Es gilt das gesprochene Wort.
Frau Präsidentin des Schweizerischen Verbandes für Frauenrechte,
Frau Präsidentin der Internationalen Frauenallianz (IFA),
sehr geehrte Vertreterinnen der nationalen und kantonalen Verbände der IFA,
sehr geehrte Damen und Herren Journalistinnen und Journalisten,
liebe Gäste!
Die feministische "Tour de Suisse" macht Halt in Bern. Mit ungetrübter Freude heisse ich Sie in diesem neuen Pressezentrum willkommen, das nur einen Steinwurf vom Bundeshaus entfernt ist. Ein ganz besonderer Willkommensgruss gilt den ausländischen Vertreterinnen der interna¬tionalen Frauenallianz. An den vier Ecken der Erde streitet diese Allianz für die rechtliche und tatsächliche Gleichstellung von Männern und Frauen. Ich ergreife die Gelegenheit, um ihr Wirken kurz zu würdigen.
Das Handeln der IFA ist angesichts des tiefen Elends der Frauen in bestimmten Weltregionen noch heute dringend: in Indien, wo sogar das Existenzrecht der kleinen Mädchen in Abrede gestellt wird, oder in zahlreichen Staaten der südlichen Hemisphäre, wo die Frauen die ersten Opfer von schlechter Gouvernanz, Not, Unterernährung und Krieg sind. Wer die Menschenrechte der Frauen verteidigt, kämpft deshalb für die Sicherung der Lebensgrundlagen der ganzen Bevölkerung und fördert die friedlichen Mittel zur Konfliktlösung.
Die vorbehaltlose Ratifizierung des internationalen Übereinkommens zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau durch alle Länder ist deshalb von höchster Wichtigkeit. Ebenso wesentlich ist jedoch, dass sich dieses formelle Engagement in Taten äussert. Ich sichere den Mit¬gliedverbänden der IFA meine Unterstützung für ihr Handeln zu und beglückwünsche sie zu ihrem Mut.
Der Schweizerische Verband für Frauenrechte, der SVF, ist mit der IFA eng verbunden, weil er ja seine Vertretung bei den Vereinten Nationen koordiniert. Während der beiden Weltkriege haben die Schweizer Suffragetten den Kontakt mit allen Verbänden aufrechterhalten, die Mitglieder der IFA oder mit dieser verbunden waren.
Dank der Neutralität der Eidgenossenschaft konnte Ihre NGO während diesen unru¬higen Zeiten überleben, und darauf bin ich heute noch stolz.
Meine Damen und Herren!
Wenn heute alle Schweizerinnen abstimmen dürfen und in ihrer Ge¬meinde, ihrem Kanton oder auf eidgenössischer Ebene gewählt werden können, verdanken sie dies den Pionierinnen der IFA. Die Geschichte dieses Verbandes ist mit jener der schweizerischen Frauenbewegung verquickt, und ich freue mich darauf, das Werk «Der Kampf für gleiche Rechte» zu lesen.
Die IFA hat Frauen und Männer dieses Landes bewegt. Die Emanzipa¬tionsbewegung, die sich anfänglich «Vereinigung für das Frauen¬stimmrecht» nannte, hat die Frauenorganisationen dynamisiert und zu einem Wandel der konservativen Mentalitäten beigetragen.
1959 waren die Waadtländer Frauenrechtlerinnen die Ersten, die das Stimmrecht in kantonalen Angelegenheiten erhielten. Zwölf Jahre später, im Jahr 1971, haben (endlich!) sieben von zehn Stimmbürgern den Frauen die politischen Rechte auf eidgenössischer Ebene zugestanden, wobei sich jedoch die Männer in acht Kantonen immer noch an ihre alten Vorrechte klammerten. Dem letzten störrischen Kanton, Appenzell Innerrhoden, musste sogar das Bundesgericht, unser oberster Gerichtshof, Beine machen.
Unter dem Druck des Frauenkongresses gründete unsere Regierung 1976 eine Eidgenössische Kommission für Frauenfragen (EKF), in der alle grossen Frauen- und Frauenrechtsorganisationen vertreten sind. Erstmals wurde eine öffentliche Institution beauftragt, die Lage der Frauen in unserem Land auf wissenschaftlicher Grundlage zu unter¬suchen und Empfehlungen an alle gesellschaftlichen Akteure zu richten, um die Chancengleichheit und die tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern zu konkretisieren.
Die EFK, die ich während zehn Jahren präsidiert habe, hat an der Erarbeitung des Verfassungsartikels über die Gleichstellung von Frau und Mann, der 1981 vom Volk angenommen wurde, sowie an allen davon abgeleiteten Reformen mitgewirkt. Die direkten Diskriminierungen rechtlicher Art wurden im neuen Familienrecht eliminiert; dasselbe geschah im neuen Strafrecht auf dem Gebiet der Sexualität.
Die Regierungskommission hat ihr ganzes Gewicht in die Waagschale geworfen, damit der Wert der von den Müttern geleisteten Erziehungs¬arbeit in der 10. Revision der Alters- und Hinterlassenenversicherung anerkannt wurde, und sie hat auf die Einrichtung des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann hingewirkt.
Die grössten Siege der Frauenorganisationen bleiben jedoch das Inkraft¬treten des Gesetzes für die Gleichstellung von Frau und Mann 1996 und die Einrichtung der eidgenössischen Mutterschaftsversicherung 2004.
Der 1999 vom Bundesrat erlassene Aktionsplan mit seinen 287 Empfeh¬lungen zeigt die ganze Arbeit, die in allen Gesellschaftsbereichen noch zu leisten ist, um die Be¬schlüsse der Weltfrauenkonferenz von Peking umzusetzen.
In der Schweiz heisst es aber immer noch “Nur schön langsam” oder, wie hier in Bern, “Nume nid gschprängt!”. Die Änderungen kommen langsam voran, aber die Errungenschaften sind solid, denn unsere sowohl direkte wie auch repräsentative Demokratie lässt auch das Volk an den Entscheiden des Parlaments teilhaben. Die breite Bevölkerung unterstützt die Entwicklung hin zur Gleichheit zwischen Frauen und Männern, und eine wachsende Anzahl von Politikerinnen und Politikern vertritt dies mit Leib und Seele.
Meine Damen und Herren!
Wir können die hundert Jahre des SFV in Würde feiern, denn die Gleich¬heit ist in der Schweiz nicht mehr ein Tabuthema, und die Menschen, die sich dafür einsetzen, werden nicht mehr verspottet; sie werden bloss hie und da noch ironisch belächelt … Die Verwirklichung der tatsächlichen Gleichheit ist nicht mehr bloss ein frommer Wunsch, der in unserer Verfassung und unserer Gesetzgebung drin steht. Zahlreiche öffentliche und private Organisationen haben dieses Ziel auf ihre Agenda gesetzt.
Zudem weiss in der Schweiz jeder ganz klar, welche Verhaltensweisen in den Paarbeziehungen und innerhalb der Familie richtig sind und welche nicht.
Im Lauf eines Jahrhunderts hat sich die Lage der Frauen im Bereich der Ausbildung beträchtlich verbessert. Die Demokratisierung der Schulbil¬dung, die Programme zur Förderung der Chancengleichheit in der Berufsbildung, der Zugang zu den Universitäten, Polytechnischen Hoch¬schulen und Fachhochschulen und zur Forschung spielen zugunsten der Frauen.
Noch ist das Spiel aber nicht gewonnen, insbesondere in der Arbeitswelt. Die Experten erinnern uns daran, dass der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern immer noch gegen 20 Prozent beträgt und dass die Frauen, bei denen acht von zehn eine Teilzeitstelle innehaben, nur Anrecht auf etwas mehr als ein Drittel der Sitze in den Unternehmens¬leitungen oder im akademischen Lehrkörper haben.
Auch wenn sich die Frauenvertretung innerhalb der Parteien und der Institutionen mit jeder Wahl verbessert, ist die Parität noch in weiter Ferne. Da, wo es um Prestige oder um Macht geht, haben die Frauen immer noch nicht die gleichen Wahlchancen wie die Männer.
So entfielen bei den Wahlen 2007 in der Volkskammer, im Nationalrat, den ich präsidiere, nur drei von zehn Sitzen auf Frauen. In der Kammer der Kantone, dem von einer besonderen Aura geprägten Ständerat, beträgt dieses Verhältnis gar nur zwei von zehn.
Es bestehen zudem Unterschiede unter den Frauen selber: So haben die linken Kandidatinnen eine höhere Chance als ihre bürgerlichen Kolle¬ginnen, und im deutschsprachigen Landesteil können die Frauen leichter ein Mandat im eidgenössischen Parlament ergattern als in der lateini¬schen Schweiz.
Wie man sieht, stossen die Frauen jeweils gegen eine “gläserne Decke”, wenn sie Anspruch auf strategische Positionen erheben. Dabei sind sie ebenso gut gerüstet wie ihre männlichen Artgenossen, um dort präsent zu sein, wo entschieden wird und wo es gilt, seinen Teil der Verantwor¬tung mitzutragen. In allen Bereichen ist die Gemeinschaft auf sie ange¬wiesen, und zwar nicht nur als Hausmütter oder bei der freiwilligen Arbeit.
Die Organisation der Produktion, der Gesellschaft und der Politik muss sich der Entwicklung der Rolle der Frau und somit auch der veränderten Rolle des Mannes anpassen.
Um auf allen Ebenen gleiche Chancen für beide Geschlechter zu garan¬tieren, müssen die Einstellungen grundlegend verändert werden ‒ aber es lohnt sich! Ist nämlich die Gleichheit einmal verwirklicht, kann jedes Mitglied der Gesellschaft seine familiären, beruflichen, politischen und gesellschaftlichen Pflichten viel besser miteinander in Einklang bringen.
Wenn die Frauen ihren Platz in der Arbeitswelt einnehmen, bleibt ihnen nicht mehr viel Zeit, um sich in den Verbänden zu engagieren, denn noch heute tragen sie die Last der Familie, der Erziehung und der gesellschaftlichen Beziehungen ganz alleine.
Die Organisation der Arbeitswelt hat sich nicht an die neue Rolle der Frau angepasst. Wenn man jedoch will, dass sie sich aktiv in die Gesellschaft einbringen kann, muss man sie von ihrer doppelten, ja dreifachen Bürde entlasten, indem man ihren Bedürfnissen nach geeigneten Arbeitszeiten und -bedingungen sowie nach Krippenplätzen Rechnung trägt.
Sie haben soeben gehört, dass Ihre nationale Struktur nach hundert Jahren ausserordentlicher Dienste an unserem Land aufgelöst wird, dies wegen mangelndem Nachwuchs beim Präsidium. Ich bedaure das, aber es zeigt auf eklatante Weise, dass bei strukturellen Mängeln und Lücken immer die Frauen die Zeche bezahlen.
Es ist ebenfalls nötig, zu legiferieren und im Alltag gegen die Diskrimi¬nierung von Frauen ausländischer Herkunft hinsichtlich Ausbildung, Beruf und Stellung in der Gesellschaft zu kämpfen. Im Übrigen kann man nicht genug betonen, dass es absolut notwendig ist, vor allen Dingen den Kampf gegen die häusliche Gewalt und gegen den Menschenhandel zu verstärken, dem die Frauen ausgeliefert sind. Wir müssen auch die Zwangsheiraten und die Praxis der Beschneidung der weiblichen Organe bekämpfen, die auch bei uns vorkommen.
Um diesen Massnahmenkatalog umzusetzen, müssen die Zivilgesell¬schaft, die Wirtschaft, die Nichtregierungsorganisationen und die öffentlichen Institutionen Hand in Hand mit den gewählten Regierungs¬vertreterinnen und -vertretern zusammenarbeiten. Diese Langzeitauf¬gabe erfordert Ausdauer und Beharrlichkeit und vor allen Dingen das Zusammenwirken aller.
Die noch offenen Baustellen zeigen, wie sehr die tatsächliche Gleichheit zwischen Frau und Mann ein Grundrecht unserer Verfassung und der Menschenrechte insgesamt ist. Letztlich geht es um nicht mehr und nicht weniger als um den Weltfrieden und die soziale Gerechtigkeit.
Genau in diesem Sinn hat sich die Schweiz an den Verhandlungen für ein Kontrollinstrument des internationalen Übereinkommens zur Beseiti¬gung jeder Form von Diskriminierung der Frau beteiligt. Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser, wenn es um die Würde der Person und um die zukünftige Entwicklung der Menschheit geht.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Nachmittag in Estavayer-le-Lac, und ich möchte mit Ihnen wetten: Diese feministische "Tour de Suisse" wird Sie in Ihrem Enthusiasmus und in Ihrem Engagement bestärken!
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.