Schneider-Ammann Johann N., Bundesrat:
Mein Bezug zur Landwirtschaft betrifft nicht die Zeit vor hundert Jahren - ich stamme direkt aus der Landwirtschaft. Die Landwirtschaft ist auch mir ein sehr, sehr grosses und wesentliches Anliegen. Zusätzlich bin ich noch Berner -
(Heiterkeit)
was ich sage, um Ständerat Luginbühl zu quittieren.
Wir haben es soeben gehört: Die Anliegen der Landwirtschaft sind sehr vielfältig, es gibt sehr viele unterschiedliche Interessen. Jeder hat seine Vorstellung von Landwirtschaft. Diese Interessen unter einen Hut zu bringen ist grundsätzlich schwierig. Es wird ganz schwierig sein, im Kontext der Agrarpolitik 2014-2017 eine gescheite Lösung zu finden. Wenn es um die Öffnungsaspekte geht, ist es natürlich gar nicht trivial, das zu machen, was unserer Landwirtschaft und damit letztlich unserem Land hilft. Nur das will der Bundesrat. Ich könnte einmal mehr erklären und plump sagen, dass ich eine produzierende Landwirtschaft wolle, eine Landwirtschaft, die Qualitätsprodukte herstellt, eine wettbewerbsfähige Landwirtschaft, damit sie in der Zukunft bestmöglich bestehen könne, eine multifunktionale Landwirtschaft. Das ist im Wesentlichen das Spektrum, das in der Agrarpolitik 2014-2017 abgebildet ist.
Ich habe vorher bei der aussenwirtschaftspolitischen Diskussion gesagt, es gebe drei Pfeiler: erstens die WTO für die Globalität, zweitens die EU für die unmittelbare Nachbarschaft, drittens den Binnenmarkt, den wir im Auge behalten müssen, indem wir für diesen die nötigen Voraussetzungen schaffen, damit wir auf dem europäischen und dem globalen Markt bestehen können. Dabei müssen wir immer im Auge haben, dass wir jeden zweiten Franken auf dem
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europäischen und dem globalen Markt verdienen und dass wir damit jeden zweiten Arbeitsplatz sicherstellen.
Mit Blick auf diese drei Pfeiler komme ich auf die Landwirtschaftspolitik zurück, bei der man ebenfalls von drei Pfeilern sprechen kann: Mit dem ersten Pfeiler meine ich - seit dem ersten Tag in diesem Amt handle ich so -, dass es darum geht, Vertrauen zu schaffen, und zwar gegenseitiges Vertrauen. Vertrauen schaffen heisst, offen und ehrlich miteinander über die unterschiedlichsten Interessen zu reden. Denn letztlich können wir nur auf einer Vertrauensbasis eine Lösung finden, sowohl für die Agrarpolitik 2014-2017 wie für den "Freihandel".
Der zweite Pfeiler - ich habe es eben genannt - ist die Agrarpolitik 2014-2017; diese werden wir im Laufe dieses Jahres intensiv diskutieren. Der dritte Pfeiler ist die Marktöffnung.
Ich glaube nicht, dass es uns zum Erfolg gereichen wird, wenn wir einfach versuchen, die Diskussion abzuwürgen oder uns abzuschotten; das darf nicht sein. Wir müssen uns dieser Diskussion stellen. Die Landwirtschaft wird bereits durch die Internationalität herausgefordert - mehr als gefordert. Abschotten kann sie sich nicht. Ich bringe das Reizwort "Einkaufstourismus"; das ist jetzt auch mehrfach angeklungen. Das alleine schon zwingt uns zum Handeln, und es lässt uns hoffentlich so handeln, dass wir das Handlungsprimat noch bei uns haben und nicht einfach überfahren werden.
Wir haben im Jahr 2008 eine Diskussion gestartet. Diese Diskussion ist damals tatsächlich in einer Umgebung gestartet worden, in der es hiess: Die Doha-Runde kommt - sorgt dann dafür, dass alle gleich behandelt werden und die Spiesse nicht unterschiedlich lang sind! Die Doha-Runde ist aber ins Stocken geraten - damit gebe ich eine erste Antwort auf eine der Fragen von Ständerat Engler -, die Doha-Runde ist im Stillstand. Wir haben das letzte Mal in Davos unter Wirtschaftsministern festgestellt: Die Doha-Runde, wie sie damals angedacht war, steht heute und wahrscheinlich noch längere Zeit still. Mit irgendeinem ganzheitlichen Ansatz kommt man in der Doha-Diskussion nicht weiter. Es wurde auch angesprochen: Es sind vor allem die ganz grossen Volkswirtschaften, die "big elephants", und die Schwellenländer, die sich weiterentwickelt haben und sich teilweise im Wege stehen. Deshalb ist das Ganze ins Stocken geraten. Wir müssen vorderhand davon ausgehen, dass es dort kaum mehr Bewegung geben wird.
Im Verhältnis zur Europäischen Union - wir diskutieren jetzt nicht die Agrarpolitik 2014-2017; dazu haben wir in den nächsten Monaten genug Gelegenheit - wäre es ein völlig falsches Zeichen, wenn wir jetzt sagen würden, dass wir diese Diskussion einfach nicht wollten. Das wäre falsch! Da würde man uns sogar unterstellen, dass wir andere Dossiers auch nicht ernsthaft diskutieren wollten - und diesbezüglich sind wir sehr viel mehr daran interessiert, dass es vorwärtsgeht.
So gesehen bin ich der Ansicht, dass der Bundesrat damals den Rat konsultiert und ein Mandat erhalten hat. Er ist nun bei diesem Auftrag mit Bedacht unterwegs. Er geht schrittweise vor und lässt sich in nichts hineinziehen, was mittel- und längerfristig zum Bumerang werden könnte. Es wäre falsch, jetzt diesen Prozess abzubrechen und so dem Bundesrat quasi das Vertrauen zu entziehen. Das hätte dann seine Konsequenzen, nicht nur innenpolitisch, sondern vor allem auch aussenpolitisch.
Aufgrund des Gesagten bitte ich Sie, die drei Motionen aus dem Nationalrat abzulehnen und die Kommissionsmotion 12.3014, die ich sehr ernst nehme, zu unterstützen.
Diese Kommissionsmotion gibt uns den Auftrag, in den nächsten fünf, sechs Monaten einen wirklich umfassenden Bericht zur Situation 2012 zu erstellen und daraus abzuleiten, welche Optionen wir haben. Dann können wir miteinander die Optionen beurteilen; Sie können dann entscheiden, ob diese zielführend sind oder nicht, und zwar unter dem Titel "Freihandel" oder unter dem Titel "Agrisanté", den es schon einmal gab.
Ich bitte Sie also, das Anliegen der Kommissionsmotion weiterverfolgen zu helfen. Es ist kein Danaergeschenk, und es ist keine Beruhigungspille - dagegen wehre ich mich! Es muss eine ganz ernsthafte Diskussion damit verbunden sein: Wo stehen wir? Was wollen und können wir? Wie haben wir das im internationalen Umfeld zu verstehen?
Die Antworten liefern wir Ihnen, wenn Sie diese Kommissionsmotion annehmen.
Ich will noch erwähnt haben, dass es nicht nur um Landwirtschaft geht, sondern auch um Produktesicherheit, um Lebensmittelsicherheit, um die gesamte Verarbeitungskette; das ist integral zu verstehen und integral abzuwägen, abzuschätzen und zu diskutieren. Bitte stellen Sie daher nicht nur das Landwirtschaftsthema in den Vordergrund, das wäre gefährlich.
Ich möchte jetzt versuchen, noch ein paar Fragen zu beantworten:
Herr Ständerat Föhn, Sie haben von Planungssicherheit gesprochen, Sie haben davon gesprochen, dass den Bäuerinnen und Bauern wieder Sicherheit zurückgegeben werden soll. Das Wort "Sicherheit" scheint mir sehr wichtig zu sein. Die Sicherheit aber, dass nichts ändert, gibt es einfach nicht; diese Sicherheit ist hoffentlich auch nicht angesprochen. Wir leben in einer sehr bewegten Welt, niemand hat Sicherheit. Wir wissen nicht, wie sich das Umfeld bewegt, wir wissen nicht, welche Wirtschaftsbereiche sich in der nächsten Zeit gut oder weniger gut behaupten können. In diesem Zusammenhang habe ich schon Folgendes gesagt: Es ist eigentlich gar nicht selbstverständlich, dass man der Landwirtschaft für die Jahre 2014-17, für diesen relativ weiten Zeithorizont - man blickt immerhin fünf Jahre voraus - den Zahlungsrahmen anbietet, der jetzt gilt. Das ist eine Ausnahmesituation, und das muss respektiert werden. Ich stehe aber vollständig dahinter und helfe, es durchziehen, und zwar mit einer Idee: Wir wollen die Landwirtschaft, und wir wollen sie kompetitiver machen, damit sie die Zukunft bestehen kann. Ich bitte Sie also, Sicherheit nur so zu verstehen.
Herr Ständerat Recordon, Sie haben mir gesagt, wir würden Zeit investieren, obwohl es dann sowieso ein Nullergebnis gebe - Sie haben es nicht ganz so gesagt, sondern eleganter. Ich habe mir aber schon überlegt, ob es denn zweckmässig wäre, wenn ich jetzt meine bzw. unsere Kapazität auf etwas anderes, Zielführenderes konzentrieren würde. Ich glaube, ich muss Ihnen mit Nein antworten. Die Landwirtschaft hat eine riesengrosse Bedeutung in diesem Land, auch wenn es im BIP vielleicht nicht zum Ausdruck kommt. Gesellschaftspolitisch, souveränitätspolitisch, ernährungspolitisch ist die Bedeutung riesengross. So gesehen können wir überhaupt nichts falsch machen, wenn wir am Thema dranbleiben, wenn wir mit den Europäern im Gespräch sind und versuchen, mit den Europäern einen Weg zu finden, wie man die Märkte vernetzen kann.
Beim Käsefreihandel - dieses Thema wird dann im Bericht oder spätestens in der Diskussion zur Agrarpolitik 2014-2017 wieder aufkommen - sind wir vom Bundesamt her der Ansicht, dass dies kein Negativbeispiel ist. Wir müssen dann allerdings die Frage stellen, ob wir von Schweizerfranken oder von Kilogrammen reden, welche Unternehmen den Weg gefunden und welche ihn nicht gefunden haben und wo die Unterschiede sind; das wird uns in der Diskussion mit Sicherheit auch weiterhelfen.
Herr Engler, Sie haben weiter gefragt, ob sich die Ziele des Bundesrates seit 2008 geändert hätten. Ich gehe davon aus, dass sich diese Frage ausschliesslich auf das Thema Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union bezieht. Die Antwort lautet Nein. Der Bundesrat machte damals einen Vorschlag und bekam ein Mandat, gemäss dem er voranschritt. Die Diskussionen und Verhandlungen kamen dann im Sommer zum Stehen, und zwar nicht wegen der landwirtschaftlichen Themen, sondern wegen der institutionellen Frage; hier gab es Fragen, die nicht gelöst werden konnten. So gesehen besteht die damalige Zielsetzung nach wie vor; es wäre nicht korrekt, wenn ich das jetzt irgendwie beschönigen würde. Sie besteht formal nach wie vor. Gehen Sie aber davon aus - Sie wissen das zu einem guten Teil
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sehr wohl -, dass wir unter uns und auch schon jetzt sogar mit den europäischen Nachbarn diskutieren, wie man etwas geschickter eine Marktvernetzung finden könnte: schrittweise, etappenweise und - das sowieso - mit Stützungen. Das alles ist im Kontext drin. Es ist nicht einfach Freihandel ja oder nein, das ist es nicht mehr.
Die dritte Frage von Ständerat Engler war, glaube ich, jene nach den Einkommen, wenn diese auf die Hälfte schmelzen. So oder so wird es einen Strukturwandel bedeuten. Die Einkommen derjenigen Betriebe, die weiterhin im Markt dabei sein werden, werden nicht auf die Hälfte reduziert werden können, sonst gibt es die Betriebe nicht mehr. Etwas deutlicher gesagt: Ich kann mir nicht vorstellen, dass es nicht gewisse Umstrukturierungen geben wird. Die Betriebe werden etwas grösser werden, und das nicht nur im Talgebiet, sondern auch im Hügel- und vielleicht sogar im Berggebiet; aber dies mit einer Zielsetzung: Sie sollen im Markt bleiben, und die Einkommen dürfen nicht schrumpfen. Die Modellrechnungen, betrachtet man nur die Agrarpolitik 2014-2017 ohne den Kontext einer weiteren Öffnung gegenüber der EU, zeigen auf, dass die Einkommen steigen werden. Sie werden nach Modellrechnung gegenüber dem Referenzeinkommen in anderen Wirtschaftsbereichen sogar überproportional steigen.
Herr Bischofberger, auch zu Ihrem Votum habe ich mir etwas aufgeschrieben. Sie haben es zwar, glaube ich, nicht so im Klartext gesagt, aber ich will es meinerseits in die Diskussion bringen. Sie haben das Kulturland und die Fruchtfolgeflächen angesprochen. Diese Diskussion müssen wir dann auch miteinander führen. Wenn wir in diesem Land plötzlich die elementarste Grundlage für das Betreiben einer Landwirtschaft nicht mehr haben, dann kommt der Umstrukturierungsprozess vor allem auch von dieser Seite her. Mit anderen Worten: Als Landwirtschaftsminister gehe ich mit meinem Bundesamt für Landwirtschaft in den nächsten Monaten auch darauf aus, dass der Landwirtschaft möglichst viel Kulturfläche und die Fruchtfolgeflächen sowieso weiterhin zur Verfügung stehen, damit wir Landwirtschaft betreiben können.
Frau Savary hat den Selbstversorgungsgrad angesprochen. Dieser ist heute in der Grössenordnung von 60 Prozent brutto und soll so bleiben. Auch das bedingt wiederum, dass wir den Boden haben, dass wir wettbewerbsfähig sind und dass wir produzieren können. Allein schon mit dieser Ambition, den Selbstversorgungsgrad nicht schrumpfen zu lassen, will ich Ihnen quittieren: Es kann doch nicht sein, dass wir die Landwirtschaft über irgendeine Marktöffnung oder eine Marktvernetzung einfach fahren lassen wollen! Das will niemand, das will ich auf jeden Fall nicht.
Herr Ständerat Jenny, Sie haben das Wort "retten" gebraucht und gesagt, dass wir unsere Landwirtschaft retten müssten. Retten? Man muss ihr die Angst nehmen, man muss sie ermutigen, man muss sie mittels Investitionen, die gemeinsam getätigt werden, befähigen. Man muss sie beispielsweise - das ist auch ein Vorschlag - wettbewerbsfähiger machen, und dann ist sie auf dem besten Weg, so weit als möglich gerettet werden zu können. Das Wort "retten" gefällt mir nicht. Die Landwirtschaft ist da, sie ist wichtig, wir brauchen sie. Sie muss nur gestärkt werden - dieses Wort würde ich dann sehr viel lieber benutzen.
Der langen Rede kurzer Sinn: Jetzt geht es darum, die Motionen zu klären.
Ich bitte Sie, die drei Motionen aus dem Nationalrat abzulehnen. Diese Motionen führen nach dem Verständnis des Bundesrates nicht weiter. Die Motion Joder und die Motion Favre Laurent sind von vornherein nicht zielführend. Abschottung ist keine weiterführende Option. Es hilft nicht, zu stoppen und dann trotzdem irgendwie einen Weg suchen zu wollen.
Weil auch die Motion Darbellay die Verhandlungen klar und deutlich stoppen will, lässt sie sich nicht mit der Motion der WAK-SR kombinieren, denn dann verhandeln wir nicht mehr weiter und können den Bericht nicht mehr so machen, wie er gemacht werden muss, damit wir auch das internationale Umfeld berücksichtigt haben.
Nehmen Sie deshalb nicht den Ausweg, sondern steigen Sie in die Kommissionsmotion ein! Diese scheint mir das Instrument zu sein, welches diese Diskussion weiterbefördern hilft.