​​Es gilt das gesprochene Wort

 

Sehr geehrte Damen und Herren

Kürzlich hat mich eine Mitarbeiterin der Parlamentsdienste in Bern gefragt, wie ich meine Mitgliedschaft in einer Partei mit dem C im Namen und die Freude an der Jagd unter einen Hut bringen könne. Die Mitarbeiterin, die mich das gefragt hat, ist keine Vegetarierin, auch keine fundamentale Grüne, sie isst gerne ein Hirsche-Entrecote oder ein Rehschnitzel, sie ist intelligent, eine Realistin, ganz normal wie Du und ich. Sie könne sich trotzdem nicht vorstellen, selber auf ein Tier zu schiessen, sagte sie. So wie sie, denken und handeln sehr viele Leute - vermutlich Frauen mehr als Männer.

Wir kamen dann ins Gespräch über den heiligen Hubertus – morgen Montag feiern wir ja seinen Namenstag. Dabei meinte die Frau, dieser müsse doch bestimmt dem Fleischverzehr abgeschworen haben, nachdem ihm der Hirsch mit dem Kreuz zwischen dem Geweih erschien. Ob dem so war, wissen wir nicht, es ist eine Legende. Uns Jägern ist sie trotzdem wertvoll; die Hubertuslegende dient als Vorbild für das Mass halten und für den respektvollen Umgangs mit der Kreatur ganz allgemein, mit dem Wild im speziellen.

In der Jägersprache, oder korrekt ausgedrückt in unserer Weidmannssprache verwenden wir dafür den Begriff der Weidgerechtigkeit. Darunter verstehen wir Jäger, dass wir mit der Kreatur, also mit dem uns anvertrauten Wild, anständig und korrekt umgehen. Oder, um es etwas philosophisch auszudrücken, es geht grundsätzlich um die Jagdethik und damit verbundene ist auch die Moral.
Ein Gedicht von Oskar von Riesenthal bringt gut zum Ausdruck, was wir unter Waidgerechtigkeit verstehen, auch wenn wir unsere Gedanken nicht so kunstvoll zu Papier zu bringen können.

In der ersten Strophe heisst es:

Das ist des Jägers Ehrenschild,
dass er beschützt und hegt sein Wild,
waidmännisch jagt, wie sich’s gehört,
den Schöpfer im Geschöpfe ehrt.

Selbstverständlich freuen wir Jäger uns an einer schönen Trophäe, aber es ist nicht der Trophäenkult, auch nicht der Hunger nach Wildbret und schon gar nicht die Lust am Töten, was uns an der Jagd fasziniert. Das wird uns Jägern zwar immer wieder und gerne unterstellt. Wir jagen, weil uns die Natur am Herzen liegt – so widersprüchlich dies für Nichtjäger auch klingen mag.

Wildtiere sind für uns keine Gegenstände, es sind auch keine seelenlose Maschinen. Wir nutzen und bejagen die Bestände nach den Prinzipien der Jagdethik oder eben der Weidgerechtigkeit, und selbstverständlich auch nach den Regeln des Tierschutzes. Wir schiessen nicht auf alle Distanzen und auch nicht, wenn wir das Tier vorher nicht angesprochen haben. Ein guter Jäger zu heisst auch, Jagdkultur zu pflegen und Traditionen zu bewahren. Dass wir dabei auch den Wandel der Zeit zu akzeptieren haben, das fällt uns, speziell auch mir – das sie hier zugegeben – manchmal ziemlich schwer.

Für mich ist es die sprichwörtliche Urtümlichkeit der Jagd und des Jagens, was mich fasziniert. Es ist weit mehr als ein Hobby, es ist eine Passion, manchmal noch mehr, eine Leidenschaft. Man kann es nicht gut in Worte fassen, man muss es erleben.
Im Herbst auf der Treibjagd, man ist ob des Hundegeläutes angespannt bis in die letzte Faser des Körpers. Das Auge korrespondiert über das Gehirn unwillkürlich mit dem Finger am Abzugsbügel, das Herz schlägt schneller, der Atem kurz und leise.
Ganz anders an einem schönen Frühlingsmorgen. Da sitzt man bedächtig in der Stille am Waldrand, wartet in der Dunkelheit auf das Ende der Nacht, es dämmert langsam, der Tag erwacht, auf einmal beginnt das Konzert der Vögel, man lauscht, beobachtet, sinniert vor sich hin; ist mittendrin in der Natur, und doch allein. Der Sternenhimmel ist erloschen, am Horizont färbt sich der Himmel rot. Ich verweile, hoffe auf den ersten Kuckucksruf in diesem Jahr. Dann kommt mir jeweils Reto Stadelmanns „Bärgandacht“ in den Sinn, dort, wo es am Schluss heisst „Herrgott hesch Du d‘Wäut schön gmacht“.

Vermutlich hat es auch etwas mit dem Alter zu tun. Immer öfter gehe ich auf die Pirsch – in diesem Jahr musste das allerdings zurückstehen – hänge die Bockbüchse um, aber das Schiessen, das hat noch Zeit. Es gibt für mich kaum etwas Schöneres als frühmorgens langsam zu pirschen, dann an einem schönen Platz zu verweilen, zu lauschen und nach einem Wildtier Ausschau zu halten.
Gerade auch jetzt im Herbst, wenn die Sonne die letzten Nebelschwaden zum Verschwinden bringt und das bunte Laub zu leuchten beginnt. Wenn ich das Glück habe, auf ein Tier zu stossen, es zu beobachten und dann zu merken, dass auch es mich beobachtet, sind das schöne Momente. Da kann ich mir gut vorstellen, wie Hubertus die Erleuchtung kam.
Es braucht nicht immer einen Schuss, um als Grünrock einen glücklichen, erfüllten Tag zu erleben.

Etwa so habe ich der Mitarbeiterin der Parlamentsdienste meine Jagdphilosophie erklärt. Eine Jägerin wird sie definitiv nicht, trotzdem. Sie könne nun den Sinn der Jagd etwas besser nachvollziehen, meint sie. Aber man müsse wohl in die Jagdkultur hineingeboren werden, um sie so zu verstehen und leben zu können.
Sie wird weiterhin nur Pilze sammeln – und sich das Wildbret dazu auf dem Markt besorgen.