Leuthard Doris, Bundesrätin:
Ich habe in diesem Jahr schon ziemlich viele Stunden zum Thema Gotthard in diesem Saal verbracht, und die eigentliche Debatte wird ja dann erst kommen. Aber das zeugt natürlich von der Bedeutung dieses Werks. Wir haben ja hier bis jetzt wirklich viel Aufbauarbeit geleistet. Wir haben, auch auf Wunsch des Parlamentes, den technischen Bericht erstellt; dieser zeigt, wie überhaupt eine Sanierung vorzunehmen wäre. Natürlich mussten wir dabei immer Annahmen zugrunde legen: Annahmen, die einerseits nicht mit grosser wissenschaftlicher Hintergrundarbeit nachgeführt werden können, weil es noch nie passiert ist, dass wir den Gotthardtunnel sanieren mussten; Annahmen andererseits, weil wir die Verkehrsentwicklung in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren zwar abschätzen können, aber bisher jede Schätzung zu konservativ war. Es sind immer Schätzungen und Annahmen, und auch wenn Sie jetzt noch einmal Berichte verlangen, ändert das nichts an dieser Tatsache.
Wir haben den Alpenschutzartikel in der Verfassung, konkretisiert auf Gesetzesebene; wir haben die Situation, dass 2004 eine zweite Röhre durch den Gotthard vom Volk abgelehnt wurde. Wir haben die Situation, dass die Verlagerungspolitik zwar greift - man hat damit sehr viel Erfolg gehabt, ohne die Verlagerungspolitik hätte man pro Jahr locker 600 000 Lastwagen mehr auf der Strasse -, dass wir aber das vom Gesetz ein bisschen willkürlich festgelegte Jahresziel von maximal 650 000 Lastwagen nicht erreichen. Auch mit dem 4-Meter-Korridor und all den zusätzlichen Massnahmen, die wir Ihnen vorgeschlagen haben, erreichen wir dieses Ziel nicht; das lässt sich heute schon sagen. Aber die Verlagerungspolitik an sich mit dem Ziel der Verlagerung ist gut, die wollen wir beibehalten. Es geht also nur um die Anzahl Lastwagen, die wahrscheinlich, wenn man sie neu definieren würde, höher wäre, aber auch wieder als eine etwas willkürliche Grösse im Raum stehen würde.
Wir haben deshalb, Herr Ständerat Engler, nicht das Prinzip Hoffnung zugrunde gelegt, sondern - gerade auch was die Verlagerungsziele betrifft - das vom Parlament festgelegte Szenario mit den 650 000 Lastwagen, und wir glauben daran. Das ist durchaus ein Glaube, das können Sie als Prinzip Hoffnung bezeichnen. Einem Szenario 2 haben wir 1,2 bis 1,3 Millionen Lastwagen zugrunde gelegt, also eine Fortführung der steigenden Anzahl von alpenquerenden Lastwagen, mit dem Effekt, dass die Zunahme des Verkehrs insbesondere mit der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels verlagert werden könnte. Das wäre auch schon wieder ein Erfolg, aber auch das ist und bleibt eine Annahme. Wir müssen mit diesen Annahmen leben.
Für den San Bernardino haben wir aufgrund der Annahme, dass das Angebot der Rola an die Lastwagenfahrer beim Preis von 105 Franken angenommen würde, eine Zunahme von 20 000 LKW-Passagen während der Bauzeit zugrunde gelegt. Ja, auch das ist eine Annahme, dass wir 600 000 Lastwagenfahrer dazu bewegen können, dieses Rola-Angebot zu akzeptieren. Auch das bleibt eine Annahme, wir können es niemandem vorschreiben, aber wir überlegen. Für einen Lastwagenfahrer sind zwei Merkmale entscheidend: Was kostet es mich, und wie viel Zeit benötige ich, um ins Tessin oder aus dem Tessin zurückzugelangen? Genau weil der Preis eben so festgelegt wurde, dass das die Kosten wären, die er auch bei einer Fahrt hätte, sind wir der Meinung, dass das ein Argument dafür ist, dass unsere Annahme stimmt.
Zum Zeitbedarf: Auch hier sind wir der Meinung, dass ein Lastwagenfahrer mit dem Konzept der Rola, wie es berechnet wurde, weniger Zeit braucht als mit dem Umwegverkehr über die Pässe. Auch das sollte also eher ein Incentive dafür sein, um in der mit dem Konzept der Rola möglichen Zeit zu verlagern. Deshalb meinen wir, dass diese Berechnung einigermassen korrekt ist. Aber auch hier bleibt sie natürlich eine Annahme. Aber ich meine, gerade der Zeitfaktor ist für jeden Lastwagenfahrer und seinen Auftrag- und Arbeitgeber entscheidend. Deshalb ist es eben auch entscheidend, dass die Frequenzen dieser Rola kurz bleiben und die Wartezeit, bis man verlagert wird, auch kürzer ist als der Zeitaufwand beim Umwegverkehr. Das haben wir mit den SBB so ausgehandelt,und ich denke deshalb, dass dies relativ realistisch ist. 20 000 LKW-Durchfahrten wären aber übrigens 19 Prozent mehr für den Kanton Graubünden.
Jede Sanierung bringt für die Nachbarkantone und für die Standortkantone Mehrbelastungen. Im Kanton Luzern ist das jetzt mit der grossen Baustelle Sonnenbergtunnel der Fall, im Kanton Glarus haben wir es gesehen; das ist halt eine Notwendigkeit. Sanierungen sind immer lästig, und sie sind immer mit Zusatzverkehr verbunden. Ich kann Ihnen das nicht erleichtern, die Sanierung ist nötig. Der Tunnel wurde unter ganz anderen Umständen gebaut, mit ganz anderen Kapazitätsvorstellungen. Wir haben seit dem tragischen Unfall vor über zehn Jahren erhöhte Brandschutzvorschriften, die Sicherheit ist wichtig. Deshalb ist es nötig, dass man diese Sanierung vornimmt.
Wir nehmen die Sorgen der betroffenen Regionen selbstverständlich sehr ernst. Das Kostenargument ist auch wichtig. In diesem Kontext - Alpenschutz, Kosten, Effekte des Umwegverkehrs - muss der Bundesrat einen Entscheid fällen. Wir können nicht umhin, da eine Wertung vorzunehmen, die dann in Abwägung aller positiven und negativen Effekte einen politischen Entscheid ermöglicht. Es wird einen politischen Entscheid geben müssen. Ich gehe auch davon aus, dass bei dieser Frage das Referendum ergriffen wird.
Der Kanton Uri will keine zweite Röhre, er will aber auch nicht Standort für die Rola werden. Der Kanton Tessin sagt, er wolle eine zweite Röhre; die Rola will er selbstverständlich auch nicht. Bei diesen sich widersprechenden Zielen ist es relativ schwierig, das Ei des Kolumbus zu finden.
Auch die Frage einer zweiten Röhre haben wir einlässlich abgeklärt; Sie haben den technischen Bericht erhalten. Es stellt sich schlussendlich wiederum die Frage nach dem Alpenschutz und nach der Kapazitätserweiterung. Wie kann man das Problem lösen? Ist das dann tatsächlich das bessere Angebot?
Ich bekomme auch Besuch von Vertretern der Bauindustrie und von Vertretern anderer Kantone, die sagen: Woher nehmen Sie die Milliarde, wenn man einen zweiten Tunnel baut? Wird dann unser Projekt in Zürich, Bern oder Luzern auf der Zeitachse nach hinten geschoben? Es geht dann also auch der Verteilkampf um die Strassengelder los, die ja nicht zunehmen. Insofern gibt es eben auch da eine Diskussion, die man führen muss. Diese Diskussion zu führen ist legitim. Wenn man sagt, man wolle einen zweiten Tunnel, muss man auch sagen, welche bisher priorisierten Projekte auf der Zeitachse nach hinten geschoben werden. Auch das wird hier selbstverständlich zu einer Debatte führen. Da werden die Kantone dann auch lobbyieren und Sie mit ihren Prioritäten bearbeiten. Sie sehen also: Man kann da tun und lassen, was man will.
Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass die Annahmen stabil, gut berechnet und sehr fundiert sind. Wir haben, was die Möglichkeiten der Bautechnik, der Verlagerung und der Finanzen betrifft, alles abgeklärt: Man kann entscheiden.
Noch zu Herrn Ständerat Schmid: Wir führen mit den Europäern schon seit Langem Gespräche, weil wir wollen, dass sich diese Investition in die Neat auszahlt und unser Angebot auch dort angenommen wird. Sie können die Italiener aber nicht zwingen, Terminals zu bauen. Die Italiener haben keine Verlagerungspolitik; sie haben 300 000 "camionisti", die erst noch privat organisiert sind. Sie machen, was sie wollen. Auch in Deutschland haben wir dieselbe
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AB 2012 S 260 / BO 2012 E 260
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Problematik: Die Deutschen haben keine Verlagerungspolitik, wie wir sie haben; wir versuchen, auch sie zu überzeugen. Die Linien werden, so denke ich, rechtzeitig stehen. Man hat aber auch dort keine Garantie dafür, dass sie dann sagen, die Schweizer seien klüger und man mache jetzt auch eine Verlagerungspolitik, zumal im europäischen Kontext der Bahnbereich privatisiert ist. Es wird primär das gemacht, was rentiert. Der Güterverkehr rentiert eher selten, es sei denn, man habe wirklich lange Strecken, auf denen die Logistiker vom Pricing her anders rechnen können. Wir sind zwar vorbildlich, aber man muss auch sehen, dass wir im internationalen Kontext mit unserer Verlagerungspolitik etwas einsam sind. Man muss auch sagen, dass dies natürlich auch aus einer besonderen Befindlichkeit heraus so ist.
Die Verlagerung von Grenze zu Grenze erfolgt, aber wir zimmern mit der Rola nicht etwas Beständiges, sondern etwas zeitlich Limitiertes für die Dauer der Sanierung. Für die Verlagerung von Grenze zu Grenze haben wir die Neat-, die Lötschberg- und die Gotthardinvestitionen, die hier zu weiteren Verlagerungen führen sollen.
Ich nehme daher zur Kenntnis, dass Sie nicht ganz zufrieden sind. Auch wenn wir entscheiden, wird mindestens ein Teil in diesem Saal nicht zufrieden sein. Meine Vorstellung ist, dass der Bundesrat diesen politischen Entscheid noch vor den Sommerferien fällen soll und es im Herbst eine Vernehmlassung gibt. Im Jahr 2013 - dann sind Sie noch im Parlament, Herr Ständerat Jenny! - können Sie dann die Debatte führen und auf Grün oder Rot drücken.
Ich nehme an, dass es eine Volksabstimmung geben wird, was auch legitim und richtig ist, da diese Frage für unser Land wichtig ist.