Grusswort der Nationalratspräsidentin Christa Markwalder
Rathaushalle Bern
Es gilt das gesprochene Wort
Frau Botschafterin
Sehr geehrte Damen und Herren
Ich habe mich auf den heutigen Abend sehr gefreut, es ist schön an einem Nationalfeiertag eines anderen Landes dabei sein zu können – besonders dann, wenn das Land nicht in unmittelbarer Nachbarschaft liegt. Es erlaubt mir, in dessen Geschichte einzutauchen und Neues zu entdecken. Das trifft auch für Ihr Land, für Bulgarien, zu. Beim Lesen habe ich vieles dazugelernt und mein «Weltbild» ist dadurch um einen Mosaikstein reicher geworden. Deshalb sage ich: Ganz herzlichen Dank für Ihre Einladung. Sie hat meinen Horizont erweitert.
Bei der Vorbereitung auf den heutigen Anlass bin ich auf ein Stückchen gemeinsame Geschichte gestossen, das ich Ihnen nicht vorenthalten will: Bulgarien und die Schweiz können dieses Jahr ein rundes Jubiläum feiern. Vor 100 Jahren eröffnete Bulgarien1 in der Bundesstadt seine erste Gesandtschaft. Der Geschäftsträger übte seine Tätigkeit in den Räumlichkeiten des Hotels Bellevue Palace aus – und zwar jeweils von 11 bis 13 Uhr, wie einer Notiz im «Intelligenzblatt der Stadt Bern» vom 17. Mai 1916 zu entnehmen ist.
Und im Herbst des gleichen Jahres wurde ein Diplomat nach Bern versetzt, der in Bulgarien noch heute aktuell ist und einen ausgezeichneten Ruf geniesst. Es handelt sich um Simeon Trajtschew Radew, Journalist, Historiker, Politiker, Schriftsteller. Wie mir eine Mitarbeiterin der Schweizerischen Botschaft in Sofia versichert, wird sein Standardwerk «Erbauer des modernen Bulgariens» von der «bulgarischen Intelligentsia»3 als absolute Pflichtlektüre betrachtet. Ebenso bemerkenswert seien die Memoiren «Frühe Erinnerungen».
Der Akkreditierung von Simeon Radew ging allerdings vor 100 Jahren eine kleine Irritation2 voraus: Der damalige Bundesrat musste nämlich aus der Presse erfahren, dass die Regierung in Sofia eine von Wien unabhängige Gesandtschaft in Bern errichten wollte und Simeon Radew diesen Posten übernehmen sollte. Es handele sich um ein «Versehen» wusste der mit der Aufklärung betraute Schweizer Gesandte in Wien zu berichten. Die Informationspanne zog übrigens keine diplomatische Verstimmung nach sich. Im Sitzungsprotokoll des Bundesrats steht kurz und bündig:
«Herrn Simeon Radeff wird das Agrément erteilt und Vormerk davon genommen, dass von nun an die Bulgarische Gesandtschaft in Bern eine selbständige Leitung haben wird.»
Lange blieb Radev allerdings nicht in Bern, sechs Monate später quittierte er den Dienst und trat als Freiwilliger der bulgarischen Armee bei. Ein paar Jahre später kehrte Radev in die Schweiz zurück – als erster Vertreter Bulgariens beim Völkerbund in Genf.
Meine Damen und Herren
Drehen wir das Rad der Geschichte 100 Jahre vorwärts und kehren in die Gegenwart zurück: Es ist erfreulich zu sehen, wie die bilateralen Beziehungen zwischen Bulgarien und der Schweiz in den letzten Jahren gefestigt haben und auch konkrete Projekte und erste Resultate zeitigen. Lassen sie mich ein Beispiel hervorheben: die Berufsbildung, ein Schwerpunkt im Rahmen des Erweiterungsbeitrages4 – und unbestritten eine grossartige Investition in die Zukunft. Bereits der amerikanische Politiker und Schriftsteller Benjamin Franklin bemerkte Mitte des 18. Jahrhunderts, «eine Investition in Wissen bringt immer noch die besten Zinsen».
Auch wenn sich Ihr Land, geschätzte Frau Botschafterin, im Bereich der Bildung in der Schweiz Inspiration und Knowhow holt, ist dies keine einseitige Hilfeleistung. Denn ich denke, vom Aussenblick und der vertieften Auseinandersetzung unseres Partnerlands mit unserem Berufsbildungssystem können letztlich auch wir profitieren. Deshalb bin ich gespannt auf 2019, bis dann sollen nämlich Fachleute beider Länder für mindestens 10 Berufe duale Ausbildungsprogramme entwickeln. Ich bin zuversichtlich, dass das Ergebnis erfolgreich sein wird.
Schön finde ich auch, dass die Partnerländer auf parlamentarischer Ebene die Beziehungen weiter vertiefen können – und dies schon bald, wenn wir die Präsidentin der bulgarischen Nationalversammlung in Bern begrüssen können. Auch auf dieses Treffen freue ich mich sehr.
Ich wünsche Bulgarien uns seiner Bevölkerung ein prosperierende, glückliche Zukunft.
1 Historisches Lexikon der Schweiz „Bulgarien". Erst 1963 wurde die bulgarische Gesandtschaft zur Botschaft aufgewertet.
2 Protokoll der 118. Sitzung des Schweizerischen Bundesrates, 31. Oktober 1916
3 Offenbar ist «Intelligentsia» ein stehender Begriff und nicht mit «Intellektuelle» gleichzusetzen.
4 Das bilaterale Rahmen-Abkommen trat am Mitte Oktober 2010 in Kraft. Das Programm wird je zur Hälfte durch das SECO und die DEZA betreut. Im Dezember 2014 konnten termingerecht alle Finanzmittel (76 Mio CHF) für konkrete Projekte in Bulgarien verpflichtet werden.