Fast 30 Jahre nach dem Frauenstreik von 1991 werde ich morgen erneut an der Seite der Frauen stehen, die in der ganzen Schweiz auf die Strasse gehen. Obwohl die Gleichberechtigung in der Verfassung verankert ist, gibt es leider immer noch viele Bereiche, in denen Männer und Frauen nicht gleichgestellt sind.

Ich war gerade 25 Jahre alt, als ich mich an jenem 14. Juni 1991 mit vielen anderen Medizinstudentinnen nicht in die Hörsäle der Uni Basel begab, sondern am Frauenstreik teilnahm. Eine halbe Million Frauen in der ganzen Schweiz demonstrierten an diesem Tag für Gleichberechtigung und Chancengleichheit.

Das Datum war nicht zufällig gewählt, denn genau zehn Jahre zuvor, am 14. Juni 1981, hatten Volk und Stände die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Bundesverfassung verankert: «Mann und Frau sind gleichberechtigt. Das Gesetz sorgt für ihre Gleichstellung, vor allem in Familie, Ausbildung und Arbeit. Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit.» Dank all den entschlossenen Frauen und trotz der Kritik vieler Männer trug die Mobilisierung von 1991 Früchte und der Verfassungsgrundsatz wurde in der Folge im Gleichstellungsgesetz konkretisiert.

Hätte man mir damals gesagt, dass es fast 30 Jahre später noch immer keine volle Gleichstellung geben werde, hätte ich dies nicht geglaubt. Obwohl in den letzten Jahrzehnten viel erreicht wurde, liegt noch ein gutes Stück Weg vor uns, namentlich was die tatsächliche Umsetzung der rechtlich garantierten Gleichberechtigung im Alltag der Frauen angeht.

Die nach wie vor existierende Ungleichheit zeigt sich insbesondere auch am geringen Frauenanteil in der Politik. Das Thema liegt mir sehr am Herzen und ich versuche, dieses während meiner Zeit als Nationalratspräsidentin immer wieder anzusprechen. In einer zugleich direkten als auch repräsentativen Demokratie wie der unseren, ist eine ausgeglichene Vertretung aller Teile der Gesellschaft – Generationen, Berufsgruppen, Geschlechter, politische Richtungen – von grundlegender Bedeutung. Die Förderung der Frauenrechte und der Gleichstellung trägt zur Schaffung einer Gesellschaft bei, die gerechter und verantwortungsvoller ist und die Diversität ihrer Bestandteile besser abbildet. Die Vertretung und das Engagement der Frauen in der Politik sind dabei wesentliche Elemente. Die Hauptverantwortung liegt hier zweifelsohne bei den Parteien. Es reicht nicht aus, die Frauen zu fragen, ob sie bereit sind, zu kandidieren, um sie dann, wie es leider nur allzu häufig geschieht, als «Alibi-Frauen» ins Rennen zu schicken. Nein, die Parteien müssen Frauen echte Wahlchancen verschaffen. Auch die Medien müssen den Frauen und ihren Werdegängen die gebotene Wertschätzung entgegenbringen und vermeiden, nur mit Männern Diskussionen und Interviews zu führen.

Frauenstreik 14. Juni 1991 in Zürich (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) / Com_LC0479-002-002 / CC BY-SA 4.0)

Ein weiterer Bereich, in dem Männer und Frauen eindeutig ungleich behandelt werden, ist die Berufswelt. Auch in der Schweiz existiert die sogenannte «gläserne Decke». Sie führt dazu, dass die Zahl der Frauen in Führungspositionen sehr gering ist. Zudem verdienen Frauen nach wie vor auf allen Ebenen weniger als ihre Kollegen. Einige der dringlichsten Forderungen im beruflichen Bereich sind Lohngleichheit, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie die gerechtere Arbeitsteilung bei Haushaltsführung und Kinderbetreuung. Diese nicht bezahlte Arbeit leisten nach wie vor hauptsächlich Frauen, was unmittelbare Auswirkungen auf ihr Einkommen, aber auch auf die Sozialversicherungen und das Rentensystem hat.

Mehr politisches Engagement braucht es auch bei der Bekämpfung der häuslichen Gewalt, ein bedauerlicherweise weit verbreitetes Phänomen in der Schweiz. Zu viele Frauen können sich nicht einmal zu Hause sicher fühlen und leider sind die gemeldeten Fälle nur die Spitze des Eisbergs. Das Zusammenleben mit dem Gewalttäter und die emotionale Bindung zu ihm, die finanzielle Abhängigkeit, aber auch die gesellschaftliche Stigmatisierung sind Faktoren, die dazu führen, dass viele Frauen das Erlebte für sich behalten und das Inakzeptable akzeptieren.
Diese drei Beispiele sind nur einige der Gründe dafür, mich an die Seite all jener Frauen zu stellen, die morgen in der ganzen Schweiz ihre Stimme erheben, in der Hoffnung, dass wirkungsvollere Massnahmen zur Bekämpfung der nach wie vor bestehenden Diskriminierung ergriffen werden. Der Kampf um Gleichstellung geht uns alle an, Frauen wie Männer. Denn die Gleichstellung wäre zum Vorteil der gesamten Gesellschaft und auch der Wirtschaft. Und sie ist zugleich eine Frage der Gerechtigkeit und der Demokratie.

 

Auch in Bern streiken die Frauen auf dem Bundesplatz (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) / Com_LC0479-001-007 / CC BY-SA 4.0)

Marina Carobbio Guscetti, Nationalratspräsidentin