In der Schweiz gibt es mehr Frauen als Männer. Nicht so in der Regierung. Nach Doris Leuthards Rücktritt verbleibt mit Simonetta Sommaruga vorläufig eine einzige Frau. Politik und Öffentlichkeit diskutieren die Gender-Frage: Wie wichtig ist das Geschlecht? Gehört es in die Verfassung? Mit was für Strategien bringen die Parteien ihre Kandidatinnen durch? Wir schauen genauer hin und werfen einen Blick in die Geschichte.

Störmanöver und wilde Kandidaten


2006 tritt die CVP mit einer Einerkandidatur an: Doris Leuthard schafft es im ersten Wahlgang. Nicht immer läuft es so glatt. Die SP stellt 1983 die erste offizielle Kandidatin auf: Liliane Uchtenhagen. Ihr Konkurrent macht in der Fraktion nur wenige Stimmen. Das Parlament entscheidet anders: Zur Konsternation von SP und Uchtenhagen kürt es den Konkurrenten, Otto Stich. Zehn Jahre später droht sich die Geschichte zu wiederholen: Die SP nominiert Christiane Brunner, gewählt wird Francis Matthey. Die SP überlegt sich den Gang in die Opposition. Unter Druck der Partei und 10 000 Demonstrantinnen auf dem Bundesplatz schlägt Matthey die Wahl aus, Brunner zieht beim zweiten Anlauf ihre Kandidatur zurück. Der Weg ist frei für eine andere Genfer Gewerkschafterin: Ruth Dreifuss.




 

Ruth Dreifuss nach ihrer Wahl 1993 (Tagesschau SF DRS, News-Clip, 15. September 2010)

Frauen in die Regierung – auch Männersache


Die Nichtwahl Brunners mobilisiert: In den 1990ern steigt der Frauenanteil in Kantonsparlamenten und im Nationalrat erstmals auf über 20 Prozent. Wie sieht es 25 Jahre später aus? «Politik ist noch immer eine Männerwelt», sagt die Waadtländer Ständerätin Géraldine Savary. «Von und für Männer gemacht.» Im Nationalrat liegt der Frauenanteil bei einem Drittel, in den Kantonsregierungen bei einem Viertel, im Ständerat bei 15 Prozent. Aus diesen Gremien kommen die meisten Bundesratsmitglieder. Der Neuenburger Freisinnige Raphaël Comte reicht deshalb 2017 eine parlamentarische Initiative ein: «Für eine angemessene Vertretung der Geschlechter in den Bundesbehörden».

 


Frauen im Parlament

Wer steht in der Verantwortung?

Comte will keine Quote in der Verfassung, sondern «eine moralische Verpflichtung». Trotzdem lehnt die Staatspolitische Kommission die Initiative ab. Bei zu vielen Kriterien, fürchtet sie, bleibe dem Parlament zu wenig Spielraum. Ihr Sprecher, Peter Föhn, sagt im Ständerat: Es liegt «an den Parteien, Frauenkandidaturen aufzubauen». Dem widerspricht Werner Luginbühl: Die Wahl weiblicher Regierungsmitglieder ermuntere Frauen zum Engagement in der Politik. Als einzige Ständerätin äussert sich Géraldine Savary. Sie erinnert daran, dass die Verhältnisse auch einmal umgekehrt sein können und die Männer auf eine Regel angewiesen sind. Tatsächlich geht es Comte um das Gleichgewicht auf lange Sicht; auch die anderen Kriterien werden nicht jederzeit berücksichtigt, wie das Tessin nur allzu gut weiss. Anders als die Kommission spricht sich der Ständerat schliesslich für die Initiative aus.

 

 

Die gesamte debatte im Ständerat

 

Gendermässig aufgeheiztes Klima?

Ein Teil der Politikerinnen gibt der Geschlechterfrage kein so grosses Gewicht. Für sie zählen Kompetenz und Wählbarkeit. Natalie Rickli urteilt auf Facebook: «Das Parlament ist im Gender-Wahn.» Eine breite Mitte-links-Koalition setzt sich jedoch für die Wahl zweier weiterer Bundesrätinnen ein. Sie macht die weibliche Untervertretung zum Thema und richtet den Blick gleichzeitig in die Zukunft und zurück.

Bundesrat 

2011 gehören dem Bundesrat vier Frauen an, seither geht die Zahl wieder zurück.

 

rot = Anzahl Bundesrätinnen ab Einführung des Frauenstimmrechts, gerundet auf ganze Jahre.

Wechselvolle Geschichte

Bis 1995 sind Einerkandidaturen die Regel. Trotzdem gelingt 1984 der Freisinnigen Elisabeth Kopp der Sprung in die Regierung auf einem gemischten Zweierticket.

«Mit meiner Wahl als erste Frau in den Bundesrat ist weniger ein persönlicher Erfolg verbunden», erklärt die frischgewählte erste Bundesrätin. «Ich sehe darin vielmehr eine Anerkennung der politischen Leistungen aller Frauen auf den verschiedensten Stufen unseres Staatswesens.»

Nach vier Jahren endet ihre Politkarriere jäh. Die unsauberen Geschäfte ihres Gatten geraten ins Visier. Sie wird der Amtsgeheimnisverletzung beschuldigt und tritt 1989 zurück. 1990 spricht das Bundesgericht sie von diesem Vorwurf frei.

Ein Jahrzehnt später bringt die CVP mit einer doppelten Frauennomination die national unbekannte Innerrhoder Regierungsrätin Ruth Metzler in den Bundesrat. Einen der beiden CVP-Sitze erobert 2003 die aufsteigende SVP mit Christoph Blocher. Joseph Deiss bleibt, Metzler muss gehen. Dafür wird bei den nächsten Gesamterneuerungswahlen Blocher aus dem Amt gedrängt. Die Sprengkandidatin: Eveline Widmer-Schlumpf. Die SVP schliesst sie mit der Bündner Sektion aus der Partei aus. Widmer-Schlumpf vertritt im Bundesrat bis 2015 die neugegründete BDP.

«halbe-halbe»

Damit sind wir zurück in der Gegenwart. Was für Signale sendet der heutige Bundesrat aus? «Es wäre schon besser», sagt Ignazio Cassis, «wenn das Verhältnis zwischen Frauen und Männern ausgeglichen wäre.» Die scheidende Doris Leuthard will keine Quoten, ruft aber zum Engagement auf. «Die Politik braucht mehr Frauen!», verkündet sie im Videoclip der Kampagne «halbe-halbe». Darin äussern sich Vertreterinnen sämtlicher Parteien mit eigener Fraktion in Bundesbern. Ihre Motivation? Lisa Mazzone: «Die Erfahrungen, die wir als Frauen machen, prägen auch unsere Perspektiven.» Wie viele Bundesrätinnen bringen in Zukunft ihre Sichtweise ein? Eine Antwort gibt der 5. Dezember. Es wird nicht die letzte sein.

Doris Leuthard 


Doris Leuthard: «La politica ha bisogno di più donne!»