Im Nationalratssaal gibt es zwei Frauenfiguren, die kaum beachtet werden. Die eine ist nahezu versteckt – die andere übersieht man oft. Wir erweisen den beiden eine Hommage.

Das Wandbild im Nationalratssaal ist mit seinen Dimensionen 5 x 11 m das grösste Kunstwerk im Parlamentsgebäude. Als der Maler Charles Giron (1850-1914) im Dezember 1899 beauftragt wurde, das grosse Leinwandbild für den Nationalratssaal zu malen, stellte ihm das Bundesamt für Kultur in Vevey eine riesige Baracke zur Verfügung.

Die versteckte Göttin

Für die Ausführung der Kunstwerke war der Architekt des Parlamentsgebäudes, Hans Wilhelm Auer (1847-1906), bestimmend - auch für das grosse Leinwandbild im Nationalratssaal. Auer erstellte ein Aquarell, das den Vierwaldstättersee zeigte, den Flecken Schwyz und die zwei Mythen. Er überreichte seinen Entwurf dem Kunstmaler Giron, der von dieser «Anleitung» wenig begeistert war. Er führte das Bild zwar wunschgemäss aus, erlaubte sich jedoch gleichzeitig einige Änderungen und Abweichungen zur Auer-Vorlage: die Panorama-Rundsicht wurde zur Steilsicht und er fügte die Rütliwiese am linken unteren Bildrand mit dem Chalet hinzu. Zudem belebte er die grosse blaue Fläche des Sees mit Wolken und fügte in diese eine Friedensgöttin ein, die einen Palmzweig in der Hand hält.

Hans Wilhelm Auer war nicht sonderlich erfreut über die Eigenständigkeit des Malers und schrieb ihm Briefe mit Vorschlägen, wie er das Bild korrigieren könne. Die Friedensgöttin missfiel Auer und sie missfiel den damaligen Nationalräten - und hat dennoch bis heute überlebt.

 

Das Bild vom Charles Giron, mit einer Friedensgöttin in den Wolken.

Frau Legende erzählt

Im Segmentbogen über dem Wandbild gibt es ein Relief, das oftmals gar nicht beachtet wird. Das Relief wurde von Aloys Brandenberg (1853-1942) erschaffen. Dargestellt ist als Allegorie der Legende eine Frauengestalt: sie sitzt in der Mitte auf einem Thron. In ihrer Rechten hält sie einen Apfel, der mit einem Pfeil durchbohrt ist. Mit der Linken deutet sie auf die Kinder, die ihr rechts und links zu Füssen sitzen und gebannt der Geschichte von Wilhelm Tell zuhören, die sie erzählt. Der Knabe links aussen versucht eine Armbrust zu spannen, wie einst der Tell dies tat.

 

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