Es gilt das gesprochene Wort
Geschätzte Musikfreunde – Geschätzte Alpenfreunde
Sehr geehrte Damen und Herren
Vielen Dank für die Einladung nach Altdorf an das Alpenfestival, an das Musikfestival im Kanton Uri, das weit über die Kantons- und Landesgrenzen ausstrahlt, wie ich lesen und hören konnte. Für mich ist dies eine Premiere heute Abend, daher auch eine besondere Ehre, dass ich ein paar Worte zu Ihnen sprechen darf /an Sie richten darf.
Sie fragen sich nämlich sicherlich, was denn - ausser dass die Eröffnungsrednerin die aktuelle Nationalratspräsidentin ist und somit gerne die Grüsse und die Anerkennung des nationalen Parlamentes für diesen einzigartigen Anlass aus Bundesbern in die Urschweiz trägt. Sie fragen sich vielleicht auch, was denn diese „Unterländerin“ hier in den Alpen zu Alpenmusik und zu diesem Festival, das ganz dem Alpenraum gewidmet ist, beitragen kann…
Diese Frage werde ich Ihnen noch so gerne erläutern.
Es beginnt damit, dass die Unterländerin eben gar keine Unterländerin ist. Meine Herkunft liegt änet dem Unterland oder Mittelland, dort im Norden liegt, wo wieder Berge sich erheben und es Passübergänge und Tunnels für Schiene und Strassen hat. Meine Heimat ist der Jura-Nordfuss, genauer der Baselbieter Jura mit seinen Tälern, Hochplateaus, seinen schroffen Kalkstein-Fluhen und seinen bewaldeten Jurahöhen bis auf 1000 m über Meer, bevor der Oberrhein als Ebene eine klimatisch bevorzugte, spannende Grenzregion schafft. Wir sind sozusagen das Nordportal der Schweiz auf der Nord-Süd-Handelsachse der Schweiz und dies seit mehr als 2000 Jahren. Ich bin also bestimmt keine Unterländerin, sondern, sagen wir es einmal so: eine „Baselbieter Jurasienne“.
Die Alpen und unser Jura verbindet nicht nur eine lange Geschichte, sondern auch ganz real Handelsstrassen wie die A2 und die Gotthardlinie Basel-Luzern-Gotthard-Chiasso, die durch Sissach, meinen Wohnort führen. Der Transitverkehr, der auch Ihrem Kanton, Ihrer Region, den Alpen sowohl Erschliessung und Wohlstand wie aber auch Umweltprobleme schafft, tut das auch in unserer Region. Um diese Verbundenheit, um die Sorge der einzigartigen Bergwelten von Alpen und Jura zu zeigen, haben wir auf unserem Hof in vergangenen Jahren am Alpenfeuer ebenfalls ein grosses Feuer auf der Jurahöhe entzündet. Ein schöner Brauch, ein wichtiges symbolisches Zeichen, übrigens immer auch mit Alpenmusik verbunden.
Ich bin aber nicht deswegen hier: Ich bin hier, weil in einem dieser Juratäler, nicht weit von mir zuhause, ein Dorf namens Rümlingen liegt. Und in diesem Dorf findet immer erfolgreicher und mit ebenfalls nationaler und internationaler Ausstrahlung die „Neue Musik Rümlingen“ statt. Dort wird, wie an Ihrem Festival, Traditionnelles mit Modernem, Musiksaal mit Waldlichtung, Alphorn mit Saxophon zum Klingen gebracht. Es wird experimentiert und getüfelt, vieles gelingt und bereichert uns, manchmal darf auch etwas scheitern, und das bereichert uns ebenso! Denn wer nichts wagt, kann auch nichts gewinnen – und seien es wie im Fall des Festivals Rümlingen unsere Hörgewohnheiten, die jedes Jahr aufs Neue mit überraschenden Hörerlebnissen erweitert werden.
Diese Erlebnisse möchten wir alle nicht missen, tragen sie doch zu einer wichtigen Horizonterweiterung bei. Dieses Jahr nun machte sich das Ensemble Ton und Tal auf, dieses Juratal zu verlassen und den Klangspuren von Chiasso bis Augst zurück zum Rhein zu folgen. Heute sind sie hier eingetroffen, um Ihr einzigartigen Festival zu bereichern. Dieser Brückenschlag zwischen den beiden Festivals Alpentöne und Neue Musik Rümlingen empfinde ich als bereichernd und spannend. Er bietet sich nachgerade an.
Hier haben sich zwei Brüder – oder sind es nicht eher Schwestern? – im Geiste gefunden. An beiden Festivals werden die Chancen der Peripherie genutzt, werden Freiräume ausgelotet, werden Experimente gewagt. Damit überraschen sie uns, da man es von beiden Orten nicht unbedingt erwarten würde. Dies scheint mir auch in einem gesamteidgenössischen Zusammenhang wichtig zu sein, dass wir gerade diese Beiträge und diese Ressourcen nicht übersehen – und sie nicht vernachlässigen.
Am Sonntag wird das Ton & Tal-Ensemble einen Nauen besteigen und Richtung Luzern , weiter über den Pilatus ins Entlebuch, ins Emmental und über den Jura bis an die Landesgrenze im Norden musizierend weiterziehen. Bevor es soweit ist, werden sich das Ensemble Ton und Tal der Neuen Musik Rümlingen und Ihr Musikfestival Alpentöne auf wunderbare inspirierende Weise ergänzen und befruchten. Beide suchen das Gemeinsame und das Trennende zwischen Tradition und Moderne. Das Bewahrende und das Visionäre treffen sich, um Neues zu schöpfen. Fortschritt – nachhaltige Entwicklung. Das ist ein Ansatz der Mut, der Lebensfreude, der Lust am Gestalten der Zukunft macht. Die Politik soll und kann davon lernen.
Ihr Alpenfestival wirft auch die Frage nach Stadt und Landleben auf. Wie kann urbane mit ländlicher Musik kombiniert werden? Wer lernt von wem, was dazu? Welche Traditionen in Stadt und Land sind bereit für Neues – gar für eine neue Identität der Schweiz? Denn sie erlebt den Konflikt zwischen dem ländlichen so alpengeprägten historischen Selbstverständnis mit dem urbanen Leben. Zweidrittel der Menschen in unserem Land leben heute in städtischen Verhältnissen. Gibt es bereits eine sowohl gesellschaftliche wie künstlerische Kultur dafür, die auch unsere Identität und dann unsere Politik danach ausrichtet, ohne unsere Traditionen und Geschichte zu verleugnen?
Und umgekehrt: Wie können sich ländliche Kultur und ländliche Ressourcen in einem zeitgemässen in unsere Städte einbringen, ohne sich sogleich bedroht zu fühlen und sich in eine Position der Unveränderlichkeit oder gar des Verweigerns zurückzuziehen? Ich bin überzeugt: Kultur schafft den Boden für Identität – nicht ausschliessend, sondern einbeziehend, in immer neuen Daseinsformen, denen wir uns bewusst werden müssen im Sinne einer Vergewisserung über uns selbst. Daher ist auch Ihr Festival so unglaublich wichtig und die vielen Menschen, die sich in irgend einer Form daran beteiligen. Sie tragen dieses neue Bewusstsein weiter – sie tragen es hinaus…
Ich bin also glücklich, dass ich nicht nur „mein“ heimisches Musikfestival hier begrüssen, sondern diesen ganz besondere Festival der europäischen Alpenmusik eröffnen darf.
Möge diese Tage nicht nur der Alpenbogen, sondern der Regenbogen von den Alpen bis zum Jura hinüber in allen Tönen leuchten. Vielen Dank.