Blocher Christoph (V, ZH):
Besonders in der Europäischen Union spitzen sich derzeit die Verschuldungs- und die Bankenkrise - das sind die beiden grossen Problemursachen - bedrohlich zu. Zusammenbrüche mit tiefgreifenden Folgen, Rezession, Krisen sind nicht mehr auszuschliessen, und das wird unser Land treffen, so oder so. Das ist der Inhalt unserer Interpellation: Was tut der Bundesrat, um sich darauf vorzubereiten; welche vorbehaltenen Entschlüsse bereitet er vor? Wir danken dem Bundesrat für die Antwort. Sie ist natürlich sehr allgemein ausgefallen, vielleicht sagt er sich, dass es besser ist, wenn man ihm da nicht in die Bücher schaut - kann ja sein. Nur mit Krisenstäben und Zusammenarbeit ist es wahrscheinlich nicht getan.
Wir versuchen hier, von unserer Seite eine Antwort zu geben, wie wir uns für den schlimmsten Fall wappnen können. Der schlimmste Fall wäre nämlich, dass über Nacht eine tiefe Bankenkrise, ein Vertrauensverlust in die Banken eintritt.
1. Es ist von Bedeutung, dass in einem intensiven Gespräch eine Bitte oder sogar eine Forderung - man kann es nicht befehlen - an unsere Banken, die international tätig sind, gerichtet wird, damit die internationale Verflechtung hier aufgebrochen oder unterbunden wird. Natürlich ist das nicht vollständig möglich, aber es kann wesentlich besser gemacht werden als jetzt. Wir haben ja leider bei der "Too big to fail"-Problematik die Arbeit zur Trennung des Investmentbankings vom anderen Banking nicht geleistet. Darum sind die Banken international sehr stark verbunden. Aber es gehört jetzt dazu, diese Entflechtung vorwegzunehmen, denn
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AB 2012 N 1161 / BO 2012 N 1161
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ein Bankenkollaps in der Europäischen Union würde die Schweizer Banken mitreissen, das würde die ganze Konjunktur mitreissen. Dann hätte man wieder die Hilfe des Staates, die wir kennen, und wenn sie die Hilfe des Staates beanspruchen würden, dann kommt auch die Frage, ob man das überhaupt tragen könnte.
2. Die Untergrenze für den Frankenkurs ist eine Notmassnahme; es ist keine Anbindung an den Euro, es darf keine Anbindung sein. Die Grenze von Fr. 1.20 muss aufrechterhalten bleiben. Sie darf keinesfalls im Juni aufgehoben werden, bevor man weiss, was für Folgen die Griechenland-Krise hat und was für Folgen die geplante Währungsunion hat. Aber es ist die Aufgabe der Nationalbank, abzuschätzen, wann wir in normale Verhältnisse kommen werden.
3. Einbrüche für unsere Industrie werden wahrscheinlich über Nacht erfolgen. Und da, würde ich meinen, ist damals, 2008, mit guten Gründen die einzig hilfreiche Massnahme gegen die Beschäftigungsrückgänge getroffen worden. Es soll die verlängerte Kurzarbeit statuiert werden, damit im schlimmsten Fall die Einbrüche während einiger Monate aufgefangen werden können. Sonst wird es zu Entlassungen und zu Konkursen grosser Unternehmen kommen. Diese Massnahme wäre im Falle eines momentanen Einbruchs zu treffen.
Wir sehen natürlich, dass es in der Europäischen Union, unabhängig von dieser Schulden- und Bankenkrise, jetzt konjunkturmässig abwärtsgeht. Das weiss heute jeder Exporteur, der in diesen Märkten tätig ist: Die Konjunktur verschlechtert sich. Ob das zu einem Rückgang oder zu einer Rezession führt, ist eine andere Frage. Da müssen wir jetzt unsere Stärken weiter ausbauen. Und die Stärke der Schweiz ist, dass wir erstens nicht in diesem Salat europäischer Fehlkonstruktionen sitzen, das ist erfreulich, und dass wir uns zweitens nicht in diesen hineinziehen lassen - sonst übernehmen wir das. Wenn die Grenze zu lange bei Fr. 1.20 ist, die wir heute nicht aufgeben können, werden wir natürlich langsam auch die Inflation importieren. Aber wir müssen diese Frage der Nationalbank überlassen.
Eine weitere Stärke ist, dass bei uns die Verschuldung kleiner ist. Wir machen Sie darauf aufmerksam, dass wir starke Steigerungen bei den öffentlichen Ausgaben haben, die über dem Wachstum liegen, auch über dem geschätzten hohen Wachstum, und dass wir heute sehr tiefe Zinssätze haben. Hätten wir normale Zinssätze, hätten wir riesige Defizite. Wir müssen also mit den öffentlichen Ausgaben zurückfahren.
Wir müssen auch dafür sorgen, dass sich unsere Wirtschaft bewegen kann. Wir haben überall grosse Theorien: weg von der Bürokratie; mehr Freiheit, weniger Bürokratie. Damit sind wir alle einverstanden - und wir regulieren hier täglich ununterbrochen und haben immer mehr Bürokratie. Ich habe noch kein Gesetz gesehen, das wir gemacht haben, das weniger Bürokratie bringt. Jedes bringt mehr, das ist ja klar: Wenn Sie Gesetze machen, regulieren Sie.
Wir müssen den Unternehmen sagen, dass sie noch einige Zeit mit der Euro-Untergrenze von Fr. 1.20 leben müssen, damit sie die nötigen Massnahmen in Bezug auf Währungsabsicherung usw. treffen können. Keinesfalls ist es möglich - das würden wir gar nicht überstehen -, eine Kursuntergrenze von Fr. 1.30 oder 1.40 festzulegen.
Ich bin das ganze Leben lang in der Exportindustrie zu Hause gewesen. In unserem Familienbetrieb haben wir 96 Prozent der Produktion exportiert, 60 Prozent in die EU. Mit Fr. 1.20 müssen die Betriebe leben und leben können. Wenn sie das nicht können, müssen sie andere Produkte fertigen. Das Szenario einer Rezession in der Schweiz ist, so glaube ich, nicht mehr das schlimmste, sondern das wahrscheinlichste.