Schneider-Ammann Johann N., Bundesrat:
Ich habe gestern bei Ihrer Debatte fehlen müssen und möchte ganz kurz darauf zurückkommen. Sie haben eine Reihe von Vorstössen zu den flankierenden Massnahmen angenommen. Das begrüsse ich sehr. Wie Sie wissen, arbeiten wir mit Hochdruck daran, vorhandene Lücken im System der flankierenden Massnahmen zu schliessen. In verschiedenen Vorstössen haben Sie gefordert, die Scheinselbstständigkeit sei wirkungsvoll zu bekämpfen. Der Bundesrat nimmt dieses Thema ernst. Deshalb hat er bereits am 6. Juli 2011 auf meinen Antrag hin beschlossen, die nötigen Schritte einzuleiten. In der Zwischenzeit hat das EVD entsprechende gesetzliche Regelungen erarbeitet, zu denen in Kürze das Vernehmlassungsverfahren eröffnet werden kann. Die vorgeschlagenen Massnahmen beinhalten die Einführung einer Dokumentationspflicht für selbstständige ausländische Dienstleistungserbringer sowie Sanktionsmöglichkeiten wie Bussen und Dienstleistungssperren im Falle von Auskunftspflichtverletzungen. Zudem sollen Personen, die scheinselbstständig sind oder ihre Dokumentationspflicht verletzen, am Weiterarbeiten gehindert werden können, bis sie ihrer Dokumentationspflicht nachkommen. Auch die fehlende Sanktionsmöglichkeit für schweizerische Arbeitgeber, welche die zwingenden Minimallöhne in Normalarbeitsverträgen nicht einhalten, stellt eine Lücke in der geltenden Gesetzgebung dar, welche der Bundesrat schliessen will.
Neben diesen gesetzlichen Massnahmen ist eine von mir eingesetzte Arbeitsgruppe aus Vertretern der Kantone, der Sozialpartner und der Bundesverwaltung daran, die Wirksamkeit des Vollzugs der flankierenden Massnahmen zu analysieren und Verbesserungsmöglichkeiten vorzuschlagen. Die Arbeitsgruppe soll aufzeigen, ob Lohnverstösse tatsächlich sanktioniert werden und ob festgestellte Lohnunterbietungen mit den richtigen Massnahmen verhindert werden. Damit soll Lohndumping sowohl im Einzelfall als auch auf gesamtwirtschaftlicher Ebene künftig noch konsequenter und wirksamer bekämpft werden.
Nun aber zu den heutigen Themen von Block 2; lassen Sie mich mit einigen Worten zur Wirtschaftslage beginnen. Sie haben wahrscheinlich bereits zur Kenntnis genommen, dass das Seco heute Morgen die neueste Konjunkturprognose herausgegeben hat. Der Titel lautet: "Deutliche Konjunkturabkühlung auch in der Schweiz - Hohe Nervosität an den Finanzmärkten birgt zusätzliche Risiken".
Ich zitiere aus der Prognose: "Die Konjunkturperspektiven für die Schweiz haben sich in den letzten Monaten noch weiter eingetrübt. Ausschlaggebend hierfür sind die ungünstigen aussenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen,
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AB 2011 N 1517 / BO 2011 N 1517
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namentlich die ausgeprägte Abkühlung der Weltkonjunktur sowie der - auch nach Einführung der Wechselkursuntergrenze zum Euro - hochbewertete Schweizerfranken. Die negativen Auswirkungen auf Exporte und Unternehmensinvestitionen dürften das wirtschaftliche Wachstum in der Schweiz vorübergehend stark bremsen. Die Expertengruppe des Bundes prognostiziert daher für das Jahr 2012 nur noch ein BIP-Wachstum von 0,9 Prozent, nach 1,9 Prozent für 2011. Als Folge der konjunkturellen Schwächephase dürfte die Arbeitslosigkeit im kommenden Jahr erstmals seit 2009 wieder zunehmen. Ein Risiko für eine noch deutlich schlechtere Konjunkturentwicklung mit rezessiven Tendenzen könnte sich vor allem im Fall weiterer starker Finanzmarktturbulenzen infolge der angespannten europäischen Schuldenkrise ergeben." So weit die heutige Konjunkturprognose des Seco.
Die Interpellation Ineichen und drei Interpellationen der SP-Fraktion thematisieren die Auswirkungen des starken Frankens auf den Werkplatz. Wir müssen in den kommenden Quartalen mit einer deutlichen Verlangsamung des Wachstums in der Schweiz rechnen. Der hohe Aussenwert des Frankens vermindert die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft gegenüber ausländischen Konkurrenten. Auch die Aussichten auf der Ebene der Weltwirtschaft trüben sich ein. Das potenteste Instrument in dieser Situation ist die Geld- und Währungspolitik; es haben dies mehrere Redner ihrerseits ausserordentlich deutlich gesagt. Sie ist, wie Sie wissen, Sache der Schweizerischen Nationalbank. Sie wissen auch, dass die Nationalbank am 6. September 2011 die Untergrenze bei Fr. 1.20 pro Euro festgelegt hat. Der Bundesrat hat diese Festlegung einer Untergrenze ausdrücklich begrüsst. Die Politik steht mittlerweile geschlossen hinter dieser Intervention. Sie ist eine absolute Notwendigkeit, eine Bedingung, damit andere Interventionen Wirkung erzielen können. Es hat etwas lange gedauert, bis sich die Politik von links bis rechts hinter die möglichen und nötigen Nationalbankinterventionen gestellt hat. Jetzt sind wir so weit, und wir können natürlich nur hoffen, dass mindestens diese Fr. 1.20 über die Dauer gesichert bleiben und damit Planungssicherheit für die Firmen geschaffen ist. Die Nationalbank hat erklärt, dass sie diese Untergrenze haben will, und sie hat auch erklärt, dass sie diese Massnahme mit aller Konsequenz verteidigen wird.
Weiter hat der Bundesrat dem Parlament ein erstes Paket im Umfang von 870 Millionen Franken vorgelegt; wir werden gleich darauf zu sprechen kommen. Ich will erst noch ein paar Bemerkungen zum Stichwort "Hochpreisinsel Schweiz" verlieren: Angesichts der sich abzeichnenden Probleme für unsere Wirtschaft ist es äusserst störend, wenn der Nutzen der Kaufkraft und der Wertschöpfung ins Ausland abfliesst, weil die Frankenpreise auf Grosshandelsstufe und in der Folge auch auf Konsumentenstufe nicht an die Aufwertung des Frankens angepasst werden. Wirtschaftspolitisch besteht bei der Bekämpfung dieser Fehlentwicklung ein Dilemma, und die drei Interpellationen Rutschmann, Grin und Stahl sprechen sie an: Wenn der Einkaufstourismus zunimmt, kommt der ausländische Hersteller zwar unter den Druck des hiesigen Handels, seine Grosshandelspreise auf Frankenbasis hier herunterzunehmen, aber bis das Rezept wirkt, bedeutet Einkaufstourismus Wertschöpfungsverluste für den Handel in der Schweiz.
Wir müssen deshalb erreichen, dass die Einkaufsvorteile über die inländischen Vertriebskanäle den Endkunden erreichen. Zu diesem Zweck habe ich einen runden Tisch einberufen. In der Folge sind die Detailhändler entschiedener gegen die übersetzten Frankenpreise vorgegangen. Es ist eine Welle ausgelöst worden, die Preise sind gesunken. Es ist ja schon erstaunlich, dass kurze Zeit danach in diesem Land Autos zu 20 Prozent niedrigeren und noch tieferen Preisen gekauft werden können. Seien Sie versichert, dass wir diesen Druck aufrechterhalten. Die Kapazitäten der Weko und des Preisüberwachers sind verstärkt worden. Es ist mir ernst; ich will den Wettbewerb besser zum Spielen bringen, damit wir in diesem Land ein Kostenniveau erreichen, das im internationalen Vergleich besser ist. Nur auf diesem Weg sind wir nämlich in der Lage, auch künftig jeden zweiten Schweizerfranken direkt und indirekt mit der Internationalität zu verdienen. Wir reden also auch von einer Kartellgesetzrevision, die einen Paradigmenwechsel bringen muss, die also ein Verbotskonzept zur Grundlage hat, sodass dann die Ausnahmen über die Rechtfertigungsklausel bewilligt werden.
Zum Stichwort Währungsabsicherung: Die Motionen Lumengo und Pardini sowie das Postulat der FDP-Liberalen Fraktion befassen sich mit der Absicherung der Wechselkursrisiken. In den Siebziger- und Achtzigerjahren, als die damalige Exportrisikogarantie Währungsrisiken absicherte, entstanden bei wesentlich tieferen Handelsvolumen Verluste von 900 Millionen Franken. Eine Währungsabsicherung durch die Serv würde unkalkulierbare Risiken beinhalten und den heutigen Regelungen im Rahmen der WTO widersprechen. Die Serv hat aber diverse Massnahmen ergriffen, um die Exporteure noch besser zu unterstützen.
Zum ganz heiklen Thema Eurolöhne: Die Motionen Pardini und Robbiani verlangen vom Bundesrat ein Verbot von Eurolöhnen.
Le Conseil fédéral est d'avis que les salaires en Suisse doivent en principe être payés en francs suisses. Il est également d'avis que les cas actuels dans lesquels les salaires sont payés en euros, exceptionnels et limités dans le temps, ne remettront pas en cause la pratique courante de payer en Suisse les salaires en francs suisses. Une telle pratique doit par ailleurs respecter les exigences du droit suisse. Le droit privé prévoit que le salaire est payé en monnaie ayant cours légal, c'est-à-dire en francs suisses, pour autant qu'il n'en ait pas été convenu autrement par accord ou selon l'usage. Dès lors le paiement du salaire en euros est en principe admissible si les parties l'ont convenu. Le cas échéant, les conditions d'un congé-modification ainsi que l'interdiction de reporter le risque de l'entreprise sur le travailleur doivent être respectées. Les salaires minimaux prévus par les CCT et les CTT contenant des salaires minimaux obligatoires doivent également être respectés dans tous les cas. En cas de litige, c'est au travailleur de faire valoir ses droits auprès du tribunal compétent. Il appartient en dernier ressort aux tribunaux de trancher le cas échéant la question d'une éventuelle violation de l'ALCP ou du droit suisse du travail.
Jetzt gilt es zusammenzustehen. Die Sozialpartnerschaft ist ein Standortfaktor. Das liberale Arbeitsrecht muss verteidigt werden, damit die Firmen im Markt atmen können. Weil das liberale Arbeitsrecht ein Standortfaktor ist, hilft es auch, die Menschen in diesem Land sehr viel besser in der Arbeit zu behalten, als das irgendwo in der internationalen Umgebung möglich ist. Kurz: Die Löhne in der Schweiz für Schweizer sind in Franken zu bezahlen, ich will keine Zweitwährung.
Damit komme ich zu einzelnen Aussagen im Rahmen der vorherigen Diskussion: Herr Leuenberger, ich teile Ihre Sorge um die Zukunft, ich teile Ihre Sorge um die internationale Entwicklung. Es wurde mehrfach gesagt: Es ist tatsächlich so, dass heute Morgen Italien zurückgestuft worden ist, und Griechenland ist ein Dauerthema. Die Schuldensituation wird anhalten, es muss international gespart werden, das wird auf die Konjunktur drücken. Wir sind mit der Kombination eines Konjunkturproblems und eines Wechselkursproblems konfrontiert. Es gibt nichts anderes, als die Nationalbank ihre Rolle spielen zu lassen; es gibt nichts anderes, als die Firmen ihre Rollen spielen zu lassen. Und das bedeutet: Innovation, Kostensenkung, Produktivitätssteigerung. Und dann kann die Politik, wir kommen darauf zu sprechen, ihrerseits einen Beitrag leisten.
Herr Hassler hat gesagt, unsere Stärke sei ein Nachteil. Ja, auch diese Meinung teile ich, aber ich erlaube mir zu sagen: lieber so als umgekehrt. Wenn wir die Stärke behalten wollen, die jetzt quasi zum Nachteil wird, dann müssen wir aufpassen, dass wir jetzt nicht falsche Massnahmen einleiten.
Herr Spuhler hat seinerseits gesagt, die Nationalbank hätte noch etwas mutiger vorgehen können. Er hat vorgeschlagen, Aktien statt Devisen zu kaufen. Da muss ich ihn daran erinnern, dass im Aktienmarkt gewisse Risiken vorhanden sind, Risiken, die mindestens so gross sein können wie im Devisenmarkt. Noch einmal: Entscheidend ist, dass die
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AB 2011 N 1518 / BO 2011 N 1518
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Nationalbank gehandelt hat. Entscheidend ist, dass jetzt die Politik - von links bis rechts und von rechts bis links - hinter deren Beschluss steht und ihn unterstützt, damit die Welt zur Kenntnis nimmt, dass es uns mit dem Verteidigen dieser Untergrenze ernst ist.
Herr Hurter, Sie sprechen von Propaganda in Sachen Einkaufstourismus, und wahrscheinlich haben Sie auch mich angesprochen. Ich nehme die Gelegenheit wahr, einmal mehr klarzustellen, was der Volkswirtschaftsminister dieses Landes gesagt hat: Selbstverständlich erwarte ich, dass in diesem Land eingekauft wird, kompetitive Rahmenbedingungen vorausgesetzt, aber es gibt auch ein gewisses Verständnis dafür, dass über die Grenze gegangen wird, weil die Konditionen dort sehr viel attraktiver sind, und das kann man ja wohl nicht einfach negieren. Aber noch einmal: Es ist mir zentral wichtig, dass wir den Konsum in diesem Land stützen, dass wir in diesem Land die Kostenstrukturen so anpassen, dass es eben nicht mehr nötig ist, ins Ausland zu gehen. Die durch Gespräche am runden Tisch ausgelösten Kostenreduktionen sind ein erster und ermutigender Schritt in diese Richtung.
Dann will ich noch ein paar Worte zu einer Bemerkung von Herrn Bischof verlieren: Sie sprechen von Industrie, vom Industrieplatz, vom Werkplatz, von Industriepolitik. Ich bin der Letzte, der zuschauen könnte, wenn dieses Land desindustrialisiert würde. Die Industrie, die klassische Realwirtschaft, trägt 23 Prozent zu unserem BIP bei. Das ist deutlich mehr als in vielen Ländern, die den Fehler gemacht haben, die Industrie fahrenzulassen, England zum Beispiel oder die USA. Es muss uns jetzt mit vereinten Kräften gelingen, die Industrie in diesem Land zu erhalten. Wie man das macht? Sicherlich wieder mit der Nationalbank, sicherlich wieder mit von den Unternehmen selbst vorgenommenen Verbesserungen und Kostensenkungen und dann natürlich auch über die Rahmenbedingungen, welche die Politik setzt. Ich werde im zweiten Teil unserer Diskussion über die langfristigen Rahmenbedingungen in diesem Land sprechen. Ich teile vollständig Ihre Meinung, dass dieses Land nicht desindustrialisiert werden darf. Deshalb appelliere ich - das mache ich Tag für Tag und jetzt auch hier drin - an alle: Es geht in dieser schwierigen Zeit, und die Zeiten werden noch schwieriger werden, darum, dass wir zusammenstehen! Wir sollten nicht einfach nur die Sünder suchen, und wir sollten darauf achten, dass die Lasten nicht auf die falschen Schultern verteilt werden! Nur miteinander kann es gelingen, die Krise zu überwinden, ohne dass die Arbeitslosigkeit wesentlich ansteigt!