Ansprache von Christoph Lanz, Generalsekretär der Bundesversammlung

Es gilt das gesprochene Wort

 

Sehr geehrte Damen und Herren

Ich freue mich, heute mit Ihnen die Ausstellung „Swiss Press Photo 2008„ im Poltik-Forum Käfigturm zu eröffnen. Die Ausstellungsmacher haben mich gebeten, in meiner Ansprache Bezug zu nehmen auf das Foto, das sie für Ausstellungsplakat und -flyer auswählten. Wie Sie vermuten können, bin ich diesbezüglich etwas befangen, denn ich spreche hier in meiner Funktion als Generalsekretär der Bundesversammlung. Deshalb äussere ich mich nicht zu Vorder- und  Hintergründen dieses Bildes, sondern zum Bild selbst.

Wenn Sie das Foto von Peter Klaunzer betrachten, sehen Sie zuerst einmal Menschen, die sich freuen: sie lachen, sie klatschen, sie werfen die Arme in die Höhe. Auf den zweiten Blick erkennen Sie, dass diese Menschen Politikerinnen und Politiker sind und dass sie sich im Nationalratssaal befinden. Sie stutzen: Gehören Emotionen in den Nationalratssaal? Passen Emotionen und Politik überhaupt zusammen? Ist es nicht so, dass die Demokratie auf die Verstandeskraft der politischen Akteure setzt und nicht auf deren Gefühle?
Die Sozialwissenschaften sprechen vom Homo rationalis, einem Menschen, der seine Gefühle und Neigungen im Griff hat und sich von sach- und zweckorientierten Erwägungen leiten lässt. Wie ich aber kürzlich gelesen habe, widerlegen neuere Erkenntnisse der Hirnforschung das Bild eines rein rational denkenden und handelnden Menschen. Das Ideal, die Gefühle zu unterdrücken und ausschliesslich den Verstand walten zu lassen, sei nach der Ansicht der Neurobiologen schon rein physiologisch gar nicht möglich.

Auch als Beobachterinnen und Beobachter des politischen Alltags wissen wir: Emotionen gehören zur Politik. Denken sie zum Beispiel an die Debatten über das Verbot von Kampfhunden, über die Einführung der Fristenregelung, über die Abschaffung der Armee oder über die Massnahmen nach der Finanzkrise. Befürworter und Gegner appellieren an die Gefühle der Zuhörenden. Parlamentarierinnen und Parlamentarier geben die Gefühle ihrer Wählerinnen und Wähler wieder, oder auch ihre eigenen. Kurz: es gibt keine Politik ohne Emotionen.

Aber genügt es, Emotionen wiederzugeben oder zu entfachen? Sicher nicht. Es ist Aufgabe der Volksvertreterinnen und Volksvertreter, Emotionen in rationale Entscheide zu überführen. Politikerinnen und Politiker brauchen  für ihre politische Aufgabe Verstand und Gefühl. Ein Spannungsfeld, zugegeben. Aber gerade der Gesetzgebungsprozess mit seinem geregelten Verfahren und seinen verschiedenen Behandlungsebenen dient dazu, den emotionalen Zugang zu einem Sachverhalt durch einen rationalen zu ergänzen. In dieser Phase findet eine Versachlichung der Auseinandersetzung statt. In den Kommissionen werden Interessenvertreter pro und contra sowie Experten angehört. In den Räten sprechen die Vertreter und Vertreterinnen der Mehrheit und der Minderheit. Ergebnis ist ein Beschluss, der den Hundehaltern gewisse Sorgfaltspflichten auferlegt, die Fristenregelung mit gewissen Auflagen einführt, die Schweizerarmee bestehen lässt, der UBS finanzielle Mittel des Staates zuführt usw. Darüber kann dann vor der Volksabstimmung nochmals mit viel Emotionen aber auch mit Sachargumenten öffentlich gestritten werden. Der definitive Entscheid liegt bei den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern. Und diese – das hat sich schon oft gezeigt – lassen sich sowohl von sachlichen als auch von emotionalen Gesichtspunkten leiten.

Auch bei Wahlen können die Emotionen hoch gehen. Das Foto von Peter Klaunzer zeigt es schön. Aber auch bei Wahlen spielt die Ratio eine wichtige Rolle. Wir stehen ja erneut vor Bundesratswahlen. Lesen Sie die Äusserungen der Politikerinnen und Politiker: da werden die Qualitäten der verschiedenen offiziellen und nichtoffiziellen Kandidaten gegeneinander abgewogen und taktische Erwägungen angestellt. Und am 16. September wird es erneut Gewinner und Verlierer geben – und gewiss auch wieder emotionale Momente.

Meine Damen und Herren
Fotoaufnahmen halten Sekundenbruchteile realer Begebenheiten für die Ewigkeit fest, gesammelt durch ein optisches Gerät, das Objektiv. „Die wahre Objektivität ist die Subjektivität des Reporters“, bemerkte einst Tim Gidal. Offenbar meinte der Pionier des Fotojournalismus’ damit nicht primär die Objektivität des Fotografen, sondern vielmehr die  Suche des Blattmachers nach dem vermutlich wirksamsten Bild. Fotografen gehen nicht hin und machen bloss ein Bild, sondern sie drücken  mehrfach hintereinander auf den Auslöser. Sie halten ein Motiv oder Ereignis aus unterschiedlichen Perspektiven, mit unterschiedlichen Objektiven, zu unterschiedlichen Zeiten fest. Dahinter steckt einerseits die Motivation, die Realität als Zeit-Dokument im Bild festzuhalten. Diesen Anspruch erhebt das Parlament auch an die Bundeshausfotografen. Andererseits sind Fotografen seit Generationen auch immer auf der Jagd nach dem Bild – einem Bild, das aus der Masse heraus sticht. Die Ausstellung „Swiss Press Photo 08“ zeigt viele solcher Bilder. Wie eben jenes auf dem Ausstellungsplakat, das Parlamentarierinnen und Parlamentarier in ungewohnter Manier zeigt.

Bilder lösen Emotionen aus, übertragen Emotionen, sie regen aber auch zum Nachdenken und zum Diskutieren an. Wer in den Redaktionen der Medienunternehmen die Auswahl unter den vielen Bildern der Fotografen trifft, sucht, wie Tim Gidal richtig sagt, ein Bild, das wirkt und etwas bewirkt. Es gibt fast täglich Bilder von Mitgliedern des Parlaments oder vom Parlamentsbetrieb.  Fotografen versuchen gerne, das Parlament in Szene zu setzen – aber auch die Parlamentarierinnen und Parlamentarier setzen sich gerne in Szene – mit Worten und in Bildern. Wie anders könnten sie die Wählerinnen und Wähler davon überzeugen, dass sie ihre Aufgabe als Volksvertreter aktiv wahrnehmen? Inszenierungen gehören also zur Politik. Und nicht vergeblich wurde der Nationalratssaal von einem Architekten entworfen, nämlich Hans W. Auer, der an der ETH bei Semper studiert hatte,  dem berühmten Schöpfer der Oper in Dresden.

Meine Damen und Herren
Die Parlamentsdienste betreiben zusammen mit der Bundeskanzlei seit 10 Jahren das Polit-Forum Käfigturm. Es haben hier schon zahlreiche Ausstellungen und Veranstaltungen zu aktuellen oder historischen politischen Fragen stattgefunden und ich denke, dass wir damit einen wichtigen Beitrag zur politischen Bildung leisten können.  Ich freue mich sehr, dass wir auch dieses Jahr die Ausstellung „Swiss Press Photo“ zeigen können und ich danke dem Team des Käfigturms und allen anderen beteiligten Personen für die Vorarbeiten. Ich eröffne die Ausstellung der besten Pressebilder des Jahres 2008 und hoffe, die Besucherinnen und Besucher werden sich sowohl emotional als auch rational auf die Bilder einlassen und den Käfigturm begeistert und nachdenklich verlassen.