Es gilt das gesprochene Wort 

Die Bedeutung der Stadt-Land-Thematik im nationalen Kontext

Sehr geehrter Herr Präsident
Sehr geehrter Her Ständerat Hans Stöckli
Geschätzte Vereinsmitglieder
Sehr geehrte Gäste

Es ist mir eine Ehre und eine Freude – sozusagen als temporärer Hausherr - Sie im Parlamentsgebäude begrüssen zu dürfen. Ich danke dem Präsidenten Ueli Haldemann herzlich für seine Einladung.

Der junge Verein Stadt-Land Plattform.CH ist bekanntlich ein Kind des „Eggiwiler Symopsiums“; und damit ist auch gesagt, dass sie das Kind guter Eltern ist. Die Stadt-Land Plattform hat, als sie vor einem Jahr gegründet wurde, eine gesellschafts- und staatspolitische „Marktnische“ gefüllt. Weshalb? Das konfliktgeprägte, aber nie getrennte Paar Stadt-Land gehört zur schweizerischen Identität: jede Einwohnerin und jedem Einwohner ist dieser Begriff vertraut. Aber, die Entwicklung der letzten Jahre hat dieses etwas ungleiche Paar mehr als es ihm lieb war, mit sich selber beschäftigt. 
Das Paar Stadt-Land existiert offiziell, seitdem die Gründer der modernen Schweiz die Kantone zu Republiken gemacht haben. Die souveränen Kantone sind 1848 als Gegengewicht zu den damals mächtigen Städten der alten Eidgenossenschaft geschaffen worden. In unserem Zweikammersystem vertritt der Ständerat die ländliche Komponente unseres Willensstaates.

Demgegenüber fordert im Moment die Stadtpräsidentin von Zürich für ihre und andere Städte einen Ständerat. Für heute lassen wir dieses neue Thema beiseite.

Zwar rücken heute die kantonalen Grenzen in den Hintergrund, wenn es sich um Dienstleistungen, Verkehr und Infrastruktur handelt. Ja, das Land der Eidgenossen hat sich geändert seit 1848. Früher lagen die Städte mitten in einem grossen flachen oder bergigen Lande. Heute ist es bald umgekehrt: Der ländliche Raum gleicht Inseln, welche eingerahmt sind von Städten, Agglomerationen und Zentren.

Ob Stadt oder Land, die Schweiz ist seit einigen Jahren ein gigantischen Baustelle. Die Wohnbautätigkeit ist so hoch wie nie zuvor. Besonders groß war sie 2012 in Luzern und Zürich. In der größten Schweizer Stadt kamen mit über 2‘000 Wohnungen fast doppelt so viele auf den Markt wie zwei Jahre davor. Im fünfmal kleineren Luzern waren es fast 900 Wohneinheiten: Mit 2 Prozent wies die Zentralschweizer Metropole die höchste Neubauquote großer und mittlerer Städte auf. Im Arc Lémanique kommt der Phenomen noch stärker zum Ausdruck. Vielleicht ist die gestrige Ablehnung des hohen Turmes Taoua mit der Angst der Bürger von Lausanne vor der rasanten Entwicklung der lemannischen Region verbunden.

Nach einer Studie des Nationalforschungsfonds wird die Bevölkerung bis 2030 noch wesentlich zulegen. Etwas langsamer in den Gürteln der Grosszentren, in den peri-urbanen ländlichen Gemeinden, in den Agrargemeinden und in den touristischen Gemeinden; mehr in den Klein- und den Nebenzentren.

Die Ränder der Agglomerationen, die Gürtel der Grosszentren wie auch die Gürtel der Mittelzentren werden überproportional wachsen im Vergleich mit den Zentren selbst und den peripheren Regionen. So werden einerseits die ländlichen Zonen weiter für eine gut ausgebaute Infrastruktur kämpfen, und die Peripherien anderseits möchten eine sparsame Nutzung des Bodens.

Gerade in der jüngeren Vergangenheit ist die beschränkte Verfügbarkeit des Bodens sowohl in der Bevölkerung als auch in der nationalen Politik wieder vermehrt ins Bewusstsein gerückt. Ausdruck dieser durchaus berechtigten Besorgnis sind beispielsweise die vom Volk angenommene Zweitwohnungsinitiative oder die Revision des Raumplanungsgesetzes.

Man darf sich fragen, ob die Verstädterung ländlicher Regionen ein Naturgesetz der modernen Gesellschaft ist. Auch wenn dem so wäre, die Ausdehnung urbaner Wohnsiedlungen, der Nutzungswandel des ländlichen Raumes, die Intensivierung der Verkehrsströme zwischen Stadt und Land muss auf nationaler Ebene besser begleitet werden.

Dank der Teilrevision des Raumplanungsgesetzes und die Revision der Raumplanungsverordnung, die auf den 1. Mai 2014 in Kraft treten, können Politik und Verwaltung diese Veränderungsprozesse aktiver als bis anhin zum Wohl der Gesellschaft gestalten.

Das eingangs erwähnte Stadt-Land Paar ist nicht gealtert – es bleibt wohl ewig jung - es hat sich aber im Lauf der Zeit verändert. Frage: Ist es in Gefahr, weil der  Zwischenraum dazwischen je länger je mächtiger wird; dieser Zwischenraum – der sogenannte Gürtel - wird mehr und mehr zu einer eigenen Sphäre. Die Mentalitäten und Lebensweisen aus Stadt und Land prallen in diesem neuen Raum aufeinander. Der Agglomeration kommt zunehmend die Schiedsrichterrolle im Verhältnis zwischen Stadt und Land zu. Und dieser Schiedsrichter entscheidet nach eigenem Gutdünken, einmal so und einmal anders.

Gehört das alte gute Leben auf dem Land langsam zur Vergangenheit? Bleibt die Unterscheidung zwischen Stadt und Land zuverlässig? Sind die Gegensätze zwischen ländlichen und urbanen Lebensweisen immer noch relevant?  Der Stadt-Land Unterschied wird nach Volksabstimmungen immer wieder sichtbar. Letztmals, bei der Initiative „Gegen Massenwanderung“ war es ein klares soziologisches Kriterium.

Erlauben Sie mir noch ein persönliches Beispiel zu geben. Die meisten von Ihnen wissen es: Wald, Holz und Wild gehören zu meiner Passion. Die Bäume und das Holz aus dem Wald waren, so lange ich meine Schreinerei führte, der Rohstoff für meine Produkte, und das Wildbret deckt auch heute noch regelmässig unseren Familientisch.
Als Schreinermeister aus Romoos habe ich mich immer ländlicher als urbaner gefühlt. Als ich als Grossrat gewählt wurde, wusste ich anfänglich nicht, wo das Regierungsgebäude in Luzern zu finden ist. Selbst während meines Präsidialjahres in Bern sehne ich mich nach den Wochenenden, in denen ich im Napfgebirge den Sonnenaufgang erleben kann.

Wenn ich im Revier dem Rehbock ansitze, ist es mir ganz bewusst: Wenn ich schiesse, wird der Rehbock sterben. Die Jagd, die Pirsch gehört zu den ländlichen Sitten und Gewohnheiten, sie ist ein Teil einer Jahrhunderte  alten Tradition und Kultur. Dabei sehe ich mich als Erbe jener Zeit, als die Menschen dank der Jagd überleben konnten.

Für mich hat die Jagd etwas Sakrales. Man schießt nicht irgendwann, irgendwelche Tiere auf irgendwelche Weise. Es gibt Regeln und es gibt Tabus. Und, Rituale ehren und veredeln die Tiere. Die Verbindung zum Wild ist ohne Affekt. Sie besteht vielmehr in der Bewunderung dieses schönen und mächtigen Ausdrucks der Natur.

Demgegenüber beobachte ich bei den Kritikern der Jagd - sie kommen vorwiegend aus städtischen Gebieten - eine Übersensibilität, weil sie vom traditionellen Leben mit der Natur irgendwie getrennt sind. Sie spüren Mitleid mit dem toten Reh, aber viel weniger mit dem Wildschwein. Sie haben Mitleid mit dem Häschen oder mit den jungen Bären im Park, essen aber ohne jeden Hintergedanken Poulet oder Kalbfleisch.
Demgegenüber ist die Bevölkerung auf der Landschaft skeptisch, manchmal sogar abneigend zur alternativen Kunst und Kultur in der Stadt. Und trotzdem hat diese in der Eidgenossenschaft ihre Akzeptanz und Berechtigung.

Also: Ländliche und städtische Einstellungen werden und müssen sich nie völlig versöhnen. Die Kultur und die Lebenserfahrungen sind nach wie vor grundsätzlich anders auf dem Land und in der Stadt. Wir müssen uns aber darüber austauschen, damit wir respektvoll unsere Eigenschaften leben können. Das bedingt ein gutes Mass an Toleranz und gegenseitigem Respekt.

Die Schweiz steht vor einem Dilemma: entweder verstärkt und vergrössert sie die existierenden Städte und Zentren oder sie lässt das ganze Mittelland, den grossen Teil der Jurakette und einen Teil der Voralpen in einer breiten urbanen Zone mit 80 Prozent der Bevölkerung verschmelzen. Das Land der Eidgenossen hatte 1848 die Städte nicht bedingungslos geliebt. Und, so ist es vermutlich auch heute noch. Es sieht sich heute eher wie ein grosses Dorf als wie eine urbane Vernetzung.

Das darf so sein, ohne dass damit freundeidgenössische Gepflogenheiten verletzt werden. Das Spannungsfeld Stadt-Land bietet auch Chancen. Zentren, Agglomerationen, isolierten Städte, ländlichen Gemeinden: diverse Standpunkte, Wahrnehmungen und Interessen. Das Erfolgsrezept der Schweiz ist ihre Einheit in der Vielfalt. Aus dieser Vielfalt von Meinungen und Wirklichkeiten wird die Schweiz der Zukunft skizziert. Ich freue mich in diesem Sinne auf weitere Konfrontationen und Diskussionen mit städtischen Mitbürgern. Über den freien, lieben Wolf  oder den Lärm der Kirchglocken, über die alternative Kunst, zum Beispiel.

Viele Fragen bleiben offen, so wie das in der Politik die Regel ist:

  1. Wie verändert die Verstädterung das Leben der Menschen in den Gemeinden, die ehemals von der Landwirtschaft dominiert wurde?
  2. Wie wandeln sich die sozialen Beziehungen im Alltag?
  3. Was wird aus den kulturellen, religiösen und politischen Orientierungen?

 

Die Plattform Stadt/Land ist zum richtigen Zeitpunkt gegründet worden. Sie hat vieles zu tun. Ich wünsche dem Verein viel Erfolg und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.