Es gilt das gesprochene Wort!



 

 

Sehr geehrte Damen und Herren

Wenn man diesen Raum betrachtet, einen Ort der Ruhe und Konzentration, kann man sich nur schwer vorstellen, dass hier kontrovers und zuweilen lautstark debattiert worden ist. 44 Jahre lang tagte in der Parlamentsbibliothek der Nationalrat bis er 1902 ins neue Parlamentsgebäude umsiedeln konnte. In diesen 44 Jahren wurde hier die moderne Schweiz gestaltet, nach Ideen herausragender und visionärer Politiker. Einer davon war Alfred Escher. Ein Stück seiner Lebensgeschichte kehrt heute Abend in diesen Raum zurückkehrt.

Escher wurde am 15. Oktober 1848 in den Nationalrat gewählt, dem er bis zu seinem Tod 34 Jahre lang ununterbrochen angehörte. Er war einer der wenigen, die es mehrmals auf den Präsidentenstuhl schafften: nämlich vier Mal, wobei er einmal aus gesundheitlichen Gründen die Wahl nicht annahm. Ich kann Ihnen versichern, diesbezüglich keine Ambitionen zu haben. Und sollte ich auch nach diesem Jahr Lust auf mehr verspüren, meine Kolleginnen und Kollegen werden es nicht dazu kommen lassen.

Sie werden es mir nicht übel nehmen, wenn meine kurze Würdigung halt auch ein bisschen heimatgeprägt ist – Aus der Luzerner Optik ist Alfred Escher natürlich nicht nur eine gewichtige, sondern auch eine nicht unumstrittene Figur. Als Wortführer der Sonderbundsgegner und Kopf der Antijesuitenbewegung wurde er von den konservativen Luzernern angefeindet. 1847 wurden die konservativen Kräfte bekanntlich im Sonderbundskrieg militärisch besiegt. Damit war der Weg zur Gründung des Bundesstaates geebnet.

Mit der Niederlage im Sonderbundskrieg und mit der sich durchsetzenden radikal-liberalen Hegemonie im neuen Bundesstaat, meldete sich die katholisch-konservative Schweiz 1848 vorerst einmal ab. Auf Jahre und Jahrzehnte hinaus blieben die Verlierer des Sonderbundskriegs von den höchsten Ämtern und Funktionen des Staates ausgeschlossen. Dies änderte sich letztlich erst mit der Wahl des katholisch-konservativen Luzerners und Entlebuchers Josef Zemp zum Bundesrat am 17. Dezember 1891. Das war ein historischer Kompromiss zwischen Freisinn und der kath.-konservativen Opposition.

Im Parlament war Eschers Erzrivale der katholisch-konservative Luzerner Nationalrat Philipp Anton von Segesser. Mit ihm stand Escher auf Kriegsfuss. Mit anderen Luzerner Parlamentariern war er hingegen befreundet – sofern sie dem liberalen Lager angehörten. Ein freundschaftliches Verhältnis pflegte er mit dem ersten Luzerner Nationalratspräsidenten Jakob Robert Steiger, was sich auch in ihrem Briefwechsel widerspiegelt. Spätestens mit dem Gotthardprojekt stimmte Escher auch meinen Kanton versöhnlicher, ein Projekt der Superlative, das ja auch gerne mit dem Bau der Cheops-Pyramide verglichen worden ist. Die Gotthardbahn ermöglichte Luzern den Anschluss an die verkehrspolitisch und wirtschaftlich bedeutende Nord-Süd-Achse. Für dieses grandiose Bauwerk sind wir Alfred Escher bis heute dankbar. Diesen Dank hat ihm die offizielle Schweiz 1880 beim Durchbruch und zwei Jahre später bei den grandiosen Eröffnungsfeierlichkeiten in Luzern leider nicht ausgesprochen.   Meine Damen und Herren Herausragende Persönlichkeiten sind mitunter auch schwierige Charaktere. Das trifft auch auf den Machtmenschen Escher zu. Er trieb in seinem Heimatkanton das System Escher dermassen auf die Spitze, dass dieses zu einem Motor einer Bewegung wurde, die zwischen 1867 und 1869 eine unblutige demokratische Revolution zustande brachte. Und so wurde der Kanton Zürich mit dem Sturz von Eschers Liberalen zum Pionier der „direkten Demokratie“. Das wiederum führte - unter Mitwirkung der Katholisch-Konservativen – 1874 zur Einführung des fakultativen Referendums und 1891 zum Initiativrecht auf eidgenössischer Ebene. Für mich als ehemaliges Mitglied der Staatspolitischen Kommission, dem die Volksrechte ein grosses Anliegen sind, ist dies eine interessante Komponente im Zusammenhang mit Eschers Biografie.  Auch wenn der Rest der Schweiz gelegentlich über Zürich lästert, so dürfen wir dem Kanton uneingeschränkt zu Gute halten, dass er wesentlich an der Demokratisierung der Schweiz mitgewirkt hat, in welcher der Machtmensch Escher unfreiwillig einer ihrer Paten war. Das nennt man bekanntlich: die Ironie der Geschichte.  

Meine Damen und Herren
Ich freue mich, das Wort nun Prof. Dr. Joseph Jung zu übergeben, dem Geschäftsführer und Leiter Forschung der Alfred Escher-Stiftung. Er wird in seinem Referat auf die thematischen Schwerpunkte von Band 5 der Briefedition eingehen, der in diesen Tagen erschienen ist. Herzlichen Dank, dass Sie Ihr Buch an diesem historisch bedeutenden Ort präsentieren. Danken möchte ich auch Jean-Claude Hayoz und seinem Team für die hervorragende Dienstleistungen. Zusammen mit der Alfred Escher-Stiftung hat Herr Hayoz hier im Saal eine kleine Ausstellung mit „Escheriana“ aufgebaut – mit interessanten Briefen und weiteren Gegenständen. Ich danke bei dieser Gelegenheit Frau Adelheid Jann, Vizedirektorin des Bundesarchives, für die zur Verfügung gestellten Originale. Schliesslich weise ich gern darauf hin, dass im Anschluss an das Referat die Alfred Escher-Stiftung zu einem Apéro einlädt. Auch dafür herzlichen Dank.  

Und nun, Herr Jung, bitte.