Nationalrat - Sondersession 2011 - Sechste Sitzung - 14.04.11-08h00
Conseil national - Session spéciale 2011 - Sixième séance - 14.04.11-08h00

09.3930
Postulat Kiener Nellen Margret.
Gleichstellung.
Mehr Frauen
in technischen, mathematischen
und naturwissenschaftlichen Berufen
Postulat Kiener Nellen Margret.
Egalité des sexes. Davantage
de femmes dans les professions
techniques, les filières mathématiques
et les sciences naturelles
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Nationalrat/Conseil national 11.12.09
Nationalrat/Conseil national 14.04.11

Le président (Germanier Jean-René, président): Ce postulat est combattu par Monsieur Bortoluzzi.

Kiener Nellen Margret (S, BE): "Gleichstellung. Mehr Frauen in technischen, mathematischen und naturwissenschaftlichen Berufen": Ich bitte Sie, meine Motion anzunehmen, die der Bundesrat zur Annahme empfiehlt und die ihn beauftragt, zu prüfen und Bericht zu erstatten, wie die krass unterdurchschnittliche Frauenvertretung in den technischen, mathematischen und naturwissenschaftlichen Ausbildungs- und Lehrgängen in der Sekundarstufe II, also in den Mittelschulen, in Zusammenarbeit mit den Kantonen erhöht werden kann.
Wieso ist mir dieses Thema so wichtig? In jungen Jahren habe ich in Bern in der Wifag gearbeitet, also in der produzierenden Industrie für Druckmaschinen. Später habe ich in Winterthur bei der Sulzer AG im Gesamtanlagenbau gearbeitet. Ich kenne diese Industrie aus jahrelanger eigener Berufserfahrung. Mein Mann ist Maschineningenieur und ebenfalls in dieser Branche tätig - wie früher der Herr Bundesrat. Er bildet auch im Betrieb, den er führt, Polymechanikerinnen aus, sie zeigen hervorragende Leistungen und haben gute Berufsmöglichkeiten.
Aber die Statistik zeigt: Die Schweiz hinkt weit hinterher. Unsere Zahlen, Sie finden sie unten im Postulatstext, zeigen, dass die Schweiz nur 11 Prozent Frauen in der beruflichen Grundbildung ausbildet. Bei den Abschlüssen beträgt der Frauenanteil in der Sekundarstufe II ebenfalls 11 Prozent. Entsprechend tief ist dann auch der Anteil an Hochschulabschlüssen von Frauen, nämlich knapp 17 Prozent. Da sind dann allerdings auch ausländische Studentinnen darunter, die an die schweizerischen Hochschulen studieren kommen. Die helfen dann mit, diese Statistik etwas nach oben zu verbessern. Nur noch gerade Japan liegt mit 15 Prozent Frauenanteil tiefer. Im EU-Durchschnitt liegt der Frauenanteil in diesen Berufen bei 31 Prozent. In allen arabischen Staaten liegt dieser Frauenanteil höher als in der Schweiz.
Ich staune, Herr Bortoluzzi und Frau Flückiger, dass die SVP mein Postulat bekämpft hat, nachdem der Bundesrat mit klaren Argumenten, die ich alle unterstütze, das Postulat zur Annahme empfohlen hat. Auf die SVP-Fraktion setze ich ja noch alle Hoffnungen, aber zu den beiden Bekämpfenden, zu Herrn Bortoluzzi und Frau Flückiger, muss ich nun im Speziellen schon sagen: Wenn Sie bei diesen Schul- und Berufsbildungsgängen die Zahl der jungen Frauen in der Schweiz nicht erhöhen wollen, dann kann man den Riesenmangel an Fachkräften in der Technik, in der Maschinenindustrie, in der Elektronik, den wir eigentlich, wie ich ganz genau weiss, seit zwanzig Jahren haben, nur durch Zuwanderung aufheben - genau durch Zuwanderung, die Sie sonst von zuunterst bis zuoberst und in jeder Hinsicht bekämpfen! Dieser Mangel an Fachkräften besteht, weil aus Gründen, die ich auch nicht alle kenne, nicht so viele Frauen in diese

AB 2011 N 756 / BO 2011 N 756
Berufe einsteigen. Unsere Maschinenbauunternehmen müssen dann diese Lücken, welche beim Nachwuchs und überhaupt bestehen, mit Frauen oder Männer schliessen, die sie aus allen möglichen Ländern rekrutieren - es bleibt ihnen nichts anderes übrig.
Ich bitte Sie alle, dieses wichtige Anliegen nicht weiter zu bekämpfen und mein Postulat zu unterstützen.

Bortoluzzi Toni (V, ZH): Frau Kollegin Kiener Nellen, ich werde natürlich meinen Antrag auf Ablehnung des Postulates nicht zurückziehen. Ich glaube nicht an die Notwendigkeit einer staatlichen Einflussnahme auf die Berufswahl und die Ausbildungsrichtung der jungen Leute in unserem Land; das ist das Problem. Wichtig ist, dass der Zugang zu den Ausbildungsplätzen für alle gewährleistet ist. Ich glaube, das können wir in unserem Land sagen; dazu braucht es keine Berichte. Es ist meines Erachtens kein Missstand zu erkennen. Es wäre Beschäftigungstherapie für die Verwaltung. Der Bundesrat könnte, wenn er da verzichten würde, seinen Personaletat etwas einschränken. Das würde auch nichts schaden, nicht wahr, Herr Bundesrat?
Die unterschiedliche Wahl der Geschlechter in der Ausbildung ist nun einfach eine Tatsache. Ich meine, diese Wahl sollte der Freiheit des Einzelnen überlassen sein. Es braucht hier keine staatliche Einflussnahme. Es gibt weniger Dachdeckerinnen als Dachdecker, und der Zimmermann ist in der Regel ein Mann und keine Frau - es gibt auch Frauen, die diesen Beruf erlernen. Ich sage immer: Es ist richtig, dass bei der Wahl der Ausbildung alles offen ist - das ist entscheidend. Wir sind ein freiheitlicher Staat, und die Marktverhältnisse machen es möglich, dort, wo es nötig ist, mehr Ausbildung zu betreiben als an anderen Orten. Für mich ist dieses Postulat Ausdruck eines gestörten Verhältnisses zur Realität. Es muss hier nichts mit Berichten ergänzt werden.
Ich bitte Sie also, auf dieses Postulat zu verzichten und es abzulehnen.

Schneider-Ammann Johann N., Bundesrat: Der Bundesrat beantragt die Annahme des Postulates. Es ist ein Fakt, dass sich die Berufsinteressen der Jugendlichen vor dem fünfzehnten Altersjahr entwickeln. Es muss nebst den bereits bestehenden Berufswahlmassnahmen darum gehen, dass in frühen Jahren auch das Interesse der Jungen an den Mint-Berufen gestärkt wird, und zwar auf Vorschul- und Primarschulstufe und auf Sekundarschulstufe I. Das EVD hat im Jahr 2008 eine Mint-Initiative gegründet, die die Kantone, die Lehrpersonenverbände und die Wirtschaft einschliesst. Es geht dabei um Projekttage, es geht um Technikwochen, es geht um die Ausbildung von Lehrpersonen, es geht um Informationsplattformen.
Eine letzte Bemerkung: Im Zuge der BFI-Botschaft 2013-2016 wird diskutiert, ob es zusätzliche Massnahmen braucht, um Chancengleichheit zu ermöglichen. Diese Diskussion werden wir im nächsten Jahr miteinander führen.
Ich bitte Sie also im Namen des Bundesrates, das Postulat anzunehmen. Ich weiss, dass es nicht einfach ist, in der Industrie weibliche Fachkräfte heranzubilden, und ich bin überzeugt, dass wir, über zusätzliche Information und über zusätzliche Motivation, den Nachwuchs aus unseren eigenen Reihen sicherstellen können. Aber ein paar Bemühungen dazu sind notwendig; ein Bericht per se ist allerdings nicht das Rezept.

Fässler-Osterwalder Hildegard (S, SG): Herr Bundesrat, ich möchte wissen, ob in diesem Bericht allenfalls auch Folgendes berücksichtigt wird: Wenn man Lehrmittel, auch neuere, durchgeht, so findet man in jenen für die ersten Schuljahre auch die Darstellung von Berufen. Es wird eine riesige Auswahl von Berufen für Buben vorgestellt, während es relativ wenige Berufe sind, die als für Mädchen geeignet vorgestellt werden. Dabei folgen diese Darstellungen den Schablonen für sogenannt männliche und sogenannt weibliche Berufe. Ist vorgesehen, dass man im Zusammenhang mit dem Bericht auch diesen Aspekt angeht? Ich möchte in meinem Beruf nämlich nicht noch lange eine Ausnahme sein.

Schneider-Ammann Johann N., Bundesrat: Ich höre die Botschaft. Wenn der Bundesrat die Annahme des Postulates beantragt, dann setzt er ja ein ganz klares Zeichen, dass es eben darum gehen müsse, die weiblichen Nachwuchskräfte gleich zu behandeln und heranzuziehen. Ich habe eben erwähnt, dass wir im Zuge der BFI-Botschaft 2013-2016 allenfalls auch über die Chancengleichheit sprechen. Es ist für mich also klar, dass die Minderheit, in der Sie sich befinden, künftig nicht mehr so klein sein wird.

Abstimmung - Vote
(namentlich - nominatif; Beilage - Annexe 09.3930/5467)
Für Annahme des Postulates ... 102 Stimmen
Dagegen ... 68 Stimmen

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