Lieber Meinrad Gyr,
Lieber Sohn Alex, liebe Trauerfamilie
Liebe Kollleginnen und Kollegen aus den nationalen und kantonalen Behörden
Liebe Trauergäste,

5 Tage nachdem sie mir den Rücktritt aus dem Parlament mitgeteilt hat, ist Nationalrätin Josy Gyr gestorben. Das Schicksal liess mir keine Zeit, die liebe Verstorbene mit allen Ehren aus dem Rat zu verabschieden, so wie wir das sonst tun. So tue ich das jetzt im Namen der Bundesversammlung, zwar nicht mit einem schönen Blumenstrauss, sondern ganz schweren Herzens mit einem Trauerkranz. Damit möchten wir ihnen, liebe Hinterbliebene, unser tiefstes Mitgefühl und für die liebe Verstorbene unsere grösste Wertschätzung ausdrücken.

Etwas anders wird jetzt auch meine Verabschiedung ausfallen:

Liebe Josy

So wie ich dich in den fast 4 Jahren als Nationalrätin kennen gelernt habe, zweifle ich etwas daran, dass du dir gewünscht hättest, dass wir heute alle über dich sprechen und dich loben. Und trotzdem – du hast es verdient, so verdient, wie wohl selten ein Mensch.

So warst du, liebe Josy: Bescheiden, die eigene Person immer im Hintergrund, aber gleichzeitig eine unermüdliche Kämpferin.
Du hattest es nie leicht: Nicht in deinem Leben, nicht in der Politik, nicht im Bundeshaus und ganz bestimmt nicht auf deinem letzen, von der Krankheit überschatteten Teil deines Lebens. Doch angemerkt hat man es dir nie. Du bist immer dermassen voller Optimismus, voller Saft und Kraft im Einsatz gewesen, du hast jeden, auch den scheinbar aussichtslosen Kampf aufgenommen, auch – wie zuletzt – auf das Risiko hin, ihn zu verlieren.

Liebe Josy, für dich stand immer der Mensch im Mittelpunkt all deines Tuns. Dies war auch spürbar in der Kommissionsarbeit und in den Debatten im Parlament. Dich interessierten weniger abstrakte Werte, als vielmehr die urmenschliche Gerechtigkeit. Du wolltest dafür sorgen, dass Menschen die ihr Leben lang „gechrampft“ haben, zu dem ihnen zustehenden materiellen Lohn und zu dem ihnen zustehenden bisschen Glück kommen. Du hast dich immer gegen die Ungerechtigkeiten, gegen die Vorurteile in der Gesellschaft gewehrt. Und trotzdem wurdest du immer wieder selber vom Unglück und von Ungerechtigkeiten eingeholt. Liebe Josy, vielleicht hattest du gerade deshalb, die Kraft und das Engagement, dich derart einzusetzen - einzusetzen auch wenn du deine persönliche Interessen hinten anstellen musstest.

So hast du den sprichwörtlichen Bettel nicht einfach hingeworfen, als du an Krebs erkrankt bist. Ganz im Gegenteil, du hast den Kampf aufgenommen, in die Öffentlichkeit getragen, auch wenn du ihn letztendlich verloren hast.

Auch früher hast du die Schicksalsschläge des Lebens genommen, wie sie wohl nur eine Josy Gyr nehmen kann: Betroffen, aber trotzdem standfest, mutig und stark, bewusst aber gleichzeitig immer optimistisch.

So warst du, Josy, unverkennbar, im Bundeshaus gelegentlich eine rare Exotin unter all den studierten Tausendsassas und Möchtegerns, den immer Wissenden und den Besserwissern. Du warst bodenständig, klar und unverblümt. Gerade das, mag aber deine Glaubwürdigkeit in der Politik und der Bevölkerung ausgemacht haben, eine Glaubwürdigkeit die ihresgleichen sucht: Ganz einfach, weil du halt eine gute Politikerin und ein guter Mensch warst; ganz einfach, weil du eine klare und verständliche Sprache gesprochen hast; ganz einfach, weil du die handfesten Anliegen der Menschen eingebracht hast; ganz einfach, weil du Josy warst. Dafür sind wir Dir sehr, sehr dankbar.

Liebe Josy, du warst eine Ausnahmeerscheinung. Heute bin ich tief traurig, dass du nicht mehr unter uns bist. Du hast allen gezeigt, dass Politik von Menschen für Menschen gemacht werden soll und auch gemacht wird- und zum Mensch sein gehört auch der Tod. Er macht auch vor dem Bundeshaus nicht halt.
Josy – du wirst Spuren hinterlassen: Spuren in deiner Familie, in Deiner Gemeinde, im Parlament und in unseren Herzen.
Und so sage ich wohl zum letzten Mal:
Liebe Josy - wir brauchen Menschen wie dich, überall - vor allem auch in der Politik!