Leuthard Doris, Bundesrätin:
Ich habe eigentlich gedacht, dass sich Ihre Kommission nochmals intensiv mit dieser Situation befassen würde. Dieser Beschluss, der im Ständerat gefasst wurde, Herr Nationalrat Binder, kam nämlich erst vor der Wintersession zustande. Es handelt sich dabei um einen Vorschlag der Branche, der gesamten Branche, die sich hier gefunden hat.
Ich staune ein bisschen über die Diskussion, Frau Teuscher, darüber, dass man von der "Beschneidung" bzw. von der Abschaffung der Preisüberwachung spricht. Das Preisüberwachungsgesetz gilt heute und wird auch morgen gelten; wir ändern keinen einzigen Artikel des Preisüberwachungsgesetzes. Die Kompetenz des Preisüberwachers ist heute, morgen und übermorgen genau dieselbe. Oder können Sie mir zeigen, welcher Artikel im Preisüberwachungsgesetz geändert wird? Es kommt nicht zu einer Änderung. Die Kompetenzen, die gesetzlichen Grundlagen für die Tätigkeit des Preisüberwachers sind heute weder im Eisenbahngesetz noch in irgendeinem anderen Gesetz, sondern im Preisüberwachungsgesetz. Und dieses bleibt unverändert in Kraft. Deshalb erstaunt mich diese Diskussion schon sehr.
Ein zweites Argument, weshalb das so hineingekommen ist, da spreche ich vor allem die Politiker auf der bürgerlichen Seite an: Sie haben vor geraumer Zeit moniert, dass die Unternehmen, insbesondere die SBB, aufgrund der hohen Schulden nicht auf einen Abbaupfad kommen würden, sodass die Schuldensumme ansteige, anstatt reduziert werden zu können. Die SBB haben heute fast 8 Milliarden Franken an verzinslichen Schulden; die Gesamtschuld ist weit höher. Wie will ein Unternehmen die Schulden abtragen respektive versuchen, diese nicht zu vergrössern, wenn das nicht in der Gesamtstruktur des Unternehmens - von der Investitionstätigkeit über die Betriebskosten bis zur Preisgestaltung - zum Ausdruck kommen kann? Wir geben politisch den Unternehmen vor, was sie zu bauen haben, was die Erwartungen ans Netz sind, wo wir Stunden-, Halbstunden- oder Viertelstundentakt wollen. Sie werden das im Zusammenhang mit der Vorlage zu Finanzierung und Ausbau der Bahninfrastruktur (Fabi) noch viel intensiver tun als bis anhin. Sie machen über die gewerkschaftliche Seite auch Vorgaben zur Personalpolitik. Sie machen via Trassenpreisgestaltung sogar Vorgaben zu einem erheblichen Teil der Erträge im Bereich der Benützung der Bahninfrastruktur.
Herr Nationalrat Gasser, Sie verkennen völlig, dass es sich hier eben nicht um ein Unternehmen im freien Wettbewerb handelt. Die Bahnunternehmen müssen bei Ihnen im Bündnerland - das ist politisch gewollt - viele Linien betreiben. Die sind nie rentabel! Die werden querfinanziert, durch genau diese Fernlinien, um die es hier geht und die sehr rentabel sind. Der Preisüberwacher macht - das ist sein Auftrag, das ist richtig so - eine Einzelbetrachtung der Linien, die rentieren, und der Linien, die nicht rentieren. Das kann der Bundesrat nicht, und ich behaupte sogar, das können Sie nicht! Für die Verkehrspolitik geht es doch um mehr als nur um die Einzelpreise. Es geht darum, dass wir diesen Service public bis in die Täler hinein weiterhin finanzieren können. Das hat dann nicht mehr sehr viel mit Preispolitik zu tun, sondern mit der Vorstellung, dass das Unternehmen auch verpflichtet ist, nichtrentable Linien zu offerieren, weil der politische Wille so ist. Ein privates Unternehmen würde diese Linien sofort streichen. Auch im Güterverkehr, wo die SBB den Kostendeckungsgrad nachweislich bei Weitem nicht erreichen, schreiben wir vor, dass sie diesen Service aufrechterhalten müssen. Das sind Ziele des Bundesrates.
Jetzt können Sie schon sagen, das sei alles irrelevant und nur die Preise seien relevant. Dann müssen Sie aber relativ vieles am Gesetz ändern. Dann gehen Sie zu einem System über, wo die Bahnunternehmen dann wirklich staatlich subventionierte Unternehmen bleiben und wo jeglicher unternehmerischer Gedanke verschwindet. Dann müssen Sie auch bereit sein, die Schulden zu subventionieren, wenn Sie sie nicht mehr verzinsen wollen. Dann sagen Sie auch, es spielt Ihnen keine Rolle, wenn die Schulden erhöht werden, weil für Sie am Schluss der Preis massgeblich ist. Das, denke ich, kann nicht die Verkehrspolitik der Zukunft sein. Deshalb ist es für den Bundesrat schon wichtig, in Betrachtung einer Gesamtverkehrspolitik, Vorgaben an das Unternehmen machen zu können, die weiter gehen als die Preispolitik.
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AB 2012 N 255 / BO 2012 N 255
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Noch eine Bemerkung zum Votum von Frau Nationalrätin Allemann: Auch hier wüsste ich gerne, wo dann dieser Blankocheck sein sollte, wenn wir am Preisüberwachungsgesetz ja nichts ändern. Ich bin auch heute der Meinung, dass der Preisüberwacher sehr viele gute Interventionen macht. Aber auch hier müssen wir immer wieder darlegen: Wenn man die Renditen der Strecke Zürich-Bern-Genf schmälern würde, dann würde man eben auch den Regionalverkehr schwächen, weil die Unternehmen damit diese Linien querfinanzieren. Das ist bei der Post so, das ist bei anderen Service-public-Leistungen so. Es ist dem Bundesrat wichtig, dass das eben nicht gefährdet wird.
Der Ständerat hat in Übereinstimmung mit der Branche deshalb diese Verankerung in Artikel 15 unterbreitet, und wir meinen, das ist zielführend. Es kommt niemandem in den Sinn, dass der Preis keine Rolle mehr spiele. Aber er ist einer von verschiedenen Aspekten unserer Verkehrspolitik.