Sommaruga Simonetta (S, BE):
Ihre Kommission für Wirtschaft und Abgaben beschäftigt sich jetzt seit über fünf Jahren mit dem Thema Steuervereinfachung. Wir haben Seminare durchgeführt. Wir haben die beiden Standesinitiativen Solothurn und Aargau schon einmal in diesem Rat gehabt. Wir haben sie in die Kommission zurückgeschickt. Heute sind sie wieder im Rat. Wir haben Anhörungen durchgeführt, und jedes Mal ist in der Kommission die Stimmung gewesen: Ja, es stimmt, das heutige Steuersystem hat grosse Mängel, und gerade der Abzugsdschungel müsste eigentlich ausgeräumt werden. Wir sind uns alle bewusst, dass diese vielen Steuerabzüge unterschiedlichsten Zwecken dienen, aber nicht einer möglichst gerechten und effizienten Einnahme von Steuern als Grundlage der Finanzierung der wichtigsten staatlichen Aufgaben, vielmehr wird alles Mögliche - Familien, Kinder, Auswärtsessen, Hausrenovationen, Vermögensverwaltung - mit Abzügen irgendwie unterstützt und belohnt.
Das Problem ist dann auch, dass jeder Abzug ein Abgrenzungsproblem schafft, das man dann wieder aus dem Weg schafft, indem man einen neuen Abzug macht usw. Ein weiteres Problem ist, dass wir heute gar nicht mehr wissen, wen wir eigentlich alles mit diesen Abzügen unterstützen. Das ist ja das politisch Reizvolle an den Abzügen. Man weiss nicht, was sie kosten, man weiss nicht genau, wem sie zugute kommen. Man muss niemandem Rechenschaft ablegen, ob sie effizient sind, ob sie gewirkt haben oder nicht. Wenn Sie aber eine Zulage oder eine Subvention beschliessen, dann kommt das bei Herrn Merz auf die Rechnung, und dann muss man am Ende des Jahres sagen, wie viel man ausgegeben hat, ob sich das gelohnt hat oder nicht. Diese Rechenschaft müssen Sie bei Steuerabzügen niemandem geben. Sie können sie auch gar nicht geben. Das ist natürlich politisch reizvoll.
Wir haben ja einmal eine Untersuchung machen lassen, wie hoch diese Steuerabzüge insgesamt sind. Das Finanzdepartement hat herausgefunden, dass die Steuereinnahmen insgesamt doppelt so hoch wären wie heute, wenn man alle Steuerabzüge streichen würde. Das heisst, dass wir eine gigantische Masse von Steuern haben, die wir irgendwie an die Bevölkerung verteilen, ohne zu wissen, an wen sie gehen, ob sie sinnvoll eingesetzt werden. Vor allem bei den kumulierten Steuerabzügen haben wir keine Ahnung, wer da am meisten profitiert. Wir wissen allerdings, dass von Steuerabzügen überhaupt nur profitieren kann, wer etwas abzuziehen hat, und dafür muss man schon ein gewisses Einkommen oder Vermögen haben.
Es ist klar, dass die heutige Situation unbefriedigend ist. Das wurde in der WAK immer wieder festgestellt. Unklar wurde es immer dann, wenn man gesagt hat, jetzt sollte man etwas tun. Etwas tun würde heissen, man streicht Abzüge, man pauschaliert Abzüge und man vereinfacht im Bereich der Steuertarife. Das Ziel müsste sein, dass man nicht mehr Steuereinnahmen hat, sondern dass das Steuersystem insgesamt effizienter und gerechter wäre. Der Weg wäre, dass man die Bemessungsgrundlage verbreitert und die Tarife senkt. Das müsste eigentlich der Konsens sein. Nun, man findet diesen Konsens bis jetzt nicht, und ich stelle bei diesem Geschäft fest, dass uns hier wirklich eine Misstrauenspolitik - also jeder misstraut dem anderen - daran hindert, eine Lösung zu finden.
Auf der einen Seite befürchtet man, dass man die Steuertarife vereinfacht und dass damit natürlich eine Abflachung der Progression stattfinden könnte, ohne dass die Abzüge dann gestrichen werden. Für mich ist der erste Härtetest, den wir zu bestehen haben werden, der Gegenvorschlag des Bundesrates zur Volksinitiative "Sicheres Wohnen im Alter". Dort geht es darum, dass die Besteuerung des Eigenmietwerts abgeschafft wird, aber dass dann gleichzeitig auch die Abzüge abgeschafft werden. Wenn wir nur das eine tun und das andere nicht lassen, dann haben wir eine Situation, die wir schon einmal beim Steuerpaket hatten, das deswegen dann auch von den Kantonen bekämpft wurde. Ich gehe davon aus, dass das dann keine mehrheitsfähige Lösung ist.
Auf der anderen Seite befürchtet man, dass man Abzüge abschaffen und damit eigentlich auf kaltem Weg die Steuereinnahmen erhöhen will. Deshalb will man hier auch nichts machen.
Wir brauchen also eine Vorlage, die Vertrauen schafft, die aufzeigt, wie man eine Vereinfachung haushaltneutral durchführen kann. Eigentlich haben wir Ihnen, Herr Bundesrat, mit der Motion Pfisterer Thomas 07.3607 bereits einen Auftrag gegeben. Wir wissen, dass es für Sie eine schwierige Aufgabe ist, aber ich glaube, Sie müssten hier wirklich mit einer Vorlage kommen, die auf beiden Seiten den Befürchtungen Rechnung trägt und eben diese Ausgewogenheit schafft.
Ich möchte Ihnen heute beantragen, die Motion des Nationalrates anzunehmen.
Ich habe mich auch für die Standesinitiative Zürich ausgesprochen, für diese Easy Swiss Tax, und ich möchte Ihnen noch kurz sagen, weshalb. Ich bin mir bewusst, dass es schwierig ist, für eine solche komplexe Vorlage einer Standesinitiative Folge zu geben. Das Parlament wird eine solche komplexe Vorlage nie selber ausarbeiten können. Dessen bin ich mir vollkommen bewusst, und insofern ist ein Folgegeben bei dieser Standesinitiative auch problematisch. Aber was ich an der Standesinitiative Zürich schätze, nachdem ich mit den Initianten gesprochen habe, ist erstens, dass ich bei ihnen keine schlechten Absichten feststellen kann, und zweitens bringt diese Initiative eine Soll-Kapitalrendite-Besteuerung zur Sprache. Ich muss Ihnen sagen: Das müssen wir ernsthaft prüfen. Es lohnt sich, das anzuschauen. Ich kenne die Vorbehalte, Sie kennen sie auch. Aber ich finde, es lohnt sich, einfach einmal seriös hinzuschauen und zu sagen, was man damit erreichen kann und was nicht.
Ich möchte Sie deshalb beauftragen, Herr Bundesrat, dass wir das prüfen, und deshalb beantrage ich Ihnen auch, der Standesinitiative Zürich Folge zu geben.