Leuthard Doris, Bundesrätin:
Als wir diese Vorlage konzipierten, dachten wir, es handle sich um eine kleine technische Anpassung, weil wir nichts anderes vorschlugen, als dass die Einnahmen aus den Agrarzöllen von 2009 bis 2016 anstatt in die allgemeine Bundeskasse auf ein neues Finanzkonto fliessen sollen. Das ist eine kleine technische Änderung, nicht mehr und nicht weniger. Hört man der heutigen Debatte zu, nimmt man wahr, dass über ganz andere Probleme und ganz andere Herausforderungen diskutiert wird, die mit dieser Vorlage aber höchstens indirekt zu tun haben.
Erstaunt bin ich über die Haltung der SP. Sie hat sich nämlich im Rahmen der Vernehmlassung wie die CVP, die Grünen, die FDP positiv geäussert und somit heute eine Kehrtwende gemacht, obwohl wir an der Vorlage weder materiell noch formell etwas verändert haben. Die Opponenten haben heute denn auch ganz unterschiedliche Motive aufgeführt: Die einen sind generell mit jeder Reform und Marktöffnung nicht einverstanden. Die anderen sind die ordnungs- und finanzpolitisch Korrekten, die sagen, dass dies ein neues Instrument und ein neues Vorgehen sei, was verdächtig sei. Eine dritte Gruppe diskutiert über die Reihenfolge der zu präsentierenden Vorlagen und wünscht zuerst verbindliche Begleitmassnahmen, ansonsten sei man nicht bereit, eine Reserve zu bilden.
Tatsache ist, dass sich die Landwirtschaftspolitik in einer besonderen Situation befindet. Es wird in den nächsten paar Jahren eine extrem schwierige Situation für die produzierende Landwirtschaft und für die verarbeitenden Industriebetriebe geben. Ob man es will oder nicht, die Schweiz steht hier in einem grossen Spannungsfeld. Auf der einen Seite haben wir landesintern eine Agrarpolitik, die die Bauern verpflichtet, hohe Auflagen, strenge Vorschriften punkto Tierschutz, Ökologie und Produktion einzuhalten, weil der Konsument und die Politik das so wollen. Das kostet, das ist sehr aufwendig, das ist mit hohen Kosten für jeden Bauernbetrieb verbunden. Auf der anderen Seite wissen wir, dass wir weltweit die zweithöchsten Zölle haben. Wir schotten somit unseren Markt ab und verhindern den Marktzugang für Landwirtschaftsprodukte, die von sonst woher kommen. Wir verteuern diese künstlich, um unsere internen Verhältnisse zu schützen. Wir wissen, dass das kein Zukunftsmodell ist. Wir wissen, dass die Schweiz, zusammen mit ein paar anderen Protektionisten, in diesem Bereich seit sieben, bald acht Jahren massiv unter Druck ist. Es ist eine Frage der Zeit, bis wir diesen Grenzschutz reduzieren müssen; Frau Fässler hat es in ihrem Votum gesagt, Herr Zemp und auch Herr Walter haben es erwähnt.
Wir waren im letzten Sommer in der WTO so kurz vor einem Durchbruch im Bereich der Agrarverhandlungen: Nur noch ein Artikel war zwischen den USA und Indien strittig. Es war fünf vor zwölf, und ich hatte ja bereits Referendumsdrohungen respektive Forderungen des Inhalts "Jetzt muss die Schweiz sofort Milliarden von Franken bereitstellen, um diese Situation abzufedern" auf dem Tisch. Der Durchbruch wurde damals verhindert, weil in den USA und in Indien Wahlen anstanden, die mittlerweile abgehalten sind, wo mittlerweile eine neue Regierung gewählt bzw. die alte Regierung wiedergewählt wurde. Sie müssen damit rechnen, dass in diesem Jahr eine neue WTO-Konferenz stattfindet. Die Entwicklungen seit diesen Wahlen zeigen, dass gerade im Bereich der Landwirtschaftsdossiers die Differenzen praktisch ausgeräumt sind. In meinem Gespräch mit dem neuen amerikanischen Handelsminister vor zwei Wochen konnte ich einen grossen Willen der USA feststellen, die Differenzen effektiv zu bereinigen. Wenn es Ende dieses Jahres so weit ist, dann hat die Schweiz wie die anderen Staaten fünf, sechs Monate Zeit, um die Verpflichtungslisten zu bereinigen, und dann wird diese Runde wohl 2010 abgeschlossen.
Sie können jetzt sagen: Gut, wir warten einfach; wir warten auf das, was da geschieht, und wir warten auch den parlamentarischen Prozess ab. Aber - Herr Germanier hat es
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AB 2009 N 842 / BO 2009 N 842
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gesagt - ist es die Aufgabe des Bundesrates und auch des Parlamentes, einfach zu warten? Oder ist es nicht klüger, die Devise "gouverner, c'est prévoir" wirklich zu beherzigen und zu sagen: "Wir bereiten uns auf diese Eventualität vor, wir denken voraus"? Wir sollten versuchen, den Bauern in dieser schwierigen Situation beizustehen und ihnen nicht Sand in die Augen zu streuen, ihnen nicht sagen: Das kommt nie, wir werden uns wehren, wir werden die WTO begraben, das ist alles kein Thema. Das ist nicht glaubwürdig. Insofern möchte ich speziell Herrn Walter danken, der als Präsident des Bauernverbandes Verantwortung übernimmt und sagt, der Verband sei nicht für den Freihandel - das ist legitim, das ist das Interesse des Verbandes -, aber wenn das WTO-Abkommen komme, sei die Vorgehensweise des Bundesrates wahrscheinlich richtig. Es ist besser, jetzt vorausschauend eine Reserve zu bilden. Ob wir sie dann brauchen oder nicht, ist eine andere Frage; wann wir sie brauchen, ist ebenfalls eine offene Frage. Schlussendlich werden Sie über die Höhe der Mittel entscheiden, die Sie den Bauern zur Überbrückung dieser schwierigen Situation dann auch zur Verfügung stellen.
Ich komme zu ein paar Einwendungen und beginne mit jenen von Herrn Schelbert und dem Wunsch nach einer Qualitätsstrategie. Ich habe dafür viel Verständnis, weil die Qualität für das Weiterbestehen der schweizerischen produzierenden Landwirtschaft selbstverständlich ganz entscheidend sein wird. Ich bin völlig mit Ihnen einverstanden, dass die Multifunktionalität der Landwirtschaft eines der Paradestücke der Schweiz ist. Wir wurden im Uno-Bericht kürzlich auch für diese Verfassungsgrundlage gerühmt. Daran wird sich nichts ändern.
Mit der Qualitätsstrategie haben wir eigentlich beim Direktzahlungssystem begonnen, indem wir jede Direktzahlung an den ökologischen Leistungsnachweis gebunden haben. Wir haben Umweltziele formuliert, und im Rahmen der AP 2011 haben wir Ihnen auch berichtet: Fünf von sieben Umweltzielen sind erreicht. Wir haben weiteren Verbesserungsbedarf, und im erschienenen Umweltbericht wurden diese Ziele auch konkretisiert und festgelegt. Das bleibt eine weite Verpflichtung. Das, Herr Schelbert, ist bereits publik und verpflichtend.
Zur Biodiversität, zum nächsten Stichwort, das Sie genannt haben: Sie wissen, dass der Bundesrat auch hierzu an der Erarbeitung einer Strategie ist. Sie dürfte Anfang des nächsten Jahres publiziert werden. Den Lead hat hier - in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Landwirtschaft - das UVEK. Auch hier sind wir "on track". In diesem Strategiebericht werden Sie quantitative wie qualitative Ziele für die Biodiversität finden.
Jetzt komme ich zu Herrn Hämmerle: Ich weiss, dass Sie enttäuscht sind, dass sich bei den Vorschlägen zu den Direktzahlungen, bei den Beiträgen, das Wort Bio nicht explizit findet. Das ist jetzt eben der Link zur Biodiversität. Bio allein ist noch keine Leistung. Es gibt diverse Leistungen wie z. B. die Sorge um die Tiergesundheit. Eine Leistung ist die Erfüllung hoher qualitativer Ziele wie jener der Ressourcenschonung und der Biodiversität. Der Bericht orientiert sich an den Verfassungszielen. Deshalb haben wir gerade in diesem neuen Bericht die einzelnen Leistungen, welche Bio- und IP-Betriebe erbringen, auseinandergenommen. Sie erhalten für die einzelnen Leistungen eine Abgeltung, sofern dieses künftige System von Ihnen goutiert wird. Wir wollen doch nicht den Erfolg von Bio aufgeben, aber es ist ein neues Abgeltungssystem. Wir haben Ihnen auch gesagt, dass wir die gesamtbetriebliche Leistung, nicht die Einzelleistung noch zusammen mit den funktionalen Beiträgen anschauen. Das ist im Bericht denn auch so eingeflossen.
Das ist, glaube ich, entscheidend. Wir werden dieses Erfolgsmodell mit Sicherheit nicht schwächen, sondern wir werden es weiter mit den entsprechenden Leistungen unterstützen. Ich bin überzeugt, dass der Biodiversitätsbericht die quantitativen und qualitativen Ziele, die Sie wünschen, noch verdeutlichen wird.
Herr Schelbert, zu Ihrem Anliegen einer Qualitätsstrategie: Wir haben unsere Vorstellungen bereits im Rahmen eines Berichtes, der in Vorbereitung ist, konkretisiert. Aber zuerst kommt die Arbeitsgruppe Begleitmassnahmen. Diese wird ihren Bericht, wie ich höre, im Juni fertig haben. Dort finden Sie genau die von Ihnen gewünschten Elemente, wie sie von den Mitgliedern aus den Branchen beschlossen und präsentiert werden. Unsere Vorstellungen werden wir Ihnen dann viel früher, als Sie das mit Ihrem Antrag verlangen, darstellen, damit wir für die eigentliche Gesetzesvorlage darüber diskutieren können, wo diese Begleitmassnahmen einfliessen müssen. Wir werden Ihnen unsere Strategie für die Diskussion vorab präsentieren, damit Sie sie kennen und damit die politische Diskussion stattfinden und schliesslich auch der Entscheid darüber fallen kann, was mit wie viel Geld bewertet und finanziert werden soll. Hier haben wir keine Differenz, höchstens eine bezüglich Timing.
Insofern muss ich nochmals präzisieren: Wir haben hier eine Reserve. Wir legen im Sommer den Bericht zu den Begleitmassnahmen vor; den Bericht zu den Direktzahlungen haben Sie. Wir führen die Diskussion mit Ihnen ab dem Sommer in den relevanten Kommissionen, hören Ihre Stellungnahmen an, hören, was für Sie wichtig ist und ob die eingeschlagenen Wege richtig sind. Wir werden Ende Jahr wohl wissen, ob das WTO-Abkommen dann eben doch Realität ist oder ob es noch einmal eine Verzögerung gibt. Dann werden wir entsprechend zusammen mit den Botschaften WTO- oder EU-Agrarabkommen die Gesetzesvorlagen für die Begleitmassnahmen und für deren Finanzierung präsentieren. Uns liegt also viel daran, dass Sie alles gebündelt, koordiniert erhalten, damit Sie Ihre Entscheide treffen können in Kenntnis darüber, wie wir mit dem Direktzahlungssystem weiterhin Bauernbetriebe unterstützen und wie und mit welchen Massnahmen wir Übergangsphasen begleiten wollen.
Noch einige Bemerkungen zu Herrn Schibli: Ich verstehe Ihre grundsätzliche Opposition gegen den Freihandel, weil Sie sich als Bauer in diesem schwierigen Umfeld behaupten müssen. Aber ich kann Ihnen diese Einschnitte mit dem WTO-Abkommen einfach nicht ersparen, es ist eine Realität. Wenn wir darauf einfach fatalistisch reagieren, dann erweisen wir doch gerade der Bauernschaft einen schlechten Dienst. Der Bundesrat nimmt diese Sorgen sehr ernst, und gerade deshalb sagt er, er wolle vorausschauend eine Bilanzreserve tätigen, denn woher nehmen Sie dann die Milliarden zur Abfederung dieses Übergangs, wenn Sie Knall auf Fall entscheiden müssen? Woher nehmen und nicht stehlen? Hier haben wir mit dieser Reserve jedes Jahr wenigstens diese 400 bis 500 Millionen Franken, die innerhalb der Bilanz bleiben, die auch völlig ohne Probleme wieder aufgelöst werden können, aber die dann mit der eigentlichen Finanzierungsvorlage zweckgemäss gebunden werden. Ich glaube, das ist ein sehr korrektes, transparentes Vorgehen, das natürlich auch durch das Gesetz abgedeckt ist. Wir haben im Finanzhaushaltgesetz die ganz klare rechtliche Grundlage in Artikel 53, und somit ist der Entwurf des Bundesrates absolut gesetzeskonform und zulässig und nicht gesetzeswidrig, wie Sie es genannt haben.
Uns geht es um Vertrauen. Wir können die Bauern jetzt nicht blindlings in diese Situation laufen lassen. Wir wollen, dass die Politik bereit ist und sich dazu bekennt: Wir sind bereit, diese schwierige Situation zu begleiten, und sie wird auch nicht gratis sein. Man wird hier Mittel bereitstellen müssen, alles andere wäre nicht fair und wäre nicht korrekt den Bauernfamilien gegenüber. Es ist aber ebenso wenig fair zu sagen: Wir können das verhindern, es wird nicht realisiert werden. Die Aufgabe des Bundesrates ist hier eben, vorausschauend alles zu tun, um diese Situation abfedern zu können.
Ein Letztes noch zu Herrn Hämmerle und zu seinem Votum, man wolle mehr Fakten für den Zweitrat. Auch hier, Herr Hämmerle: Wenn Sie die Fakten, vor allem zu den Begleitmassnahmen meinen, so wird wenigstens der Bericht der Begleitgruppe vorliegen, denn dieser wird mit Sicherheit im Juni oder Juli 2009, also vor einer allfälligen Behandlung im Zweitrat, aufliegen. Das ist zugesichert. Und ich habe auch gesagt: Wir werden bereits nach den Sommerferien das Gespräch mit den entsprechenden Kommissionen suchen, weil
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AB 2009 N 843 / BO 2009 N 843
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die Vorschläge noch breit abzustützen sein werden. Ich bin gerne bereit, dort schon die Qualitätsstrategie aus Bundessicht vorzustellen, damit wir Ihre Meinung zur Frage, wie Sie sich den Inhalt der bundesgesetzlichen Vorlage vorstellen, genauer kennenlernen. Wenn Sie das jetzt aber als Argument für die technische Reservierung nehmen, verlieren wir einfach das ganze Jahr 2009 und somit mindestens die 400, 500 Millionen Franken. Das wird der Effekt sein, wenn Sie sagen, erst im Zweitrat solle man hierauf in Kenntnis der Begleitmassnahmen eintreten. Deshalb bedauere ich das ein wenig.
Zum Schluss noch zu den Rückweisungsanträgen: Wie gesagt habe ich Verständnis dafür, dass Sie heute schon mehr über Qualitätsstrategien und über Begleitmassnahmen wissen möchten. Die Umsetzung der Rückweisungsanträge Walter und Schelbert würde aber dazu führen, dass wir uns erst in zwei Jahren wieder dazu treffen, in zwei Jahren, wenn die Gesetze vorliegen, eine Vernehmlassung durchlaufen haben und somit für Ihre Beratung bereit sind und wenn wir eben auch die Ergebnisse bezüglich des WTO- und des Freihandelsabkommens haben. Denn die Begleitmassnahmen müssen konzipiert sein, um die Herausforderungen für die Landwirtschaft abzufedern. Wenn Sie sagen, wir treffen uns in zwei Jahren wieder, so heisst das, dass uns dann eine Milliarde Franken fehlen wird. Diese müssen Sie finanzpolitisch anderweitig suchen. Ich glaube aber, dass gerade das nicht im Sinne der Qualitätsstrategie ist; das ist nicht im Sinne der vorausschauenden Planung, wie wir letztlich die Begleitmassnahmen finanzieren. Diese einmal abzulehnen liegt in Ihrer legitimen politischen Kompetenz. Aber Vorbereitung und Planung müssen sein. Um nichts anderes als um diese technische Reserve in der Bilanz geht es hier.
Deshalb bitte ich Sie, auf diese Vorlage einzutreten und die Rückweisungsanträge im Sinne meiner Ausführungen, aber auch der Versprechen, die ich abgegeben habe, abzulehnen.