Grussbotschaft der Nationalratspräsidentin Christa Markwalder
Es gilt das gesprochene Wort
Sehr geehrte Damen und Herren
BABEL funktioniert ähnlich wie das Kinderspiel «Stille Post». Ein – von Bundesrat Alain Berset speziell für diesen Anlass verfasster – Text ist nacheinander von der einen in die andere Sprache übersetzt worden, bis er schliesslich in allen 25 Sprachen vorlag, die in der Schweiz am meisten gesprochen werden. Diese Übersetzungen stammen nicht von Profis, und sie sagen einiges aus über die Person und die Anliegen des jeweiligen Übersetzers oder der jeweiligen Übersetzerin. Das ist natürlich ein arger Verstoss gegen die Regeln des Übersetzens, aber gerade das macht ja den Reiz dieses Projekts aus.
In Wirklichkeit nämlich sind die Übersetzer Brückenbauer zwischen den Kulturen, übersetzen sie doch nicht nur den Sinn, sondern auch den Geist eines Textes. In der Schweiz ist die Übersetzung unerlässlich für den Staatsbetrieb. Was wäre das Parlament ohne die Übersetzerinnen und Übersetzer? Sie übertragen getreulich unsere Gesetzestexte, damit sie im ganzen Land gleichermassen Geltung haben. Ohne ihre Arbeit wäre die Mehrwertsteuer in der Romandie vielleicht anders ausgestaltet als im Tessin oder hätte die Deutschschweiz andere Strassenverkehrsregeln als die Romandie.
Ich möchte deshalb bei dieser Gelegenheit unserer Verwaltung und ihren vorzüglichen Übersetzerinnen und Übersetzern ganz herzlich danken. Diese Leute arbeiten manchmal fast bis zum Umfallen. Ja, und das ist vielleicht auch der Grund, warum die französische Fortsetzung meiner Rede, die eigentlich längst hier sein müsste, noch gar nicht … vielleicht ist der Übersetzer … ah doch, da kommt er ja.
Übersetzer erscheint
Markwalder: Guten Abend. Ich habe Sie noch gar nie gesehen. Sind Sie neu hier?
Übersetzer schüttelt den Kopf, winkt ab…
Markwalder: Nicht?
Übersetzer: Nein, schon bald 30 Jahre.
Markwalder: Wie, dreissig Jahre?
Übersetzer: Ja, aber halt hinter den Kulissen.
Markwalder: Hinter den Kulissen, ach so, natürlich.
Markwalder, zum Publikum: Bon, voilà donc la suite en français:
Mesdames et Messieurs,
Le projet Babel part d’un récit biblique: Dieu détruisit la tour de Babel, et les hommes se répandirent sur la terre. Voilà pourquoi on parle tant de langues en Suisse. C’est une chance, car les malentendus sont la force du pays.
Est-ce que les latins et les Suisse-allemands se comprendraient si bien, s’ils se comprenaient vraiment? On définit la Suisse comme une Willensnation. Les Suisses ont certes beaucoup de volonté, mais sans les malentendus, c’est sûr: ils n’auraient jamais tenu.
Unterbrechung, leichte Verunsicherung … zum Publikum: Excusez-moi; je crois que mon traducteur a pris quelques libertés… Warten Sie, ich schaue mal in meinen Notizen nach, ob da eventuell…
Übersetzer: Moment! Entschuldigen Sie, ich hatte Ihnen die falsche Version gegeben. Hier ist die richtige.
Markwalder: Sind Sie sicher? Gut, schauen wir mal, also:
Mesdames et Messieurs,
On définit la Suisse comme une Willensnation, un pays né de la volonté commune de vivre ensemble. Les Suisses ne sont pas unis par une langue, leur culture culinaire diffère, comme leur manière de socialiser. La volonté de vivre ensemble: voilà la culture qu’ils ont en commun. Quelles que soient les crises et les tourmentes qui nous frappent, ne l’oublions pas: c’est grâce à cette volonté que le pays existe, c’est grâce à cette volonté que tant de cultures peuvent se partager en paix ce si petit territoire qui est le nôtre.
Le projet Babel est aussi là pour nous le rappeler.
Wertes Publikum
Ich glaube, ich muss Sie nun alleine lassen … und rasch mal die Übersetzung unserer Gesetzestexte überprüfen gehen.