 oder 2012 investieren können und neue Arbeitskräfte brauchen. Wenn dies nicht der Fall ist, wird sich die Situation, die wir jetzt haben, weiterhin dahinziehen.
Für den Bundesrat sind daher, und da möchte ich auch Sie in die Pflicht nehmen, die sogenannten Rahmenbedingungen zentral. Wenn wir jetzt mit der Perspektive auf die Jahre 2011 und 2012 neue Arbeitsplätze schaffen wollen, dürfen wir die Bedingungen des Standortes Schweiz nicht verschlechtern. Da heisst es aufpassen mit Erhöhungen bei allen Lohnnebenkosten, bei Abgaben, bei Steuern. All das wären Verschlechterungen der Rahmenbedingungen. Da müssen wir aufpassen. Wir müssen das tun, was nötig ist, aber mit Blick auf künftige Arbeitsplätze immer die Konjunktur- und Wirtschaftsverträglichkeit im Auge behalten.
Weiter diskutieren Sie über den Finanzplatz und über Initiativen im Bereiche der Boni. Das muss sein, aber behalten Sie auch da im Auge, dass der Finanzplatz Schweiz ein Pfeiler der Volkswirtschaft ist. Es gibt in diesem Bereich nach wie vor rund 120 000 Arbeitsplätze. Auch da braucht es nicht ein Übertreiben bei der Regulierung, sondern das Ausarbeiten strengerer Vorschriften, die den Finanzplatz Schweiz aber nicht verschlechtern und nicht gefährden dürfen.
Wichtig ist mir, dass wir jetzt auch Bereiche neu aufbauen und etablieren, in denen mittelfristig neue Arbeits- und Berufsfelder entstehen. Sie haben uns im dritten Paket mit Exportplattformen in den Bereichen Life Sciences und Clean Technologies geholfen, das anzugehen. Noch dieses Jahr wird der Bundesrat weitere Berichte zu diesen Bereichen vorlegen und Massnahmen vorschlagen, weil er sicher ist, dass es dort in Zukunft neue Arbeitsplätze gibt. Das müssen wir jetzt angehen, um Perspektiven zu schaffen.
Ich möchte aber auch noch ein Wort zur Sozialpartnerschaft sagen. Nebst dem flexiblen Arbeitsmarkt war es ...
(Unruhe)
Wenn Ihnen das Thema Arbeitslosigkeit so wichtig ist, so braucht es nicht nur Vorstösse, sondern auch das Zuhören! Ich wollte gerade sagen, dass im Bereich der Sozialpartnerschaft das Zuhören eben sehr wichtig ist. Es war immer eine Stärke der Schweiz, dass wir einen flexiblen Arbeitsmarkt und eine starke Sozialpartnerschaft haben, und ich hoffe, wir können sie erhalten. Im Moment stelle ich eine Verhärtung der Diskussion fest, es gibt Fronten, und das ist verheerend für den Arbeitsmarkt. Wenn man da nicht gemeinsame Positionen findet und im Dialog Lösungen für die Probleme erarbeitet, dann hat auch das einen negativen Effekt, und zwar nicht nur auf den Standort, sondern eben auch auf den Arbeitsmarkt. Ich hoffe sehr, dass die Sozialpartner sich jetzt nicht im Hinblick auf die Wahlen 2011 in Konfrontation üben, sondern in Kooperation; dazu möchte ich sie wirklich ermuntern, das ist ganz zentral.
Noch zu ein paar Fragen - sie kamen von Frau Estermann und Herrn Schlüer - zur Ventilklausel: Es war damals ein schwieriger Entscheid für den Bundesrat. Sie wissen, die interdepartementale Arbeitsgruppe hat gut gearbeitet. Sie ist natürlich nicht zum Entscheiden da, das macht der Bundesrat selber, aber sie hat die Möglichkeiten aufgezeigt und auch die Auswirkungen, die es gehabt hätte, wenn man die Ventilklausel angerufen hätte. Es war nicht ein Lockvogel, Herr Schlüer, wir hätten sie anrufen können. Der Bundesrat hat aber anders entschieden, erstens weil wir gesagt haben, es wäre ein negatives Signal an die Wirtschaft, an die EU, und zweitens sind wir davon überzeugt, dass wir die Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt auch ohne Ventilklausel stabilisieren können. Es war für den Bundesrat auch wesentlich, dass wir mit der Anrufung der Ventilklausel zwar den Zuwanderungsdruck hätten etwas mildern können, es ging aber nur um rund 6000 Arbeitsplätze, insofern war das für uns nicht absolut relevant.
Ich muss Ihnen sagen, auch heute habe ich nach wie vor Briefe von Unternehmen auf meinem Schreibtisch, die gerade das Umgekehrte wollen, die finden, auch unsere Restriktionen bei der Kontingentierung von Drittstaaten seien zu streng. Sie sind nach wie vor der Meinung, wir hätten in einzelnen Bereichen in der Schweiz zu wenig Fachkräfte, und sie bitten uns, die Zuwanderungspolitik da zu überdenken. Sie sehen also, es ist nicht ganz einfach, der Wirtschaft die Befriedigung der Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften zu ermöglichen, sie aber auch zu zwingen, einmal zu schauen, was auf dem einheimischen Markt derzeit an Arbeitskräften vorhanden ist.
Zur Frage von Frau Galladé bzw. zum Vorwurf, wir würden nichts tun: Damit bin ich also gar nicht einverstanden. Zunächst mal haben wir in diesem Jahr für arbeitsmarktliche Massnahmen fast 800 Millionen Franken budgetiert, welche Bund und Kantone ausgeben werden. Das Budget ist da, wie Sie wissen, offen; es ist relativ viel Geld. Wir haben das ganze dritte Paket für dieses Jahr; wir können jetzt umsetzen, was die Jugendlichen betrifft. Für die Langzeitarbeitslosen haben Sie uns eine Hürde von 5 Prozent ins Gesetz eingebaut. Es ist also noch in petto, für den Fall, dass diese Grenze überschritten wird. Die 1,4 Prozent des BIP, die zur Verfügung stehen - generell durch Konjunkturprogramme, durch Fiskalmassnahmen usw. -, entsprechen 6 Milliarden Franken oder noch mehr. Es ist, Frau Galladé, nicht wenig, was wir hier an Staatsinterventionen kreiert haben und was hier an Mitteln noch zur Verfügung steht.
Oui, Monsieur Baettig, le canton du Jura est très touché par la crise, nous en sommes très conscients. C'est d'ailleurs pour cela que nous étions d'accord, pour le canton du Jura, d'augmenter de 400 à 520 jours le nombre maximum d'indemnités de chômage, ce qui constitue vraiment une aide à un canton qui est touché par la crise.
Toutefois, le problème des frontaliers - Madame John-Calame l'a bien précisé - n'a rien à voir avec la crise ni avec la libre circulation des personnes; c'est un phénomène qui touche votre canton ainsi que les cantons du Tessin et de Genève, mais cela n'a rien à voir avec cette crise. C'est un problème qui existe, mais vous ne pouvez pas mélanger les deux choses.
Je serais d'accord avec vous si vous vous étiez prononcé en faveur du troisième paquet de mesures de stabilisation conjoncturelle. Mais si les autres parlementaires n'avaient pas accepté ledit paquet, votre canton ne disposerait pas de ces |
AB 2010 N 278 / BO 2010 N 278
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recettes supplémentaires. Je pense donc que c'était là une bonne décision de la part de vos collègues, mais pas de vous-même, qui êtes pourtant un représentant du canton du Jura.
Ich bitte Sie daher, bei der Entscheidung über diese Vorstösse den bundesrätlichen Anträgen zu folgen. Wir nehmen das Ganze sehr ernst. Es ist vieles gemacht worden. Ich möchte auch noch die Initiative Speranza erwähnen, denn im Bereich der wenig Qualifizierten, der schulisch Schwächeren, haben wir nach wie vor das grösste Problem. Travail Suisse hat zu Recht gesagt, dass fast ein Drittel der Arbeitslosen keine ordentliche Ausbildung aufweist. Das ist auch eine Altlast der Zuwanderung. Das beste Mittel, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden, ist und bleibt eine gute Ausbildung. Hier haben wir mit Ihrer Hilfe viele Mittel geschaffen, vom Case Management Berufsbildung über Brückenangebote bis zur zweijährigen Attestlehre; das hat Frau Weber-Gobet auch gesagt. Die zweijährige Attestlehre braucht noch sehr viel Unterstützung in den Kantonen. Das müssen wir verbessern, dann haben viele Jugendliche eine solide Ausbildung, kann Arbeitslosigkeit vermieden werden und entstehen Leistungsbereitschaft, Motivation und Perspektiven für unsere Unternehmen.