Wir feiern den Geburtstag der Schweiz. Wir beziehen uns dabei auf den Bundesbrief von 1291 und noch vielmehr auf die literarische Verarbeitung der damaligen historischen Ereignisse und der späteren Mythen und Legenden in Schillers "Wilhelm Tell".
Der 1. August ist ein junger Nationalfeiertag. Erst gegen Ende des letzten Jahrhunderts begann man in der Schweiz, diesen Tag zu feiern als rings um die Schweiz vor allem im neu geeinten Deutschland (ab 1871) nationale, ja nationalistische Gefühle stark und stärker wurden.
Immerhin der historischen Wahrheit zur Ehre müssen wir ganz nüchtern feststellen :Der frühe Schweizerbund von 1291 war eine Sache der Leute von Uri, Schwyz sowie jener von Ob- und Nidwalden. Unsere Solothurner Vorfahren kamen erst fast 200 Jahre später dazu nämlich 1481.
Dieser erste Schweizerbund war eine Schutz- und Trutzbündnis gegen die Mächtigen jener Zeit, gegen das Ausland, ja gegen die als "dunkle Mächte" empfundenen Nachbarn im damaligen Europa.
Ich stelle besorgt fest, dass es heute in unserem Land Leute gibt, die aus diesem alten Schweizerbund die Begründung für die totale Isolation der Schweiz ziehen wollen.
Wenn 1291 in unserem Lande ein Prozess einsetzte, der schliesslich über die Jahre 1499 (Schwabenkrieg) und 1648 (Westfälischer Friede) zur Unabhängigkeit vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation führte, so darf daraus heute nicht der Schluss gezogen werden, die Schweiz könnte ohne ihre Nachbarn, absolut isoliert leben. Das wäre ein verhängnisvoller Fehlschluss.
Patriotismus nicht den Isolationisten überlassen, wir alle sind Patriotinnen und Patrioten
Ich will es am Bundesfeiertag klar aussprechen: Was mich am meisten stört, dass just diese Isolationisten so tun als ob sie die einzigen echten Patrioten wären.
• Gerne in der Schweiz leben,
• sich als Schweizerin oder Schweizer verstehen, ich meine damit ausdrücklich alle in der Schweiz lebenden Menschen;
• die Schweiz weiterentwickeln zu wollen;
• endlich merken, dass die Schweiz keine Insel ist, sondern mitten in Europa, in der Welt liegt,
das ist unser Patriotismus. Und ich bitte alle, die guten Willens sind, diesen Patriotismus zu feiern und den Patriotismus nicht kampflos den kurzsichtigen Isolationisten zu überlassen.
Wir verfechten nicht das Leitmotiv der Egoisten und Isolationisten: " wenn jeder für sich schaut, ist für alle gesorgt"..sondern:
"Einer für alle, alle für einen " heisst unsere patriotische Losung. Ich sage dazu ganz einfach " weltoffene und solidarische Schweiz".
Die moderne Schweiz ist eigentlich erst 150 Jahre alt
Die Verfassung des Bundesstaates von 1848 hat die Grundlagen zur modernen Schweiz gelegt. Das sind die Eckpfeiler:
• Friedliches und gleichberechtigtes Zusammenleben der Sprach- und Konfessionsgemeinschaften,
• Aufhebung der Untertanenverhältnissse
• Respektierung der Menschenrecht
• Die Idee des sozialen Ausgleichs
Der alte Schweizerbund sah den Staatszweck einzig in der Wahrung der Unabhängigkeit.
Die Verfassung von 1848 nahm als gleichrangiges Ziel die Förderung der Wohlfahrt der Eidgenossen auf.
Heute müsste die Idee, dazukommen, die Schweiz wolle nach ihren Möglichkeiten, am Aufbau einer solidarischen Welt mittragen, diese mitgestalten und entwickeln.
Schweizerinnen und Schweizer wollen offen und solidarisch sein und lassen sich nicht wegen einiger weniger zu Hehlern und Batzenklemmern abstempeln
Wir haben heute einige gewaltige Probleme vor uns:
• Ich meine für einmal nicht die Probleme der Bundesfinanzen. Die Defizite sind erschreckend.
• Ich meine nicht die Entwicklung der Sozialwerke. Wir müssen neue finanzielle Grundlagen finden für unseren Sozialstaat.
• Ich meine für einmal nicht die quälend hohe Arbeitslosigkeit, weit über 100 000 registrierte Arbeitslose sind beschäftigungs- und sozialpolitisch eine schwer Hypothek und für den Grossteil der Betroffenen schwer ertragbar.
• Ich meine nicht die Drogenprobleme im Lande, die uns stark fordern.
Nein ich meine das enorme Probleme, dass die Schweiz und damit auch das Schweizervolk heute in massgebenden ausländischen Kreisen das image erhalten hat von einer Schweiz der Egoisten, der Hehler, der Batzenklemmer, der Geizigen, ja der Betrüger.
Heisser Zorn steigt in mir auf, wenn ich bedenke, dass ein sehr wichtiger Wirtschaftsweig der Schweiz, die Finanzwirtschaft, es innert kurzer Zeit zustandegebracht hat, dass die Schweiz diese himmeltraurige Image erhalten hat.Ueber 50 Jahre lang ist behauptet worden, es gäbe keine nachrichtenlosen Konten und Vermögenswerte in der Schweiz. Plötzlich gibt es Tausende davon.
Die Glaubwürdigkeit schweizerischer Solidität hat gewaltig gelitten.
Demgegenüber wollen wir Schweizerinnen und Schweizer heute der Welt zeigen, dass das Schweizervolk nicht nur aus tolpatschigen oder hinterhältigen Geldmenschen und ihrer Helfershelfer besteht, sondern aus rechtschaffenen, arbeitsamen, offenen und solidarischen Bürgerinnen und Bürgern; Einwohnerinnen und Einwohnern.
Und ich füge bei: Gerade die heute noch lebenden Veteraninnen und Veteranen der Aktivdienstzeit, die Gewaltiges geleistet haben, die für ihre Rechtschaffenheit bekannt sind, gerade sie wollen, dass Unrecht, damals klammheimlich begangen von einigen wenigen wieder gut gemacht wird. Ich danke ihnen für diese Haltung von ganzem Herzen.
Wir müssen diese Haltung der Welt zeigen, indem wir Schritte in Richtung Europa machen, indem wir der UNO beitreten. Wir müssen den Leuten zeigen, dass in Europa der Nachkriegsjahre eine Friedenswerk entstanden ist. In der EU haben sich Deutschland und Frankreich verpflichtet, die wichtigen Probleme gemeinsam und vor allem friedlich zu lösen. Es gibt für uns Schweizerinnen und Schweizer keinen Grund, an diesen grossen Friedenswerk nicht mitzumachen.
Ich bitte alle, noch mehr als in der Vergangenheit für eine weltoffene solidarische Schweiz einzustehen;für eine Schweiz , die mit ihren europäischen Nachbarn und allen Völkern der Welt im Frieden und in gutem solidarischem Einvernehmen leben will und kann. Ich bitte insbesondere die jungen Leute, an der Zukunft der Schweiz zu arbeiten.