Die Delegation der Bundesversammlung für die Beziehungen zum französischen Parlament empfing am 19. und 20. Mai 2026 eine Delegation der Freundschaftsgruppe Frankreich–Schweiz der französischen Nationalversammlung zu einem Arbeitsbesuch zum Thema Verkehr und Mobilität. Die Schweizer Delegation unter der Leitung von Ständerätin Mathilde Crevoisier Crelier führte in Bern und im Kanton Jura politische und fachliche Gespräche mit ihrem französischen Pendant.
Dieser Besuch fand im Rahmen des regelmässigen Dialogs zwischen den beiden Parlamenten statt und bot Gelegenheit, über verschiedene Herausforderungen im Zusammenhang mit der Entwicklung des öffentlichen Verkehrs, der technologischen Innovation und der grenzüberschreitenden Mobilität zu diskutieren. Auf dem Programm standen Gespräche mit Vertretungen der Bundesbehörden und Unternehmensverantwortlichen sowie mehrere Besichtigungen vor Ort.
Den ersten Tag ihres Besuchs verbrachte die französische Delegation in Bern. Im Beisein von Martin von Känel, stellvertretender Direktor des Bundesamtes für Verkehr (BAV) und Leiter der dortigen Abteilung Finanzierung, erfuhren die französischen Gäste mehr über die Grundlagen des öffentlichen Verkehrssystems der Schweiz. Sie erkundigten sich nach der Tarifstruktur, dem Zusammenspiel der verschiedenen Transportarten, der langfristigen Planung und der Rolle des Parlaments bei der Festlegung des Bahnangebots. Martin von Känel erklärte, dass die Stärke des Schweizer Systems auf dem Taktfahrplan, aufeinander abgestimmten Anschlüssen und einer sehr detaillierten Planung beruht, bei der die Infrastruktur auf das für die Fahrgäste gewünschte Angebot zugeschnitten wird. Die französischen Abgeordneten interessierten sich auch für das Spannungsfeld zwischen Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit. Martin von Känel sagte hierzu, dass die Priorität in der Schweiz nicht auf der Hochgeschwindigkeit liegt, sondern auf der Robustheit des Systems, der Pünktlichkeit und der Gewährleistung der Anschlüsse, auch wenn dies den Einsatz von Reserven (Reservezügen) im Fahrplan erfordert.
Die Fragen der Gäste betrafen im Weiteren die Anbindung der Regionen sowie die Unterschiede zum französischen Modell, das von einem starken Ausbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes, aber auch von Schwierigkeiten auf bestimmten Regionalstrecken gekennzeichnet ist. Die Schweizer Vertreterinnen und Vertreter erläuterten, dass die stabile Finanzierung der Infrastruktur über den Bahninfrastrukturfonds (BIF) sowie die nationale Koordination durch das BAV ein relativ dichtes Angebot, auch in den Randregionen, ermöglichen. Die französischen Abgeordneten zeigten sich besonders interessiert an der Kompetenzverteilung zwischen Bund, Kantonen, Verkehrsunternehmen und Infrastrukturbetreibenden, wollten aber auch mehr wissen über den Unterhalt des Netzes, die Barrierefreiheit der Bahnhöfe, die Trassenverwaltung, die Rolle des Güterverkehrs, die Konzessionsvergabe und die Fähigkeit des Systems, ein starkes Nachfragewachstum aufzufangen.
Gegenstand der Gespräche waren zudem verschiedene Herausforderungen der schweizerisch-französischen Zusammenarbeit, namentlich der Ausbau der grenzüberschreitenden und internationalen Verbindungen. Von Schweizer Seite wurde die gute Zusammenarbeit mit der SNCF begrüsst, insbesondere im Zusammenhang mit dem Léman Express und der Anfang 2025 unterzeichneten Absichtserklärung zwischen der Schweiz und Frankreich zum Ausbau des Schienengüterverkehrs am linken Rheinufer. Die Gäste aus Frankreich nutzten die Gelegenheit, um ihre Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner zu den Themen Verwaltung des Schienenverkehrs, Finanzierung, Mautgebühren, Netzresilienz und Cybersicherheit zu befragen. Die Diskussionen zeigten, dass die Modelle der beiden Länder zwar komplementär sind, sich aber deutlich unterscheiden: Die Schweiz verfolgt einen Ansatz, der auf Taktfrequenz, Pünktlichkeit und nationaler Integration basiert, wohingegen das französische Modell stärker auf Hochgeschwindigkeit ausgerichtet ist, jedoch grosse Herausforderungen in Bezug auf Koordination, Unterhalt und regionale Anbindung zu bewältigen hat.
Im weiteren Verlauf des Vormittags wurden die beiden Delegationen am Hauptsitz von FAIRTIQ von Unternehmensgründer und Co-CEO Gian-Mattia Schucan sowie Co-CEO Anne Mellano empfangen. Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier lernten dieses Berner Unternehmen kennen, das auf den digitalen Billettverkauf im öffentlichen Verkehr spezialisiert ist und dessen App, die heute in 13 europäischen Ländern verfügbar ist, monatlich mehr als 1,6 Millionen aktive Nutzerinnen und Nutzer verzeichnet. Die beiden CEO stellten das Prinzip des Pay-As-You-Go-Systems vor, das es Reisenden ermöglicht, ihre Fahrt mittels einer einfachen mobilen App zu beginnen und zu beenden, ohne im Voraus einen Fahrschein auswählen zu müssen. Das System berechnet automatisch den vorteilhaftesten Tarif und verteilt die Einnahmen anschliessend auf die verschiedenen beteiligten Verkehrsunternehmen, wie die Stadt- oder Regionalverbunde oder die Bahnunternehmen. Die beiden FAIRTIQ-Verantwortlichen hoben zudem die Möglichkeiten hervor, die diese Technologie in Bezug auf Intermodalität, Tarifvereinfachung und die Analyse von Mobilitätsströmen bietet. Die anschliessenden Diskussionen drehten sich insbesondere um die Region
Occitanie, in der FAIRTIQ seit 2023 in den Netzen «liO Train» und «liO Car» eingesetzt wird. Die Parlamentsmitglieder konnten sich mit der Funktionsweise des Tarifs «+=0» für Jugendliche im Alter von 12 bis 26 Jahren vertraut machen, der es ermöglicht, mit zunehmender Nutzung des Netzes kostenlose Fahrten zu erhalten. Diese Präsentation veranschaulichte, wie in der Schweiz entwickelte digitale Lösungen dazu beitragen können, den öffentlichen Verkehr sowohl in der Schweiz als auch im Ausland attraktiver und zugänglicher zu machen.
Am Nachmittag des 19. Mai wurden die Delegationen am Hauptsitz der SBB AG von Generaldirektor Vincent Ducrot zu einem Austausch über die Besonderheiten und künftigen Herausforderungen des Schweizer Bahnsystems empfangen. Ducrot betonte, dass die Stärke des Schweizer Modells auf einer sehr langfristigen Planung beruht, die auf einem nationalen Taktfahrplan basiert, dessen Grundzüge von der Bundesversammlung im Rahmen der aufeinanderfolgenden Ausbauprogramme für die Bahninfrastruktur festgelegt werden. Er stellte den auf dem BIF beruhenden Mechanismus zur Finanzierung des Netzes vor, der stabile Investitionen in den Unterhalt und den Ausbau des Netzes gewährleistet. Ausserdem unterstrich er die sehr hohe Betriebsqualität im Schweizer System, die sich an einer Pünktlichkeit von fast 98 Prozent bei den Inlandsverbindungen und der täglichen Gewährleistung einer sehr grossen Anzahl von Anschlüssen ablesen lässt. Zur Wahrung dieser Zuverlässigkeit verfügt die SBB unter anderem über «Standby-Reserven» an mehreren Grenzbahnhöfen, d. h. über Züge und Personal, die bei erheblichen Verspätungen internationaler Züge sofort einsatzbereit sind. In Sachen schweizerisch-französischer Zusammenarbeit kam vor allem das Gemeinschaftsunternehmen Lyria und die Möglichkeiten zu dessen Weiterentwicklung zur Sprache. Ebenfalls thematisiert wurden die grenzüberschreitenden Verbindungen, namentlich das Projekt einer Bahnanbindung des Flughafens Basel-Mulhouse, für das derzeit Investitionen geprüft werden, sowie die Strecke Genf–Lyon. Die Kapazitäten dieser Strecke werden angesichts der potenziellen Nachfrage derzeit als unzureichend eingeschätzt. Hier sind, so Ducrot, zusätzliche Investitionen erforderlich, um die Taktfrequenz zu erhöhen. Der SBB-Generaldirektor stellte ausserdem das Energiemodell des Unternehmens vor, das grösstenteils auf der Erzeugung von Strom in unternehmenseigenen Wasserkraftwerken basiert. Darüber hinaus wurden auch die Herausforderungen im Zusammenhang mit den Klimaveränderungen angesprochen. Ducrot erläuterte die umfangreichen Überwachungs- und Präventionsmassnahmen, die ergriffen werden, um die Bahninfrastruktur zu schützen und Schäden durch Erdrutsche, Steinschlag und andere Naturgefahren zu vermeiden.
Am Ende dieses ersten Tages reisten die Delegationen mit dem Zug nach Delsberg.
Den zweiten Tag des Besuches verbrachten die beiden Delegationen im Kanton Jura. Zum Auftakt wurden sie von Rebecca Dougoud, der Direktorin der
Chemins de fer du Jura (CJ), empfangen, die ihnen die aktuellen Herausforderungen der regionalen und grenzüberschreitenden Mobilität in diesem Kanton vorstellte. Anschliessend besuchten sie das Familienunternehmen Louis Lang SA in Pruntrut. Das vor über 140 Jahren gegründete Unternehmen beschäftigt heute rund 480 Mitarbeitende, von denen 58 Prozent im benachbarten Frankreich wohnen. Im Mittelpunkt der Gespräche stand der Mobilitätsplan des Unternehmens, mit dem die Herausforderungen im Zusammenhang mit den täglichen Pendlerfahrten der Mitarbeitenden bewältigt werden sollen. Dieser Plan basiert auf einem multimodalen und flexiblen Ansatz, der Privatwagen, Mitfahrgelegenheiten und den öffentlichen Verkehr kombiniert. Das Unternehmen hat insbesondere ein Firmenbus-System eingeführt, bei dem ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin gegen eine Entschädigung den Transport mehrerer Kolleginnen und Kollegen übernimmt, die mittels eines Abonnements zur Finanzierung des Dienstes beitragen. Das Modell basiert auf einem einfachen Prinzip: Je kollektiver das gewählte Verkehrsmittel ist, desto vorteilhafter ist es finanziell. Dieser Ansatz zielt darauf ab, gemeinsame Lösungen zu fördern, den Mitarbeitenden gleichzeitig aber eine gewisse Wahlfreiheit zu lassen. Sowohl die Vertreterinnen und Vertreter des Unternehmens als auch die CJ-Direktorin betonten die strategische Bedeutung, die dem Ausbau der grenzüberschreitenden Bahnverbindungen, insbesondere zwischen dem Schweizer Jura und dem benachbarten Frankreich, in Zukunft zukommen könnte. Sie wiesen darauf hin, dass die notwendigen Infrastrukturen auf Schweizer Seite bereitstehen, und äusserten die Hoffnung, dass die derzeit mit den französischen Behörden diskutierten Projekte rasch vorangetrieben werden. Der Besuch endete an der Technischen Fachschule in Pruntrut, die zur technischen Abteilung des
Centre jurassien d’enseignement et de formation (CEJEF) gehört. Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier erfuhren mehr über ein innovatives Ausbildungsmodell, das theoretischen Unterricht und berufliche Praxis in der Werkstatt im Rahmen einer Vollzeitlehre verbindet. Die Schule bildet jedes Jahr Lernende in zahlreichen technischen und industriellen Bereichen aus, darunter Automatisierung, Informatik, Elektronik, Mikromechanik oder auch Uhrmacherei. Die Verantwortlichen der Schule hoben hervor, dass diese Ausbildungsgänge eine wesentliche Rolle dabei spielen, die Bedürfnisse der Industrie im Jura und im Jurabogen zu erfüllen. Sie wiesen zudem darauf hin, dass dieses Ausbildungsangebot über die Kantonsgrenzen hinaus attraktiv ist und die Einrichtung Lernende aus verschiedenen Regionen aufnimmt und so zur Ausbildung hochqualifizierter Arbeitskräfte für den gesamten grenzüberschreitenden Wirtschaftsraum beiträgt.
Der Delegation der französischen Nationalversammlung unter Leitung ihrer Präsidentin Olga Givernet (Departement Ain,
Ensemble pour la République) gehörten im Weiteren Emeric Salmon (Departement Haute-Saône,
Rassemblement national), Peio Dufau (Departement Pyrénées-Atlantiques,
Socialistes) und Didier Padey (Departement Savoyen,
Les Démocrates) an.
Die Schweizer Delegation umfasste neben ihrer Präsidentin, Ständerätin Mathilde Crevoisier Crelier (SP, JU), die Vizepräsidentin der Delegation, Nationalrätin Delphine Klopfenstein Broggini (Grüne, GE), die Nationalrätinnen Brigitte Crottaz (SP, VD) und Simone de Montmollin (FDP, GE), Nationalrat Benjamin Roduit (Die Mitte, VS) sowie die Ständeräte Charles Juillard (Die Mitte, JU) und Mauro Poggia (MCG, GE).
Am 19. Mai wurden die beiden Delegationen von Nationalrat Pierre-André Page (SVP, FR) zu einem Arbeitsessen im Bundeshaus empfangen. Zum Nachtessen wurden die Delegationen in Delsberg von der Präsidentin der jurassischen Kantonsregierung, Rosalie Beuret Siess, empfangen.