Es gilt das gesprochene Wort 
 
Festrede von Nationalratspräsident Hansjörg Walter
 
Sehr geehrte Damen und Herren
Vermutlich geht vielen unter Ihnen ähnlich wie mir: Sie lesen die Zeitung und entdecken eine kurze Randnotiz, in der zum Beispiel steht, eine Person sei aus einem brennenden Auto gerettet worden. Sie sind froh über den glücklichen Ausgang und fragen sich, wer wohl so beherzt und unerschrocken eingegriffen und sein Leben aufs Spiel gesetzt hat. „Selbstverständlich. Ich hätte das Gleiche getan“, ist man im ersten Moment versucht zu sagen. Mut, Tapferkeit, Selbstvertrauen, Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit sind Eigenschaften, die wir bewundern und über die wir gerne verfügen würden. Wie ich letztendlich in einer solchen Situation reagiert hätte, weiss ich nicht. Und ehrlich gesagt, bin ich auch jeweils etwas erleichtert, nicht damit konfrontiert worden zu sein.
 
Liebe Lebensretterinnen, liebe Lebensretter
Ich bewundere Ihre Taten, ihren Mut, auch wenn Sie das vielleicht nicht gerne hören, weil Sie Ihre Hilfeleistung als Selbstverständlichkeit betrachten. Sie waren für andere da, als es darauf ankam. Sie haben nicht gefragt: Was geht mich das an? Warum hilft nicht ein anderer? Sie haben einfach gehandelt. Für die selbstlose Rettung von Mitmenschen aus größter Notlage möchte ich Ihnen auch im Namen des Schweizer Parlaments höchste Anerkennung und Respekt entgegen bringen. Für mich persönlich ist es eine große Freude an diesem Jubiläumanlass dabei sein zu können. Ich bedanke mich ganz herzlich für die Einladung, die ich sehr gerne angenommen habe. Anlässe wie diese gehören zu den „Highlights“ meines Präsidialjahres und es ist mir ein wichtiges Anliegen wohltätigen Organisationen – ideell zumindest – unterstützen zu können.
 
It is a great pleasure not only to know that there are so many rescuers here in this room, but also that there are two descendants of the great philanthropist, Andrew Carnegie: Linda Hills from Denver and William Thomson from Dunfermline in Scotland. By coming here to Bern, you are showing us how important your great-great-grandfather's legacy is to you. I very much hope that your descendants will also be here when the Carnegie Rescuers Foundation in Switzerland celebrates its bicentenary.
 
Meine Damen und Herren
In der Schweiz besteht heute ein engmaschiges Netz von Sozialversicherungen, das den hier lebenden und arbeitenden Bürgerinnen und Bürger sowie ihren Angehörigen einen weitreichenden Schutz vor Risiken bietet, deren finanzielle Folgen sie nicht allein tragen können. Für die soziale Wohlfahrt gibt der Bund etwa einen Drittel seines Budgets aus. In den vergangenen Jahren entsprach dies rund 18 Milliarden Franken. Das war nicht immer so. Obwohl mit der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts die soziale Not der Arbeiterinnen und Arbeiter wuchs, führte die Schweiz erst 1948 die Alters- und Hinterlassenenversicherung AHV ein – relativ spät, verglichen mit anderen Ländern. 1960 folgte die Invalidenversicherung, die Beiträge ausbezahlt für Behinderte und Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten können.
 
Mit der Gründung seiner Stiftung vor 100 Jahren hat Andrew Carnegie mitgeholfen, in der Schweiz ein Vakuum zu füllen. Die Stiftung war insofern pionierhaft, indem sie nicht nur selbstlos handelnde Menschen auszeichnete, sondern bei Verletzungen oder Tod den Rettern beziehungsweise ihren Hinterbliebenen finanzielle Unterstützung leistete. Lebensretterinnen und Lebensretter sollten nämlich durch ihr vorbildhaftes Handeln keine Nachteile erleiden müssen. Sie wissen: Die Schweiz war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch kein wohlhabendes Land. Im Gegenteil. Der Verlust eines Verdienstes bedeutete damals für viele Familien bittere Armut. Seit ihrer Gründung hat die Stiftung insgesamt über 3,2 Millionen Franken an Unterstützungsbeiträgen ausbezahlt. Und auch wenn der finanzielle Aspekt der Stiftungsidee heute nicht mehr ganz so stark im Vordergrund steht wie einst, so hat er doch nach wie vor eine symbolische Bedeutung.
 
Mesdames, Messieurs,
Tous les jours, nous prenons des décisions. Dans la plupart des cas, nous avons le temps de peser le pour et le contre et d’opter pour la meilleure solution ; il est rare que nous devions agir sans pouvoir anticiper les conséquences de nos actes. Parfois, nous sommes pleinement conscients que telle ou telle décision comporte certains risques. Dans ce genre de situations, qui, parmi nous, est prêt à surmonter sa peur, à mettre en jeu sa santé, peut-être sa vie ? Les sauveteurs, Mesdames, Messieurs. Les sauveteurs distingués par la Fondation Carnegie et qui, peut-être, n’ont réalisé qu’après-coup combien leur action fut courageuse. Plus de 8400 hommes, femmes, jeunes ou moins jeunes, suisses ou étrangers, issus de toutes les classes sociales, ont un jour bravé le danger. Au plus profond d’eux, la même pensée s’est imposée comme une évidence : « Je dois agir. Je n’ai pas le choix. »
 
Der Mut der Lebensretterinnen und Lebensretter ermutigt und gibt Anlass zur Hoffnung: Wenn wir selbst in eine schwierige oder gefährliche Lage geraten, könnten auch wir auf die mutige Tat eines Mitmenschen hoffen. Wir werden aber auch darin bestärkt, das Richtige zu tun, wenn wir mit der Notlage eines andern konfrontiert werden. „Mut besteht nicht darin, dass man die Gefahr blind übersieht, sondern darin, dass man sie sehend überwindet“, bemerkte Jean Paul, ein deutscher Schriftsteller mit französischem Namen.
 
Meine Damen und Herren
Die Selbstbezogenheit ist in unserer Gesellschaft weitverbreitet, doch es gibt auch Gegenbeispiele. Die Carnegie-Stiftung und die Lebensretterinnen und Lebensretter – und das ist mir persönlich besonders wichtig – sind deshalb ein starkes Zeichen gegen die weitverbreitete Ignoranz und Gleichgültigkeit. Denn wir wissen es ja eigentlich alle: Hilfsbereitschaft, Zivilcourage, Zuverlässigkeit, Selbständigkeit sowie Verantwortungsbewusstsein sind Werthaltungen, die sowohl jeden Einzelnen wie auch unsere Gesellschaft überhaupt überleben lassen. Wir brauchen ein aufmerksames Miteinander und eine Kultur des Hinsehens. Werte und Tugenden kann man jedoch nicht einfach auswendig lernen wie französische Verben oder Formeln aus der Chemie. Werte und Tugenden übernehmen wir von überzeugenden Vorbildern. Institutionen wie die Carnegie-Stiftung und ihre selbstlosen Retterinnen und Retter setzen mit ihrem Verhalten gesellschaftliche Standards und mobilisieren andere. Darum ist auch so wichtig, dass ihr Handeln an die Öffentlichkeit kommt. „Tue Gutes und rede darüber“, das dürfen Sie ohne falsche Bescheidenheit. Und wenn Sie sich nicht dafür halten, dann tun wir es – und zwar gerne!
Ich danke Ihnen.