Es gilt das gesprochene Wort​

 

Herr Landammann, caro Pepi,
Sehr geehrte Regierungsräte,
Sehr geehrte Landräte,
Liebe Urner Freundinnen und Freunde,
Liebe Miteidgenossen aus der Zentralschweiz!

Auf meiner Fahrt von Bern ins Tessin bin ich froh und stolz die Tradition des Zwischenhaltes im Kanton Uri fortsetzen zu können. Die Freundschaft und die Solidarität unter den Gotthardkantonen ist für mich als Tessiner Ständerat und Bürger von Airolo von zentraler Bedeutung. Seit jeher ging vom Gebirge eine gewisse Kraft auf die Menschen über, die das Unmögliche möglich macht und sämtliche Schwierigkeiten und Differenzen überwinden kann: weil die Berge nicht trennen, sondern verbindend wirken.  
Der Gotthard ist ein Mythos hört man immer wieder in Bern, Zürich und Genf! Was genau damit gemeint ist, bleibe dahin gestellt: ob positives oder negatives, wir wollen es gar nicht wissen. Denn der Gotthard ist für uns kein Mythos, sondern eine Realität, die uns seit Jahrhunderten prägt. Das Massiv ist die Quelle unseres Zusammenhaltes, unserer Kultur, ja unserer gemeinsamen Existenz.
Die Schweiz ist nicht entstanden – liebe Urner und Zentralschweizer Miteidgenossen, – weil die Herren Gessler und Tell irgendein Problem mit Äpfeln und Pfeilen hatten. Die Schweiz ist dank der neuen Brückentechnik entstanden: durch den Bau der Teufelsbrücke im Jahr 1230  und der fast gleichzeitig fertiggestellten Mittlere Rheinbücke in Basel - als erste feste Steinbrücke zwischen Rotterdam und dem Bodensee. Mit diesen beiden Brücken und der ersten befahrbaren Passtrasse wurde der kürzeste Weg zwischen Norden und Süden endlich gangbar, was den Urner und Tessiner Täler sofort enorme Vorteile brachte.
Die kaiserlichen Privilegien, die eine Erhebung der Transitmaut erlaubten, förderten den Urner Wohlstand. Sechzig Jahre später, als die Habsburg versuchten diese Privilegien rückgängig zu machen, wehrten sich die Urner zusammen mit den Schwyzern und den Unterwaldnern und knüpften 1291 den ersten Bund auf der Rütliwiese. Fast zwei Jahrhunderte später erhielten die Urner und die Eidgenosse die entscheidende Unterstützung der Leventiner gegen die Mailänder in der Schlacht von Giornico. Im Jahr 1500 beschloss Bellinzona letztlich, sich den Eidgenossen anzuschliessen.
Kurz gesagt: Die Eidgenossenschaft entstand wegen der Gotthardachse. Und nur wegen der Gotthardachse wurde das Tessin Bestandteil der Schweiz. 
Liebe Urner Freunde, wegen dieser Vergangenheit reagiert heute das Tessin mit Schrecken auf die drohende dreijährigen Isolierung aufgrund der anstehenden Sanierungsarbeiten des Strassentunnels! Es handelt sich nicht nur um eine wirtschaftliche Katastrophe, so gross sie auch sein mag. Es geht hier um viel mehr: Es geht um die Identität und um die Geschichte dieser Region, es geht um den Zusammenhalt der Gotthardkantone und es geht um die historische Anbindung des Tessins an die Schweiz.
Liebe Miteidgenossen, ich habe volles Verständnis für die Urner Sorgen bezüglich jeglichen Verkehrszuwachs. Die gleichen Befürchtungen spüren wir im Süden des Tessins, im Mendrisiotto. Diesen Sorgen und Ängsten ist unbedingt Rechnung zu tragen. Es kann darum keine Kapazitätserweiterung am Gotthard in Kauf genommen und der Alpenschutzartikel kann nicht gelockert werden.
Aber wir befinden uns nicht mehr vor der Avanti-Abstimmung im Jahr 2004. Diese Vorlage ist endgültig beerdigt und niemand - auch niemand im Tessin - will die Frage einer Kapazitätserweiterung wieder stellen. Die Frage die sich heute stellt, ist eine ganz andere: sind wir fähig eine brauchbare Alternative zu finden, bevor der Tunnel drei Jahre für die Gesamtsanierung geschlossen werden muss?     
Sind wir in der Lage, eine Lösung zu finden, die der Urner sowie der Tessiner Volkswirtschaft dient ohne das Transitverkehrsaufkommen zu erhöhen? Wie können wir vermeiden, dass die Unternehmen in Uri sowie in der Leventina nicht leiden oder sogar sterben müssen, inklusive des HC Ambrì-Piotta, der einen Drittel seines Publikums nördlich des Gotthards holt?
Meine lieben Urner Freunde: der Bundesrat hat eine Lösung in Aussicht gestellt, die heisst: eine zweite Röhre ohne Kapazitätserweiterung, also mit einer Fahrbahn pro Röhre und Richtung nach erfolgter Sanierung der ersten. Ich weiss heute nicht, ob diese Lösung die einzige und die beste ist. Ich weiss nur eines: die Tessiner sind auf jeden Fall in dieser Angelegenheit auf die Urner Solidarität angewiesen. Liebe Freunde, lasst uns bitte nicht im Stich, vergesst uns nicht. Es gibt einen Teil der Schweiz auch südlich des Gotthards, der nicht drei Jahre lang vom Rest des Landes abgeschnitten werden dar.
Ich bin nicht hier, um eine konkrete Lösung zu fordern. Ich bin hier als Tessiner Politiker und Ständerat, um Euer Verständnis für diese Anbindung des Tessins an die ganze Schweiz zu wecken. Liebe Urner Freunde, arbeiten wir weiterhin zusammen an brauchbaren Lösungen. Die Urner-Tessiner Freundschaft ist zu wichtig, um unsere bewährte Solidarität fallen zu lassen. Wir wollen unbedingt eine gemeinsame, brauchbare Lösung finden. Bitte helft mit!
Es lebe Uri, es lebe die Zentralschweiz, es leben die Gotthardkantone, es lebe das Tessin, und es lebe – ganz besonders – die Schweizerische Eidgenossenschaft!