Besucherinnen und Besucher der Ausstellung erfahren auf verschiedenen Litfasssäulen, in welchem historischen Kontext das Proporzwahlsystem des Nationalrats eingeführt wurde und erhalten weitere Informationen rund um das Thema Wahlen. Die Säulen stehen an verschiedenen Orten im Parlamentsgebäude.

Besuchereingang – Der Proporz in den Kantonen

Als der Nationalrat 1919 zum ersten Mal im Proporz gewählt wird, findet die Verhältniswahl bereits in einigen Schweizer Kantonen Anwendung. Eine Vorreiterrolle nimmt dabei der Kanton Tessin ein. Als erster Kanton wählt er ab 1892 Regierung und Parlament im Proporzwahlsystem.

Die Einführung des neuen Wahlsystems markiert im Tessin das Ende von gewaltsamen politischen Machtkämpfen. Besucherinnen und Besucher der Ausstellung erfahren, unter welchen Bedingungen das Tessin Ende des 19. Jahrhunderts zum neuen Wahlsystem findet. Darüber hinaus wird chronologisch dargestellt, seit wann weitere Schweizer Kantone ihre Parlamente nicht mehr im Majorz, sondern im Proporz wählen.

Hochparterre Ost – Leben in der Schweiz vor 100 Jahren

Vor 100 Jahren herrscht Krieg – der Erste Weltkrieg steht in seinem letzten Jahr. Obwohl nicht direkt involviert, ist auch die Schweiz stark betroffen. Es gibt Engpässe bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Brennstoffen. Vor allem die Arbeiterschaft leidet unter den hohen Preisen. Die Menschen sind unzufrieden und gehen auf die Strasse.

Dieser Teil der Ausstellung beleuchtet in statistischen Zahlen, Fakten, und historischen Bildern den Alltag und das Lebensumfeld der Menschen um das Jahr 1918 und verdeutlicht damit, in welchem Umfeld die Abstimmung über die Proporzwahl stattfindet.

 

Eine Familie sucht am Zürcher Sihlquai nach Kohleresten. Bild: Baugeschichtliches Archiv, Zürich

Haupteingang Nord – Landesstreik 1918

Als die Sozialdemokratische Partei zu einer Feier zum ersten Jahrestag der Russischen Oktoberrevolution in Zürich aufruft, befürchtet der Bundesrat gewalttätige Ausschreitungen und erlässt ein Truppenaufgebot. Am 12. November kommt es zum landesweiten Generalstreik, an dem sich rund 300'000 Frauen und Männer beteiligen.

Die Ausstellung zeigt, wie brisant die Lage war und blendet anhand verschiedener Dokumente in jene bewegten Tage zurück, in denen sich die Schweiz am Rande eines Bürgerkrieges befindet.

 

Quelle: Schweizerisches Sozialarchiv

Hochparterre West – Die Schweiz und der Erste Weltkrieg

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs ordnet der Bundesrat die Mobilmachung der Schweizer Armee an und erhält von der Vereinigten Bundesversammlung unbeschränkte Vollmachten zur Behauptung der Unabhängigkeit und Neutralität des Landes. Das Parlament wählt Ulrich Wille zum General. Die Schweiz hält sich erfolgreich aus dem Konflikt heraus. Die mehreren Hundert Todesfälle, die unter den einberufenen Soldaten verzeichnet werden, sind nicht auf militärische Operationen, sondern auf die verheerenden Folgen der Spanischen Grippe zurückzuführen. Das Ende des Ersten Weltkriegs führt im benachbarten Ausland zu gewaltigen Umwälzungen, die auch in der Schweiz Ängste vor Revolution und Bürgerkrieg schüren.

Der erste Film über die Schweizer Armee aus dem Jahr 1918, der in der Ausstellung zu sehen ist, veranschaulicht die Militarisierung während der Kriegsjahre. Ebenfalls gezeigt werden Postkarten, die während des langen Aktivdienstes eine wichtige Form der Kommunikation darstellen.

Erster Stock West – Der lange Anlauf zum Proporzgesetz

Um die Proporzwahl des Nationalrats einzuführen, benötigen die Initianten drei Anläufe. Nachdem 1900 und 1910 zwei Vorlagen scheitern, wird eine Volksinitiative am 13. Oktober 1918 von Volk und Ständen klar angenommen. Dass der Nationalrat bereits ein Jahr später im Proporz gewählt wird, ist eine Folge der angespannten Stimmung am Ende des Ersten Weltkriegs und des Landesstreiks. Dieser fordert unter anderem eine sofortige Neuwahl des Nationalrates auf der Grundlage des Proporzes.

Dieser Ausstellungsteil geht auf die drei Volksinitiativen ein und widmet sich Vordenkern des Proporzwahlsystems. In Vitrinen können die Besucherinnen und Besucher Originale betrachten, wie beispielsweise Emil Klötis einflussreiche Dissertation zum Proporz oder Wahlzettel von 1919.

Proporzgesetz 1918/1919 (Amtliches Bulletin) PDF

Wandelhalle – Die erste Wahl

Die erste Proporzwahl des Nationalrats findet am Sonntag, 26. Oktober 1919 statt. Es handelt sich um eine vorgezogene Wahl, denn die Ratsmitglieder wären noch bis 1920 im Amt gewesen. Knapp 750 000 Schweizer Bürger nehmen an den Wahlen teil, was einer Beteiligung von über 80% entspricht. Dies ist bis heute die höchste Wahlbeteiligung, die es in der Schweiz je gegeben hat.

Die Parteienlandschaft der Schweiz erlebt mit der Einführung des Proporzwahlsystems grosse Verschiebungen. Die Besucherinnen und Besucher können neben Fakten und Zahlen zum neu gewählten Parlament in der Wandelhalle Wahlkampfplakate aus jener Zeit betrachten.

 

Quelle: Schweizerisches Sozialarchiv

 

 

Quelle: Staatsarchiv des Kantons Bern, AD 641

Erster Stock Ost – Majorz und Proporz

National- und Ständerat werden heute nach unterschiedlichen Verfahren gewählt: Die meisten Mitglieder des Nationalrates im Proporzverfahren, die Mehrheit der Ständerätinnen und Ständeräte im Majorzverfahren. Bei der Majorzwahl fällt das zu vergebende Mandat der Mehrheit zu, während die Minderheit - auch wenn sie nur wenig geringer ist - leer ausgeht.

Bei der Proporzwahl werden die zu vergebenden Mandate auf die Listen im Verhältnis der für sie abgegebenen Stimmen verteilt. Im Unterschied zur Majorzwahl schaffen bei der Proporzwahl auch kleinere Parteien den Einzug ins Parlament. Das zeigt sich in der Zusammensetzung der beiden Kammern: Im Nationalrat sind aktuell 13 Parteien vertreten, im Ständerat 6.

Proporz ist jedoch nicht gleich Proporz, es gibt verschiedene Varianten. Die beiden Berechnungsmethoden von Hagenbach – Bischoff und Pukelsheim werden verglichen und mit Auszügen aus den Ratsdebatten ergänzt.