Sommaruga Simonetta (S, BE):
Der allergrösste Teil unserer Bevölkerung füllt Jahr für Jahr ehrlich und pflichtbewusst die Steuererklärung aus und bezahlt die Steuern. Ich gehe davon aus, dass wir in diesem Saal ebenfalls zu dieser grossen Mehrheit gehören. Wenn es um das Thema Steueramnestie geht, dann befassen wir uns hingegen mit jener Minderheit von Menschen, die sich nicht so verhalten. Wer von einer Steueramnestie Gebrauch machen will, hat seine Pflicht, Einkommen und Vermögen vollumfänglich zu deklarieren, irgendeinmal oder mehrfach nicht wahrgenommen, hat sich also nicht rechtmässig verhalten. Dieses Verhalten ist zutiefst unsolidarisch gegenüber all jenen, die ihre Steuern rechtmässig deklariert und bezahlt haben, und es ist ethisch und rechtsstaatlich verwerflich. Denn für mich ist Steuerhinterziehung kein Kavaliersdelikt, sondern Betrug am Gemeinwesen.
In einem Steuersystem mit einer effizienten und transparenten Steuererfassungspraxis und mit abschreckenden Strafbestimmungen müsste man gar nicht über eine
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AB 2004 S 257 / BO 2004 E 257
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Steueramnestie sprechen, weil die Hinterziehungsmöglichkeiten nicht oder praktisch nicht gegeben wären. Wenn ich nun aber höre, mit welcher Dringlichkeit und mit welcher Vehemenz eine Steueramnestie gefordert wird und wie man diese damit begründet, dass damit die Finanzlage des Bundes verbessert werden könne, dann schliesse ich in erster Linie daraus, dass es mit der heutigen Steuererfassungspraxis offenbar nicht zum Besten steht - weil es offenbar ein Leichtes ist, Steuern zu hinterziehen - und dass es angesichts der heutigen Strafbestimmungen auch wenig Eindruck macht, den Staat in diesem Bereich zu betrügen.
Aufgrund der Tatsache, dass anlässlich der letzten Steueramnestie in diesem Land, diese hat 1969 stattgefunden, 11,5 Milliarden Franken zum Vorschein kamen, können wir uns heute eine Vorstellung davon machen, wie viel Geld da zusammenkommt bzw. um wie viel Geld der Staat betrogen wurde. Ich habe von niemandem gehört, dass das bei einer allfälligen Steueramnestie dieses Mal bedeutend weniger Geld wäre.
Als ehrliche Steuerzahlerin, und das geht wohl auch noch anderen so, fühle ich mich angesichts dieser Ausgangslage zuerst einmal ziemlich verschaukelt und betrogen. Da gibt es also Leute - und es sind ja wohl kaum die Ärmsten unter den Steuerpflichtigen -, die ihrer Bürgerpflicht nicht nachkommen und am Schluss dann noch von einer Amnestie profitieren. Die Aussage, die im Nationalrat gemacht wurde, dass man in Bezug auf die Steueramnestie die ökonomische Situation, also die erhofften Einnahmen für den Staat, höher werte als die ethisch rechtsstaatliche, lässt den ehrlichen Steuerzahler zuerst einmal leer schlucken. Dass man aber - als Voraussetzung dafür, dass eine Steueramnestie den Steuerehrlichen zugemutet werden kann - im gleichen Zug dann nicht wenigstens dazu bereit ist, das Steuererfassungssystem zu verbessern und die Steuerstrafbestimmungen zu verschärfen, um wenigstens für die Zukunft diese Schlupflöcher zu stopfen und die Hinterziehungsmöglichkeiten zu minimieren, versteht kein ehrlicher Steuerzahler mehr. Steueramnestien ohne Verschärfung der Strafbestimmungen und ohne Verbesserung der Steuererfassung sind nichts anderes als Einladungen oder geradezu Aufforderungen, auch in Zukunft nach Möglichkeit Steuern zu hinterziehen. Steuern bezahlen sollen die anderen: jene, die halt nicht schlau genug sind, um ihr Geld am Fiskus vorbeizuschmuggeln, und jene, die ganz einfach einen Lohnausweis erhalten, den sie den Steuerbehörden einschicken müssen und den sie nicht manipulieren können. Das ist eine Ohrfeige für alle Steuerzahlerinnen und ganz besonders auch für unsere Jugend, die zum ersten Mal eine Steuererklärung ausfüllt und die verstehen soll, dass Gerechtigkeit, Solidarität und Ehrlichkeit Werte sind, die in unserem Land und auch in unserem Steuersystem etwas gelten. Nationalrat und Bundesrat haben das offenbar auch so gesehen. Beide haben diese Motion diskussionslos gutgeheissen. Bundesrat Merz hat auch selber darauf hingewiesen, dass eine Amnestie so gestaltet werden müsse, dass sich die ehrlichen Steuerzahler nicht benachteiligt fühlen. Eine Steueramnestie ohne die erwähnten Massnahmen wird für den ehrlichen Steuerzahler niemals verständlich sein. Ich kann Ihnen versichern, dass von unserer Seite eine Steueramnestie ohne Massnahmen in den Bereichen Steuererfassung und Steuerstrafbestimmungen mit allen Mitteln bekämpft würde. Ich gehe davon aus, dass auch die Mehrheit der Bevölkerung nicht bereit ist zu akzeptieren, dass wir Unehrlichkeit und Betrug honorieren und erst noch nichts dagegen unternehmen.
Ich bitte Sie im Namen der Kommissionsminderheit, ihrem Antrag zu folgen.