Leumann Helen (RL, LU):
1998 hat der Souverän mit allen Ständen und zwei Dritteln aller Stimmen die Gen-Schutz-Initiative abgelehnt und damit deutlich gemacht, dass er die Gentechnologie nicht grundsätzlich verbieten will. Gleichzeitig hat das Parlament mit der Gen-Lex-Motion eine Überprüfung der Gentechnologie im ausserhumanen Bereich verlangt und den Bund beauftragt, allfällige Lücken zu schliessen. Deutlich zeigt sich bei dieser Vorlage die Schwierigkeit des Dialogs zwischen Wissenschafterinnen und Wissenschaftern auf der einen und einem verunsicherten Publikum auf der anderen Seite. Wenn die Bevölkerung von einer natürlichen Natur spricht, meint sie das, was wir seit unserer Geburt kennen. Wissenschafter jedoch wissen, dass es die natürliche Natur schon lange nicht mehr gibt. Wir alle wissen auch, dass es in der natürlichen Natur immer höchst gefährliche und höchst giftige, ja, für den Menschen tödliche Dinge gegeben hat und immer noch gibt; ich erinnere zum Beispiel an die Vogelbeere. Seit jeher hat sich die Natur verändert, immer wieder. Kontinente haben sich verschoben, Tier- und Pflanzenarten sind ausgestorben, andere sind dazugekommen, und auch unsere Lebensmittel haben mit denen unserer Vorfahren nichts mehr gemein. Allerdings hat das in jahrhundertelangen Prozessen stattgefunden.
Ein erster Schritt zur künstlichen Veränderung gelang uns mit den Züchtungen und Kreuzungen verschiedener Tier- und Pflanzenarten. Über eine sehr lange Zeit und auch heute noch kennen und nutzen wir diese Möglichkeit; wir haben uns daran gewöhnt und fürchten sie nicht, obwohl auch bei jeder Neuzüchtung, unabhängig von der Züchtungsmethode, Risiken erwartet werden können. Es liegt in der Natur des Menschen, sich nicht mit Althergebrachtem zufriedenzugeben, sondern neue Mittel und Wege zu suchen, wie Veränderungen noch schneller und besser zu verwirklichen sind. Die Geschwindigkeit, mit der Forscherinnen und Forscher dank der Gentechnologie Veränderungen sowohl im Human- wie auch im Ausserhumanbereich bewirken können, gleicht fast einem Wunder. Etwas Unbekanntes geschieht hier. Was sind die Folgen? Was kann passieren? Fragen über Fragen!
Im Rahmen der Veranstaltungen von Science et Cité haben Forscher im Bahnhof Zürich ein interessantes Experiment vorgeführt, in dem sie Gene aus Tomaten isolierten. Passanten konnten sich daran beteiligen. Man tut das, indem man die Tomaten schneidet, zerquetscht und mit verschiedenen Dingen wie zum Beispiel Wasser, Salzlösung usw. in einem Reagenzglas mischt. Und siehe da: Es bildet sich eine rötliche, etwas schleimige Masse; die Gene der Tomaten. Erstaunlich, wie verblüfft viele der Passanten reagierten. Und noch erstaunlicher war, wie viele sagten, sie hätten nicht gewusst, dass normale Tomaten auch Gene enthielten; sie hätten sich immer vorgenommen, nie Tomaten mit Genen zu essen.
Es ist unverständlich, mit welch düsteren Prognosen Gentechnik-Kritiker die schlimmsten Horrorszenarien heraufbeschwören, obwohl bis heute jegliche Beweise fehlen, dass Menschen oder Tiere, die gentechnisch veränderte Nahrungsmittel konsumiert haben, einen Schaden erlitten haben. Ebenfalls unverständlich ist, dass dieselbe Technik gleichzeitig als Hoffnungsschimmer für schwerstkranke Menschen gepriesen wird. Ob das wohl damit zu tun hat, dass in unseren Breitengraden für Krankheiten wie Krebs oder Alzheimer dank Gentechnologie Hoffnung besteht, während für Menschen in Indien oder China der Reis des renommierten ETH-Pflanzenbiologen Professor Potrykus als "Grains of Hope" gilt? Ist es ethischer, Kinder in der Dritten Welt an Vitamin-A-Mangel oder an Hunger sterben zu lassen, als ihnen gentechnisch veränderten Mais oder Reis zu geben? Ist es legitim, die Gentechnologie nur zur Heilung unserer Krankheiten zu beanspruchen? Ist es da verwunderlich, wenn Professor Potrykus sagt, manchmal habe er das Gefühl, er sitze im falschen Film?
Damit meine ich selbstverständlich nicht, dass wir nun als erstes Land der Welt alle Schleusen öffnen sollten und ohne Rahmenbedingungen jegliche Formen genveränderter Produkte zu akzeptieren hätten. Ängste und Besorgnisse gegenüber transgenen Organismen sind ernst zu nehmen. Hingegen sollten wir uns der Verantwortung bewusst sein, die wir einerseits für unser Land, andererseits jedoch auch anderen Ländern gegenüber haben. Strenge Kriterien sind richtig. Aber Richtlinien, die so streng sind, dass sie Verboten gleichzusetzen sind, gehen zu weit. Diese könnten wiederum Angst erzeugen, nach dem Motto: Wenn die Gentechnologie wirklich nicht gefährlich ist, weshalb braucht es dann so extrem strenge Richtlinien?
Die Vereinigung der Schweizer Biotechnologie-Unternehmen umfasst etwa 120 Firmen, so zum Beispiel Firmen in den Bereichen Umwelt, Abfallentsorgung oder Entwicklung von Pflanzen. Was heisst das für all diese Biotech-Unternehmen? Gerade KMU werden bei einer falschen Handhabung der Haftpflichtregelungen hart getroffen. Saatguthersteller und -importeure sind nicht nur Multis, sondern das können kleine Betriebe sein, ja selbst Bauern gehören zu den Saatgutherstellern, und diese könnten die Haftung für fehlerfreie Produkte, welche vom Benutzer falsch eingesetzt werden, gar nicht tragen.
Wie sieht das in Bezug auf Forschungsanstalten aus? Das Institut für Pflanzenforschung an der ETH ist an der Entwicklung von neuen gentechnisch veränderten Pflanzen beteiligt. Wird mit der Formulierung, wie sie in unserem Entwurf steht, ausgeschlossen, dass die ETH bezogen auf den Ersthersteller für die Haftung zuständig ist? Gleiches gilt für alle Universitäten oder Forschungsanstalten, die sich mit der Agroforschung befassen. Müssen solche Forschungen in die USA oder den Fernen Osten verlegt werden? Einmal mehr stünden wir vor der Tatsache, dass die Grossindustrie ihre Produktion verlagern kann, während es für die Kleinen hiesse, den Betrieb aufzugeben.
Der letzte, mir wichtige Punkt ist die Frage des Moratoriums. Ich bin grundsätzlich gegen ein Moratorium. Strenge Bewilligungsvorschriften ja, aber kein Moratorium. Wie der Schweizerische Koordinationsausschuss Biotechnologie schreibt, ist eine fallweise Beurteilung von Freisetzungen mit der Möglichkeit, Vorhaben mit bedeutsamen Risiken zu verbieten, der passende Ansatz. Im Ausland wird allgemein nach diesem bereits 1986 von der OECD empfohlenen Prinzip vorgegangen. So können Feldversuche mit transgenen Pflanzen durchgeführt werden. Die breit abgestützte Entscheidungsfindung wird durch die Beteiligung der Eidgenössischen Fachkommission für biologische Sicherheit, die Eidgenössische Ethikkommission für den Ausserhumanbereich und die verwaltungsinterne Konsultation gewährleistet. Gerade die Ablehnung der Freisetzungsversuche für transgenen Mais oder Kartoffeln beweist, dass dies im Einzelfall klappt und ein Moratorium keine zusätzliche Sicherheit bietet. Aber auch für die Landwirtschaft schränkt das Moratorium die technischen Alternativen für Problemlösungen unverhältnismässig ein, und es darf nicht davon ausgegangen |
AB 2009 S 1116 / BO 2009 E 1116
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werden, dass eine Landwirtschaft, welche ausschliesslich auf herkömmlichen Züchtungs- und Pflanzenschutztechniken beruht, automatisch frei von negativen Umwelteinflüssen ist.
Für die Forschung jedoch ist das Moratorium tödlich, denn für die landwirtschaftliche und ökologische Forschung sind Feldversuche nötig. Ein Moratorium würde bedeuten, dass Feldversuche in geschlossenen Räumen stattfinden müssten, was absolut widersinnig ist. Wird die die Forschung jedoch vom Moratorium ausgenommen, so verliert dieses seinen Sinn. Ich erinnere hier daran, dass die ETH weltweit eine der Spitzenuniversitäten in Fragen der Bio- und Gentechnologie ist. Dieser Zustand kann nur erhalten werden, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Sonst besteht die Gefahr, dass man ein äusserst interessantes Forschungsfeld mit Potenzial vernachlässigt. Ein Moratorium würde also ein absolut falsches Signal aussenden und hätte eine Einengung der Sicherheitsforschung zur Folge.
Nicht zu vergessen ist auch unsere Chemie- und Pharmaindustrie: Eine wissenschafts- aber auch industriefeindliche Haltung schadet sowohl dem Forschungsplatz Schweiz als auch dem Wirtschaftsstandort Schweiz, denn die Entwicklung transgener Pflanzen kann durch das Moratorium eines einzelnen Landes nicht aufgehalten werden.
Wo steht also die Gentechnologie zwischen Chance und Risiko? Für mich bedeutet die Gentechnologie eine Chance, die es bei allem Abwägen sinnvoll zu nutzen gilt, und das nicht nur in der Medizin.
Mit meinem Eintretensvotum habe ich bereits den Streichungsantrag zu Artikel 37a begründet. Ich muss nachher nichts mehr dazu sagen.