Es gilt das gesprochene Wort!
Guten Abend miteinander, geschätzte Damen und Herren
Sehr geehrter Herr Werner Schneyder - Sie haben uns ja verschiedene bemerkenswerte Sätze mit auf den Weg ins Leben hinaus gegeben. Einer davon lautet: „Realsatire ist, wenn man sich über einen Politiker totlacht und dabei wirklich stirbt.“
Es kann also gefährlich sein, wenn sich die Politik auf die Bühne der Satire, des Kabaretts, der Kleinkunst wagt. Gefährlich für Sie, geschätzte Damen und Herren – und vermutlich noch gefährlicher für mich. Trotzdem oder gerade deshalb möchte ich mich bedanken für die Einladung. Es ist mir eine Ehre heute bei Ihnen sein zu dürfen. Selbstverständlich gebe ich mir alle Mühe, damit wir den Schluss und Höhepunkt des heutigen Abends möglichst unbeschadet über die Runden bringen.
Humor und Politik – das ist in der Tat so eine Sache. Obschon es auch humoristische Einlagen im Parlament gibt; teils gewollt und teils ungewollt. Tosenden Applaus hat das zwar meistens nicht zur Folge, aber durchaus ein paar Lacher hier und dort – halt bei jenen, die gerade im Saal sind. Anschliessend gibt es einen Eintrag im Wortprotokoll der Ratsdebatte, der folgerichtig „Heiterkeit“ lautet und in Klammern gesetzt wird. Alle Wortprotokolle sind online aufgeschaltet auf der Website des Parlaments. Wer also will, ist herzlich eingeladen, darin nach Heiterkeit zu suchen.
Meistens sind es übrigens nicht die Ratsmitglieder selber, die für Heiterkeit sorgen; auch nicht die Ratspräsidentin, nein; sondern eher die anwesenden Mitglieder des Bundesrates, der Landesregierung. Moritz Leuenberger, unser Umweltminister, ist ja bekannt für seine Ironie, auch Selbstironie. Aber auch der ehemalige Kulturminister Pascal Couchepin ist in diesem Zusammenhang erwähnenswert.
Als wir Ende 2008 über das Kulturfördergesetz debattiert haben, wurde Herrn Couchepin eine Frage gestellt, deren Antwort bestimmt auch Sie, geschätzte Damen und Herren, interessiert. Nämlich die Frage, wieso den Milizparlamentariern ein Teil der Sozialabzüge beim Lohn vom Bund bezahlt werden – den Kunstschaffenden aber nicht. Herr Couchepin antwortete, dass es sich bei den Parlamentsmitgliedern einerseits und den Kunstschaffenden andererseits um zwei völlig unterschiedliche Gruppen handelt, die man nicht vermischen dürfe. „Obwohl“, fuhr er dann wortwörtlich fort, „obwohl es von Zeit zu Zeit lustiger wäre, mit Kunstschaffenden zu arbeiten anstatt mit gewissen Parlamentariern.“
Im Protokoll wurde vermerkt: (Heiterkeit)
Und um die Aktualität nicht ausser Acht zu lassen: Es ist immerhin unsere amtierende Bundespräsidentin, die den diesjährigen und in der Schweiz erstmals vergebenen Humorpreis erhalten hat. Dank eines spontanen und mitreissenden Lachanfalls im Parlament währen Ausführungen zu speziellen Pferde-Prüfungen, in welchen getestet wird, ob Pferde Angst vor unbekannten und furchterregenden Gegenständen haben.
Nun, heute Abend geht es aber bekanntlich nicht um eingeschüchterte Pferde, sondern um ausgerissene Stiere. Ausgerissen aus Salzburg – und seither auf der Reise, auch immer mal wieder in der Schweiz, was mich natürlich freut. Diese höchst begehrten Stiere, renommierten Preise, stehen heute Abend im Zentrum – gemeinsam mit drei ausserordentlich spannenden Persönlichkeiten, welche diese Preise verdientermassen entgegennehmen dürfen.
(Laudatio Michel Gammenthalter)
Ich möchte alles andere als bluffen heute Abend – und trotzdem sage ich nicht ohne Stolz: Mit dem ersten Preisträger verbinden mich mindestens zwei Punkte.
Erstens: Wir wohnen beide im wunderschönen Kanton Aargau. Der Unterschied: Ich bin auch dort geboren und aufgewachsen, er ist aus pragmatischen Gründen mit seiner Familie zugezogen. Was uns im Aargau natürlich freut!
Zweitens: Wir haben beide mit 7 Jahren dasselbe Geschenk zu Weihnachten erhalten. Der Unterschied: Er hat etwas daraus gemacht, ich nicht. Das Geschenk war: Ein Zauberkasten! Es geht allerdings das Gerücht um, dass es gar nicht wirklich sein Geschenk war, sondern jenes der Cousine, das er sich dann einfach für ziemlich lange Zeit ausborgte.
Michel Gammenthaler hat es nicht beiden Kinder-Zauberkästen sein lassen. Er lernte schon mit acht Jahren Englisch; einfach deshalb, weil offenbar die wirklich wichtigen und guten Zauberei-Bücher in englischer Sprache geschrieben sind.
Blenden wir zurück: Zum 10. Geburtstag versprechen die Eltern Michel eine tolle Überraschung. Er wartete gespannt auf den Moment, wenn... Und dann - die grosse Enttäuschung! Denn die Überraschung ist bloss ein irgendwie entfernter Bekannter, der zu Besuch kommt. Aber plötzlich, plötzlich rennt Michel zur Mutter in die Küche sagt: "Ich weiss, was die Überraschung ist! Er ist ein Zauberer!" Als die Mutter erstaunt fragt, wie er das so schnell herausgefunden hat, lautet Michels Antwort: "Wegen den Fingern! Er hat die Hände eines Zauberers!" Eine schöne Geschichte; sie zeigt, wie tief Michel Gammenthalers Verbundenheit zum Zauber und zum Zaubern geht.
Überhaupt ist es so eine Sache mit dem Verzaubern, mit der Verführung in eine andere Welt. Michel sieht diese Aufgabe fast als Gegenstück zur anderen Kunst, der er sich widmet: der Comedy. Als Zauberer lockt er uns in eine andere Welt, in der alles möglich scheint und alles möglich wird; mit der Comedy holt er uns wieder auf den harten Boden der Realität zurück.
Er verbindet verschiedene Welten, baut Brücken zwischen Magie, Schauspiel und einer ganz eigenen Art der Stand-Up-Comedy. Sein Stil? „Gammenthaler“. Er sagt: „Nicht die perfektionierte Technik macht einen guten Zauberer aus, sondern die Persönlichkeit.“ Ich glaube, wir können
dem zustimmen. Herzliche Gratulation, Michel Gammenthaler!
(Laudatio Wilfried Schmickler)
Die künstlerischen Wurzeln des nächsten Preisträgers sind zwar nicht in der Politik zu suchen – aber in dem, als was das Politik manchmal bezeichnet wird: im absurden Theater.
Wilfried Schmickler ist schon länger auf den deutschen Kleinkunstbühnen aktiv als es den Salzburger Stier gibt: als Kabarettist, Satiriker, Fernseh- und Radio-Macher, in verschiedenen Formationen und seit 8 Jahren als Solist. Wilfried Schmickler, so heisst es, gehört zur deutschen Kabarettszene wie sein Lieblingsverein Bayer Leverkusen zur Fußball-Bundesliga.
In der „Süddeutschen Zeitung“ konnten wir über ihn lesen: Er sei „ein brillanter Moralist, der weiß, dass er die Welt nicht verändern kann. Er weiß aber auch, dass er sie deswegen noch lange nicht hinnehmen muss.“ Solche Aussagen gehen bei Politikerinnen und Politkern natürlich runter wie Butter. Wunderschön!
Ich wollte noch ein bisschen mehr wissen über diesen brillanten Moralisten. Nicht über seine Programme wie das aktuelle Programm «Es war nicht alles schlecht», in welchem er seinen kabarettistischen Blick «zurück nach vorn» richtet, getreu dem Motto: Prügel, wem Prügel gebührt. Ich wollte auch nicht unbedingt mehr wissen über seine Radio-Einsätze, wenn er jeweils zu Wochenbeginn kurz vor 11 Uhr im Radio die WDR2-Montagsfrage stellt. Und auch nicht unbedingt über seine Preise, von denen er schon so einige eingeheimst hat - wie den Deutschen Kleinkunstpreis mit dem «3Gestirn», den Prix Pantheon oder den Deutschen Kabarettpreis.
Nein, ich wollte wissen, wie er denn sonst so ist, einfach als Mensch. Worauf ich eine für ihn sehr, sehr schmeichelhafte Auskunft erhielt, nämlich: „Wilfried Schmickler ist charmant und liebenswürdig, er ist schlagfertig, humorvoll, er ist manchmal ein bisschen laut, er hasst die Dummheit, er kämpft gegen soziale Ungerechtigkeit, er trinkt gerne mal ein, zwei, drei Kölsch, er qualmt wie ein Schlot, er erzählt kunstvoll die ältesten Witze - er ist ein wunderbarer Künstler. Und das Beste: Wenn er das hört, dann wird er wohl sogar noch rot dabei.“ Herzliche Gratulation, Wilfried Schmickler!
(Laudatio Werner Schneyder)
Zurück zu Ihnen, Herr Schneyder. Ihnen ist vor einem Jahr „etwas passiert“: Ein neues Programm. Darum sind sie zurück auf der Bühne – und das ist gut so.
Werner Schneyder ist ein Mann mit zwölf Leben, von denen er in einem Selbstporträt schrieb. Und in der Tat ist es die Vielseitigkeit, die ihn auszeichnet: Zum Beispiel seine Engagement als Sportjournalist, das meinen Mann begeistert, oder seine Auseinandersetzung mit Erich Kästner, die mich begeistert. Weiter
Werner Schneyder als Dramaturg, als Autor und als politischer Kabarettist, als Weiß-Clown, der immer alles besser weiss,
als Moderator von Talkshows. Man darf eigentlich gar nicht anfangen aufzuzählen – man läuft umgehend Gefahr, etwas zu vergessen… zum Beispiel die Musik, die hier auch noch erwähnt sein muss.
Das Werk von Werner Schneyder ist geprägt von Gesellschaftssinn – und machmal auch Wut. Wut darüber, dass „alles scheinbar so ungehört verhallt ist“, wie er es nennt. „Der Betrug an den Menschen“ war ihm immer schon Anlass zur intellektuellen Gegenrede – und oft fand diese auf Bühnen statt.
Heute vor einer Woche haben Sie, Herr Schneyder, und ich uns mit dem gleichen Thema auseinandergesetzt: mit der Arbeit. Sie haben in bemerkenswerten Gedanken zum 1. Mai den Begriff „Recht auf Arbeit“ in Frage gestellt und einen neuen Begriff kreiert: „das Recht auf Brutto-Sozialprodukt-Anteile“. Für den nächsten 1. Mai werde ich mir dieses Wort und die ihm von Ihnen zugemessene Bedeutung gerne genauer vorknöpfen.
Es wurde ja schon viel darüber gesprochen und geschrieben, dass Werner Schneyder vor 13 Jahren der Meinung war: „mit 60 höre ich auf“. Hätte damals jemand mit ihm gewettet, er würde ja doch ein Comeback geben, er wäre mit hohem Einsatz in die Wette eingestiegen und hätte teuer dafür bezahlt. Ja, er ist wortbrüchig geworden und er steht dazu,
denn er wurde aus Überzeugung wortbrüchig.
Wer ein Comeback gibt mit so viel Know-How und Routine und über 35-jähriger Kabaretterfahrung, der könnte ja dazu neigen, das Neue und Aufstrebende eher kritisch zu sehen. Nicht so Werner Schneyder: Er freut sich über die Neuen in der Szene und er sagt das auch.
Wie ich erfuhr, arbeitet Werner Schneyder sehr exakt – so exakt, dass man schon fast das Klischee einer Schweizer Präzisions-Uhr hinzuziehen darf als Vergleich. Formlosigkeit, so sagt er, widerstrebt ihm zutiefst: „Satire, wenn wir jetzt Kabarett als szenische Satire begreifen, muss nachweisen, warum. Alles andere interessiert mich nicht. Wenn jemand Witze über Politiker macht, seien sie noch so brillant, wenn man mir nicht klar macht, warum er es macht, dann interessiert es mich nicht. Wenn man Leute manchmal diffamiert, was in der Satire unerlässlich ist, muss ich wissen, wie das gerechtfertigt ist. Mit welchem soziologisch-ethischen Ansatz. Wenn dieser Ansatz nicht da ist, interessiert mich auch der Witz nicht.“
Mit der heutigen Preisvergabe an Werner Schneyder schliesst sich auf geradezu harmonische Art und Weise ein Kreis: Ein Mann der ersten Salzburger Stier – Stunde darf heute den Ehrenpreis entgegen nehmen.
Einer der persönlichen Gründe für das Comeback von Werner Schneyder ist, dass auch die heute 30-Jährigen von ihm wissen sollen. Als 33-Jährige darf ich sagen: Das ist Ihnen gelungen, Herr Schneyder – und nicht nur das! Wir gratulieren Ihnen von Herzen zum wohlverdienten Ehrenstier.