Leuthard Doris, Bundesrätin:
Es gibt im Sicherheitsbereich zwei Massnahmen, die unbestrittenermassen Menschen schützen: das Angurten im Auto und das Helmtragen auf dem Velo. Diese Massnahmen schützen bei Unfällen und reduzieren Risiken. Insofern geht es an sich nur darum, ob Sie dafür sind, dass sie freiwillig sind, oder dafür, dass sie obligatorisch sind. Beim Gurtentragen würde heute niemand
|
AB 2011 N 2148 / BO 2011 N 2148
|
mehr bestreiten, dass es richtig war, es für obligatorisch zu erklären, obwohl man dort die gleichen Argumente vorbringen könnte, z. B., Eigenverantwortung führe dazu, dass sich jeder vernünftige Mensch angurte, wenn er im Auto sitze.
Weshalb haben wir das Gurtentragen für obligatorisch erklärt? Weil nicht alle Menschen immer nur nach der Vernunft handeln; wir sind mal bequem, mal vergesslich. Dasselbe ist beim Helmtragen der Fall. Der Bundesrat hat die Erwachsenen ausgenommen, weil er sich sagte, bei Erwachsenen könne es im Normalfall ja mit Eigenverantwortung funktionieren. Aber können Sie dieselbe Verantwortung und dieselbe Einschätzung von einem Kleinkind erwarten? Das ist schon eine andere Kategorie. Die Urteilsfähigkeit - die Frage lautet: Soll ich jetzt einen Helm tragen oder nicht? - ist bei einem Dreissigjährigen wohl eine andere als bei einem Siebenjährigen. Auch darum geht es.
Sie haben gestern beschlossen, dass ein Kleinkind jederzeit auf eine Hauptstrasse darf - ohne Begleitung! Es darf ohne Begleitung mit seinem Velo auf die Strasse. Und jetzt wollen Sie dieses Kleinkind noch einem zusätzlichen Risiko aussetzen, indem Sie zu ihm sagen: Du darfst ohne Begleitung und ohne Helm auf die vielbefahrene Strasse, denn du hast ja irgendwo noch Eltern, die dich betreuen, die auf dich aufpassen, die dich schon mit drei oder vier Jahren so weit gebracht haben, dass du beim Verlassen des Hauses den Helm anziehst! Du kannst das selber, auch als Dreijähriger triffst du selbstverständlich den Verschluss. Du weisst, du gehst jetzt auf die Strasse, also sollst du den Helm tragen. Du weisst zwar, dass es gefährlich ist, aber mit drei oder vier Jahren bist du in der Lage, so viel Verantwortung zu übernehmen. Das sind tolle Kinder, da mache ich mir keine Sorgen mehr für unser Land!
Ich glaube, für einen gewissen Schutz sollte der Staat sorgen - wenn auch keinen übertriebenen. Wenn schon so viele Menschen aus Einsicht den Gurt umschnallen und den Helm anziehen und wenn Eltern ihre Verantwortung übernehmen, ist das gut. Aber der Schutz funktioniert auch, weil wir Regeln haben, die sich eingebürgert haben, Sinn machen und auf breite Akzeptanz stossen.
Man hat in den letzten Jahren Umfragen zum Helmobligatorium gemacht. 2011 waren bei der Umfrage 87 Prozent der Bevölkerung mit dem Helmobligatorium für Kinder einverstanden. Das ist ein guter Wert, der die Tendenz aufzeigt, dass man es eben als allgemeingültige Regel verinnerlicht hat. Beschliessen Sie dieses Obligatorium, weil Sie damit jedem Kind, dem Sie diesen Schutz gewähren - jedem Kind, das keine schwere Kopfverletzung erleidet, da der Staat klugerweise für den Schutz gesorgt hat -, einen riesigen Gefallen tun.
Weshalb das Alter 14? Darüber kann man ja reden. Die Kommission hätte sagen können: Für uns sind 10 oder 12 Jahre das Alter, in dem die Urteilsfähigkeit von Kindern beginnt. Der Bundesrat hat das Alter 14 vorgesehen, weil das die Schwelle ist, bei der Jugendliche aufs Mofa umsteigen. Beim Mofa gibt es ein Helmobligatorium, by the way. Vielleicht sind Sie ja seinerzeit auch in der Lage gewesen, einmal ein Mofa zu besteigen. Der Reiz, das zu tun, ist für jeden jungen Menschen sehr gross. Wenn er schon an den Helm gewöhnt ist, ist es ein fliessender Übergang. Man hat Erfahrungen gemacht mit einer Regelung, nach der das Velohelmobligatorium schon mit 10 oder 12 Jahren aufhörte und mit 14 dann das Helmobligatorium für das Mofa begann. Da hat man dann eben Umsteigeeffekte feststellen können, die in diesem Transitionsbereich wieder zu gravierenderen Verletzungen geführt haben. Das war der Grund, dass man gesagt hat: Wir führen das Kind in vielen Fällen vom Velo zum Mofa, aber wir führen es mit dem Helmobligatorium ohne Unterbruch dorthin. Über das Alter kann man also diskutieren, es basiert vor allem auf Erfahrungswerten in anderen Staaten.
Ich bitte Sie daher, sich im Lichte Ihrer sehr liberalen Auffassung nochmals gut zu überlegen, wann und wie Kinder auf unsere Strassen gehen dürfen. Wenn Sie jetzt mit einem Verzicht auf eine Helmpflicht das Risiko noch erhöhen, haben Sie selber Verantwortung zu übernehmen.
Ich empfehle Ihnen, dem Einzelantrag Candinas und damit dem Bundesrat zu folgen.