Sommaruga Simonetta (S, BE):
Ich bin froh, dass der Vizepräsident des Büros gesagt hat, dass es sinnig sei, bei dieser Motion einen Namensaufruf durchzuführen. Ich sehe das auch so. Heute um 12.20 Uhr ist ein Raunen durch diesen Saal gegangen, und zwar wurde nicht geraunt, weil eine Motion knapp abgelehnt worden ist, sondern weil einige von uns davon ausgegangen sind, dass das Stimmenverhältnis vielleicht eher umgekehrt ist. Aber wir wissen ja nicht einmal, wie die Stimmenzählerinnen und Stimmenzähler stimmen, und sobald bei uns die Stimmen ausgezählt sind, ist nirgends mehr festgehalten, wer wie gestimmt hat.
Der Grund, warum ich diese Motion eingereicht habe, ist aber nicht, dass ich kein Vertrauen zu den Stimmenzählerinnen und Stimmenzählern hätte. Die Hauptmotivation meines Anliegens und der Grund, warum ich dieses Anliegen jetzt auch wieder aufs Tapet bringe, ist die Forderung nach Transparenz. Herr Bieri, Sie haben gesagt, es habe sich in der Zwischenzeit nichts geändert. Für mich hat sich insofern viel geändert, als ich neu in diesem Rat bin, und vielleicht hat sich auch geändert, dass das Bedürfnis nach Transparenz in unserer Gesellschaft eher zu- als abnimmt, und dies zu Recht.
Transparenz ist die Grundlage der Demokratie, und zur Transparenz gehört meines Erachtens eben nicht nur, dass man weiss, wer was sagt, sondern auch, wer wie stimmt. Meines Erachtens ist es eben nicht so, dass wir mit der Offenlegung unseres Abstimmungsverhaltens etwas preisgeben, sondern im Gegenteil: Ich finde, es ist in unserem Interesse, dass die Bevölkerung und alle interessierten Kreise wissen, wie wir abstimmen. Denn erstens haben wir nichts zu verbergen, und zweitens sind wir in diesem Rat ja auch ein bisschen stolz darauf, dass wir eine unabhängige Politik machen. Wir haben als Standesvertreterinnen und -vertreter auch dem Kanton gegenüber Verpflichtungen, und selbstverständlich hat auch die Partei Erwartungen an uns, aber eben: Wir sind diesbezüglich vielleicht ein bisschen unabhängiger als andere. Das bedeutet aber nicht, dass man deswegen nicht wissen darf, wie wir abstimmen, sondern im Gegenteil: Auch mein Kanton, auch meine Partei, auch meine Wählerinnen und Wähler sollen und dürfen jederzeit wissen, wie ich stimme.
Ich bin mir bewusst, wie gesagt, dass man in diesem Rat nicht zum ersten Mal darüber debattiert, ob der Bevölkerung nicht nur die Abstimmungen des Nationalrates, sondern auch die des Ständerates bekannt gemacht werden sollen. Ich habe die Begründung für die Ablehnung ebenfalls nachgelesen.
Bei der Beratung des Parlamentsgesetzes im Jahr 2002 begründete der Kommissionssprecher die Ablehnung einer elektronischen Abstimmungsanlage damit, dass man diese Sache besser im Ratsreglement regeln würde. Aber immerhin sagte der Kommissionssprecher damals: "Der Mehrheit erscheint es grundsätzlich denkbar, dass künftig auch im Ständerat die namentlichen Resultate der Schlussabstimmungen öffentlich gemacht werden." Das war am 5. März 2002. Ich glaube, es ist verständlich, wenn man sich aufgrund dieser Aussage bis im Jahr 2005 doch ein bisschen Hoffungen gemacht hat. Anlässlich der Totalrevision des Geschäftsreglementes des Ständerates verwarf dann der Ständerat 2003 das Anliegen aber erneut, unter Verweis auf die hohen Kosten.
Die Begründung des Büros gegen den jetzt vorliegenden Vorstoss, war - wir haben es gehört - wieder vor allem ein Hinweis auf die Kosten sowie auf die bereits bestehende Transparenz. Ich bin mir bewusst, dass es für bestimmte Anliegen viel Zeit braucht, bis sie reif sind. Heute frage ich mich aber: Worauf warten wir denn eigentlich? Bis uns jemand eine elektronische Abstimmungsanlage vorschreibt, weil man das Öffentlichkeitsprinzip, das wir ja selbst verabschiedet haben, auch auf unsere eigene Tätigkeit anwendet? Ich frage mich, ganz ehrlich, was hinter diesen Vorbehalten liegt, die man gegenüber der Offenlegung des eigenen Abstimmungsverhaltens anführt. Würde jemand von Ihnen anders stimmen, nur weil jemand erfahren würde, wie Sie gestimmt haben? Dass man sich mit bestimmten Haltungen bei der Bevölkerung, bei der Wählerschaft, bei der Partei oder beim Kanton nicht beliebt macht, das gehört zur Politik, das gehört zu unserem Business. Wer sich aber stark und auch ein bisschen unabhängig fühlt, sollte seine Haltung trotzdem zeigen können.
Die Kosten sind in diesem Zusammenhang meines Erachtens nun wirklich kein gutes Argument. Nächstes Jahr wird das ganze Parlamentsgebäude umgebaut. Wir ziehen für drei Wochen extra nach Flims. Allein dieser Umzug kostet uns mehrere Millionen Franken. Diese Abstimmungsanlage hingegen ist innert kürzester Zeit amortisiert. Das Mehr an Transparenz nützt nämlich auch der Wissenschaft und der Forschung. Unsere Arbeit erhält das ihr gebührende Gewicht in der Wissenschaft. In Zukunft werden in der Forschung auch die Abstimmungsergebnisse des Ständerates so analysiert wie diejenigen des Nationalrates.
Bezüglich des Hinweises auf die Ratings muss ich Ihnen sagen: Das dürfte einem Ständerat und einer Ständerätin nun wirklich keine Bauchschmerzen bereiten. Ich habe gemeint, wir würden hier darüberstehen. Ich habe übrigens mit Wissenschaft und Forschung auch nicht irgendwelche Politologen gemeint, Herr Bieri, sondern ich bin wirklich daran interessiert, dass die seriöse Wissenschaft auch unsere Resultate und unser Abstimmungsverhalten entsprechend analysieren und werten kann.
Ein letztes Argument für die elektronische Abstimmungsanlage haben wir in dieser Session selber zusätzlich geschaffen. Wir müssen nun nämlich für die Abstimmungen alle am Platz sitzen. Ob wir dabei nun die Hand hochhalten oder einen Abstimmungsknopf drücken - da besteht nun wirklich kein Unterschied mehr.
Wie gesagt, werde ich Sie für diese Abstimmung mit einem Namensaufruf belästigen müssen. Ich weiss, dass das etwas Zeit braucht, und ich weiss auch, dass Zeit Geld ist. Genau diese Zeit möchte ich in Zukunft einsparen.
Ich bitte Sie deshalb, dieser Transparenz- und Effizienzsteigerungsvorlage zuzustimmen.