Freysinger Oskar (V, VS):
Was bei der Heroinabgabe auf dem Spiel steht, ist nicht nur der billige Handel um ein paar Prisen weissen Rausches, nicht nur die Sorge um Hygiene und soziale Selbstgefälligkeit und unsere heilige Ruhe. Denn Sauberkeit und Ruhe gibt es auf den Friedhöfen zur Genüge. Da braucht keiner nachzuhelfen. Und auch um Mitleid geht es bei diesem Thema nicht. Es geht vielmehr um das Konzept der Würde und um deren Definition. Denn von diesem Begriff hängt alles ab, was der Mensch in seiner langen Kulturgeschichte aufgebaut hat.
Worin liegt aber nun die Würde des Menschen? Liegt sie etwa in der trügerischen Sicherheit einer Fixerstube, im Ergattern einer sauberen Nadel, im Spritzen erstklassigen, vom Staat geprüften Stoffes? Liegt die Würde des Menschen wirklich nur mehr in Atemnähe der Fixer-, Kiffer- und Sniffernasen? Damit will und kann ich mich nicht abfinden. Würde ist nicht an Sichtbares, nicht an Gegenständliches gekoppelt, sondern ans Wesen des Menschen selbst, an die ihm innewohnende geistige Dimension. Würde ist kein Produkt, das man in einer Spritze verabreichen oder sich durch die Nase reinziehen kann. Würde ist untrennbar mit dem höchsten Gut des Menschen verbunden, mit seiner Freiheit. Ohne Freiheit keine Würde, ohne Würde keine Freiheit.
Wenn nun aber einer glaubt, es gehe bei unserem Thema einzig und allein um die Würde des Süchtigen, dann hat er weit gefehlt. Um unsere eigene Würde geht es, um unsere Würde als Mitmenschen und letzten Endes um die Würde unseres Gemeinschaftswesens. Denn wo liegt denn unsere Würde, ich frage Sie, wenn wir das Ziel der Abstinenz, das Ziel einer mündigen und verantwortungsvollen Existenz von vornherein aufgeben? Wo liegt unsere Würde, wenn wir die Versklavung unseres Mitmenschen anstandslos hinnehmen, nur um unsere Ruhe zu haben? Und das nur, weil wir angeblich pragmatisch sein wollen, zeitgemäss, effizient und mitleidsvoll? Ja, was soll uns denn ein halbwegs geretteter Körper, wenn Geist und Seele verrotten? Was soll unsere soziale Schmiede, wenn sie nur Ketten produziert, die wir mit dem Öl unserer bürgerlichen Moral schmieren, damit sie die Gelenke der Gefangenen nicht zu blutig scheuern? In diesen Teufelskreis sind wir geraten, weil wir die Hoffnung aufgegeben haben, weil wir nicht mehr an den Menschen, nicht mehr an uns selber glauben.
Würde hängt nicht von den äusseren Umständen ab, hat nichts mit Reichtum oder Armut, mit Intelligenz oder Dummheit zu tun. Würde gab es selbst am schlimmsten Ort der Welt, im KZ, als sich Pater Kolbe für einen seiner Mitmenschen opferte. Würde gibt es überall dort, wo der Mensch noch kämpft und sich selbst nicht aufgibt. Würde ist aber nur möglich, solange da überhaupt noch ein Mensch ist, solange da noch Freiheit ist und jene Hoffnung, die der Mensch sogar am Grabe aufpflanzt.
Geben wir diese Hoffnung auf, geben wir das Vertrauen in den Menschen und in uns selber auf, dann ist alles verloren, dann sind wir alle verloren - die angeblich freien Menschen ebenso wie die erbarmungswürdigen Süchtigen. Dem Menschen seine Droge verabreichen zu wollen, ohne ihn aufzufordern, wieder frei, wieder im wahrsten Sinn des Wortes Mensch zu werden, das ist keine Nächstenliebe, sondern Gleichgültigkeit; das ist Rührseligkeit der billigsten Art. Der liebende Mensch macht keine giftigen Geschenke. Der liebende Mensch gibt seinen Nächsten auch in der schrecklichsten Not nicht auf. Wenn die Liebe es erfordert, ist er streng. Wenn er unnachgiebig sein muss, nimmt er auch dies auf sich. Er tut es jedoch immer mit dem Ziel, den Mitmenschen aus seiner Unmündigkeit zu befreien - nie mit der Absicht, ihn darin zu belassen.
Mit diesem Prinzip steht oder fällt der Begriff der Zivilisation. Wer den Schwächsten aufgibt, weil er nicht den Mut |
AB 2006 N 2008 / BO 2006 N 2008
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aufbringt, streng zu sein, der hat auch sich selber aufgegeben. Wer vorgibt, den anderen in seiner Abhängigkeit zu lieben, der liebt sich selber nicht. Ich will den Glauben daran nicht verlieren, dass kein Mensch zu verroht ist, um erzogen zu werden; keiner zu dumm, um zu lernen; keiner zu süchtig, um aus seiner Sucht befreit zu werden.
Das vorliegende Gesetz steht und fällt mit dem Artikel über die Heroinabgabe. Bleibt diese drin, haben wir versagt, als Menschen, als Parlamentarier und als Gesellschaft. Streichen wir dieses unselige Vorhaben und bauen wir auf Abstinenz und Selbstverantwortung, dann macht dieses Gesetz Sinn und wir haben den untrüglichen Beweis erbracht, dass uns Würde und Freiheit nicht zu billig geworden sind. Ein jeder von uns steht hier und heute auf dem Spiel, denn in jedem Schicksal eines Süchtigen spiegelt sich unsere Verlogenheit oder unsere Wahrheitsliebe.
Ich rufe Sie dazu auf, der Minderheit zuzustimmen und die Heroinabgabe endgültig aus diesem Gesetz und aus den Köpfen zu verbannen.