​Grussbotschaft der Nationalratspräsidentin Christa Markwalder

Yehudi Menuhin Forum, Helvetiaplatz 6, Bern

Es gilt das gesprochene Wort

Excellencies,
Monsieur le Chancellier,
Ladies and Gentlemen, sehr geehrte Damen und Herren

Wir alle stehen unter dem erschütternden Eindruck der in diesem und im letzten Jahr in mehreren Ländern verübten barbarischen Terroranschläge, welche zahlreichen Menschen das Leben gekostet haben. Am letzten Wochenende hat mein ehemaliger Nationalratskollege Jean-Noël Rey, mit dem ich vor 12 Jahren zusammen ins Parlament gewählt wurde, sein Leben mit 28 anderen Opfern bei einem brutalen Terrorakt in Ouagadougou verloren – nachdem er in Burkina Faso eine Schulkantine eröffnet hat und einfach nur Gutes tat und humanitäre Arbeit leistete. Auch die Menschen in Paris, Bagdad, Beirut, Jakarta oder Istanbul wollten einfach Freunde treffen, einen Kaffee trinken, ein Konzert genießen, auf dem Markt einkaufen oder kulturgeschichtliche Monumente besichtigen und wurden dabei von Extremisten angegriffen und in den Tod gerissen. Auch diesen unschuldigen Opfern wollen wir heute gedenken.

In den frühen 1940er-Jahren wurden im NS-Raum ebenfalls Terroranschläge verübt, mit mehreren Tausend Opfern – täglich, während Wochen, Monaten, Jahren. Es waren bis ins letzte Detail geplante und skrupellos ausgeführte Attentate gegen unschuldige Zivilisten, Männer, Frauen, Kinder. Die Verbrechen wurden verübt von fanatischen Tätern, von Nationalsozialisten, von den Machthabern und ihren Helfern, geduldet und hingenommen von vielen. Dieser millionenfache Mord, meist nach langer Folterhaft ausgeführt, ist aufgrund seiner Dimension, seines Ausrottungsziels und seiner kaltblütig-bürokratischen Ausführung ein Vernichtungswerk an Menschen ohnegleichen. Er betraf in der überwiegenden Mehrheit Juden, aber auch weitere Teile der Bevölkerung, die aufgrund von menschenverachtenden, irrationalen und antisemitischen Rassentheorien bestimmten Kategorien zugeordnet wurden, durch die ihnen das Menschsein abgesprochen wurde. Es ging nicht um ihre politische Ausrichtung, um ihre Parteimitgliedschaften, um ihre ökonomischen Verhältnisse oder um ihren Glauben, also um Dinge, die grundsätzlich hätten geändert oder abgelegt werden können: Die Opfer erhielten ihr Todesurteil allein aufgrund ihrer Geburt oder ihrer Religion. – Wir sind heute hier, um ihrer zu gedenken – und wir haben heute als Verantwortungsträgerinnen und –träger die Pflicht und jederzeitige Verantwortung, uns zu erinnern und sicherzustellen, dass sich solches niemals wiederholt…

Über 70 Jahre sind seit dem Ende des Holocaust vergangen. Das entspricht einem Menschenleben – und 6 Millionen nicht gelebten Menschenleben. Der Holocaust ist der unrühmlichste Teil der neueren europäischen Geschichte. Er darf aber nicht zu irgendeiner Geschichte aus der Vergangenheit werden. Was an Inhumanem, was an Ungeheuerlichem geschehen ist, darf nicht einfach Teil der Geschichtskunde sein – wir müssen diese Verbrechen an der Menschlichkeit inmitten unseres aufgeklärten Kontinenten in Erinnerung rufen und uns gerade in unserer konflikt- und gewaltbeladenen Zeit mit allen Mitteln dafür engagieren, das friedliche und respektvolle Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und mit verschiedenen Religionen und Weltanschauungen zu fördern.

Deshalb braucht es das Gedenken, das Erinnern – hier und heute! Wir müssen diesen schmerzhaften Teil der Historie weiter erforschen – auch wenn wir wohl nie verstehen können, wie das Ungeheuerliche geschehen konnte. Neben der akademischen Forschung und dem Aufzeigen der Gesamtzusammenhänge, scheint es mir ebenso wichtig, dass auch konkrete Erfahrungen von Betroffenen vermittelt werden, und zwar Erlebnisse von Opfern und Geschichten von Rettern.

Die Einzelschicksale und Erfahrungsberichte von Opfern des Nationalsozialismus versetzen uns in ihre Perspektive, veranschaulichen ihr Leiden und erlauben uns ein besseres – wenn auch nur beschränkt mögliches – Nachempfinden des erlebten Unrechts und Schreckens. Deshalb sind die Erzählungen von Zeitzeugen wie Eduard Kornfeld, der heute unter uns ist, von enormer Bedeutung für uns – für unsere europäische Zivilisation.

Sehr geehrter Herr Kornfeld, ich bin Ihnen persönlich – als derzeit amtierende Schweizer Parlamentspräsidentin - im Namen der Schweizer Bevölkerung zu außerordentlich großem Dank verpflichtet, dass Sie sich bereit erklärt haben, heute unter uns zu sein – wir alle hier Anwesenden können wohl nicht abschätzen, was es bedeutet, diese schmerzvollen Erinnerung, diese unmenschlichen Ereignisse immer wieder zu teilen, die zu Zeiten unserer Großeltern passierten. Meine Großeltern haben im Mai 1942 resp. 1944 geheiratet – in der kriegsverschonten Schweiz. Doch als ich vor bald 20 Jahren in den Niederlanden studierte, realisierte ich wie viele holländische Familien vom Holocaust betroffen waren, und wie stark diese persönliche und familiäre Betroffenheit über Generationen nachwirkt.

Ich bin sicher, dass Sie bei uns und den Schulklassen, denen Sie über ihre Erlebnisse berichten, einen unvergesslichen und für unsere persönliche Geschichtsbildung bleibenden Eindruck hinterlassen als das individuelle Nachlesen in den Geschichtsbüchern. Es wird aber die Zeit kommen, in der wir ohne Zeitzeugen werden auskommen müssen. Dann werden wir umso mehr auf ihre schriftlichen Berichte, auf die Bild- und Tonaufnahmen, die von ihren Ausführungen gemacht wurden, zurückgreifen müssen. Das direkte Zeugnis der Verfolgten, geschätzte Anwesende, ist auch in Zukunft unverzichtbar – nur so ist es für uns möglich, das Ungeheuerliche – wenn auch nur in Ansätzen – verstehen zu versuchen. Auch wenn wir es nie verstehen werden!

Wichtig scheint mir dennoch auch, dass positive Beispiele hervorgehoben und gewürdigt werden. Sie sind oft sehr wirkungsvoll, weil sie der Vorstellung entgegenwirken, das Vernichtungswerk sei ein quasi unabwendbares Naturereignis gewesen. Zudem können sie als überzeitliche – als generationenübergreifende - Orientierungshilfe dienen. Es ist traurige Tatsache, dass es viel zu wenige waren, die aufbegehrt und geholfen haben, die das Böse nicht einfach hingenommen haben. Aber es gab sie auch, die kleinen Helden, die das Möglichste gemacht haben, um zu helfen, um Widerstand zu leisten, ohne sich selber gewaltigen Risiken auszusetzen. Und es gab die großen Helden, die Risiken in Kauf genommen und sogar ihr Leben riskiert haben, um Gutes zu tun. Ihr Andenken müssen wir ebenso aufrechterhalten. Es sind leuchtende Beispiele dafür, dass es nicht nur die Option des Wegschauens, des Ausführens von Befehlen, des Mitwirkens gab, sondern dass trotz des schlimmsten Terrorregimes Unheil gemildert und verhindert und Leben gerettet werden konnten.

Ich erinnere beispielhaft an die Rettungsaktionen in Budapest 1944/45, die eindrücklich uns in Erinnerung ruft, wie wertvoll koordiniertes Vorgehen mutiger Menschen sein konnte. Als nach der deutschen Besetzung Ungarns (19. März 1944) die Ghettoisierung von Juden einsetzte und dann Massendeportationen in Todeslager und Erschießungen folgten, blieben dortige diplomatische Vertreter neutraler Staaten und andere Helfer keineswegs inaktiv. Sie konnten durch Vorstöße bei den Machthabern, durch Einrichtung von Schutzhäusern und durch Ausstellung von falschen Identitäts- und Reisepapieren über Hunderttausend Menschen vor dem Tod retten. Ihnen wurde – meistens posthum – von der israelischen Gedenkstätte Yad Yashem der Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern" verliehen. Zu Lebzeiten wurde fast allen aber gebührende Ehrung nicht zuteil, und viele sind einer breiteren Öffentlichkeit nicht bekannt. Den Namen Raoul Wallenberg hat man zwar schon gehört, aber nur wenige wissen, um nur zwei Beispiele zu nennen, dass Angel Sanz Briz und Angelo Rota, die Vertreter Spaniens und des Vatikans in Ungarn, ebenfalls Tausende Juden retteten und so ihren Vornamen – "Engel" – gerecht wurden.

Auch das Wirken der Schweizer Diplomaten von Budapest, des Vizekonsuls Carl Lutz, des Diplomaten Harald Feller und des IKRK-Delegierten Friedrich Born, welche Zehntausende vor dem Tod bewahren konnten, ist hierzulande noch zu wenig bekannt und wurde zu wenig gewürdigt.

Geschätzter Herr Kornfeld, geschätzte Anwesende, es brauchte zu dieser unrühmlichsten Zeit in der europäischen Geschichte nach der Aufklärung, es braucht aber auch heute und morgen Persönlichkeiten, die mit Mut, mit Zivilcourage, mit dem Werteverständnis von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Humanität sich für unsere Zivilisation einsetzen!

Wir wissen es: Der Holocaust war – leider! - nicht der letzte Völkermord, nicht das letzte Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wäre ich Kulturpessimistin, müsste ich mich permanent hinterfragen, ob unsere europäische Zivilisation aus den Ungeheuerlichkeiten der Vergangenheit nichts gelernt hat. Denn auch in unseren Tagen werden Unschuldige und Wehrlose ermordet – beispielsweise durch die eingangs erwähnten Terroranschläge.

Aber ich bin keine Kulturpessimistin – ich bin eine Kulturoptimistin, die unsere europäischen Werte Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit mit Nachdruck und tiefster persönlicher Überzeugung vertritt und verteidigt.

Für mein Präsidialjahr habe ich das Motto Respekt gewählt. Respekt schulden wir nicht nur unseren politischen Institutionen, politisch Andersdenkenden, unseren sprachlichen und religiösen Minderheiten. Respekt schulden wir insbesondere auch all jenen, die sich für unsere europäische Zivilisation, für unsere aufklärerischen Werte zeitlebens – und auch unter Lebensgefahr – eingesetzt haben und einsetzen – stellvertretend für alle danke Ihnen, Herrn Kornfeld, herzlich dafür.

Wir müssen und werden allen Opfern Erinnerung und Solidarität schulden – das ist unsere Pflicht – und wir müssen stets jene ehren, die mitten in der Gefahr für die Verfolgten eingestanden sind, weil sie Menschlichkeit bewahren und den erforderlichen Mut aufbringen konnten.

Der Holocaust muss für uns alle Zeiten ein Mahnmal bleiben, eine universelle Mahnung, trotz aller Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten nie den grundlegenden Respekt gegenüber der Würde des Menschen zu verlieren. Respekt, respect, rispetto, respect!
Ich danke Ihnen, dass Sie mich heute zu dieser wichtigen Veranstaltung eingeladen haben und ich mit Ihnen meine Gedanken teilen durfte.