Es gilt das gesprochene Wort.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger
Geschätzte Vertreterinnen und Vertreter von Bund, Kantonen und Gemeinden
Werte Gäste und Besucherinnen und Besucher der Schweiz
Für einen französischsprachigen Nationalratspräsidenten ist es eine grosse Ehre und ein unvergessliches Erlebnis, eine 1.-August-Rede in der Deutschschweiz und dazu erst noch am schönen Bodensee zu halten.
Liebe Organisatorinnen und Organisatoren, mit dieser Einladung eines Redners aus der Romandie haben Sie ein starkes politisches Zeichen gesetzt. Sie bekennen sich damit klar zu den drei Kulturen, vier Landessprachen und 26 Kantonen, welche 1848 entschieden haben, sich in der Eidgenossenschaft zu vereinen.
Anfang Juli dieses Jahres haben Bundesbern und die Schweiz die Parlamentarierinnen und Parlamentarier der Frankophonie empfangen. Dieser Gipfel versammelte Abgeordnete aus aller Welt. Das war eine schöne Hommage auf das Französische als Teil unserer nationalen Identität. Damit bot sich uns auch die Gelegenheit, auf die kulturelle und sprachliche Vielfalt unseres Landes hinzuweisen. Und Rorschach empfängt heute Abend mit mir nicht nur einen französischsprachigen, sondern auch einen Walliser Präsidenten der Bundesversammlung. Das ist ein weiteres starkes Zeichen. Denn am kommenden 7. August feiern wir in Sitten das 200-Jahr-Jubiläum unseres Beitritts zur Schweizerischen Eidgenossenschaft.
Ja, wir wollen zusammenleben, wir wollen das Miteinander, und ich bin sehr glücklich, heute mit Ihnen zusammen diese vielfältige Schweiz und die Schweizerinnen und Schweizer zu feiern, die sich Tag für Tag für den Brückenschlag zwischen den Regionen und Bewohnern unseres Landes einsetzen.
Meine Damen und Herren
Die Schweiz ist das, was wir aus ihr machen. Und sie wird zu dem werden, was wir aus ihr machen wollen. Gerade heute, am 1. August, müssen wir die idyllischen Bilder, die Gründermythen und die gefälligen Klischees unseres Zusammenlebens in den Hintergrund stellen. „Die Schweiz existiert nicht“, so lautete in den Neunzigerjahren das Schlagwort von Ben Vautier. Das will heissen, dass unser Land nur existiert, wenn wir uns einander annähern, wenn wir versuchen, uns zu verstehen, und zwar sowohl auf persönlicher als auch auf politischer Ebene.
Die Schweiz, das sind Brücken zwischen ganz unterschiedlichen Regionen, städtischen, ländlichen, begüterten und weniger begüterten. Schweiz, das bedeutet auch, aufeinander neugierig sein, damit unsere kulturellen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und geografischen Besonderheiten in unseren politischen Projekten zum Tragen kommen. Dies gilt besonders für die Solidaritätsinstrumente. Ich denke hier an die öffentlichen Dienste, die Sozialversicherungen und den Finanzausgleich, jene Instrumente also, mit denen das Miteinander in unserem Land ausgestaltet wird.
Denn das Miteinander, sei es in der Schweiz oder anderswo, ist kein Selbstläufer. Es setzt die Verantwortung des Bürgers und der politischen Behörden voraus. Das Miteinander steht auch für unsere Fähigkeit, Spannungen zu überwinden: Spannungen zwischen der Romandie und der Deutschschweiz, zwischen den Industrieregionen des Mittellandes und den Randregionen, zwischen Berg und Tal, zwischen Stadt und Land.
Politische Fronten bilden sich besonders dann, wenn es darum geht, die finanzielle Solidarität zwischen den Kantonen zu definieren oder den Regionen Mittel zuzuteilen, beispielsweise im Verkehrsbereich. Immer, wenn im Parlament solche Gräben aufbrechen, müssen wir uns klar für eine einheitliche und dynamische Schweiz bekennen.
Auf diese Weise stärken wir den sozialen Zusammenhalt in unserem Land. In unserer von Individualismus und Egoismus geprägten Zeit wird leicht vergessen und unterschätzt, welche Folgen eine Schwächung der Schweizer Einheit hätte. Der 1. August stellt eine ausgezeichnete Gelegenheit dar, um daran zu erinnern, dass die Schweiz zerbrechlich ist und dass wir von Sitten bis Rorschach, von Genf bis Pontresina, von Chiasso bis Basel unser Möglichstes tun müssen, um sie zu hegen und zu pflegen.
Wir wollen heute Abend auch an unseren Platz und unsere Rolle in der Welt erinnern. In meinem Amt als Nationalratspräsident ist mir bewusst geworden, welches Ansehen die Schweiz international geniesst. Sie wird als Vorbild für Demokratie, Frieden und Wohlstand gesehen. Wir Schweizerinnen und Schweizer sind dadurch aber auch für die Regeln des globalen Zusammenlebens sowie insbesondere für die Einhaltung der Menschenrechte verantwortlich. Im vergangenen Dezember jährte sich die Ratifikation der Europäischen Menschenrechtskonvention durch die Schweiz zum 40. Mal. Stehen wir mit Stolz für diese Werte ein!
Wichtig für unsere nationale Identität und unseren sozialen Zusammenhalt ist, dass wir uns gegenüber unseren Landessprachen, anderen Kulturen und der Welt offen zeigen. Es gibt keine Schweizerinnen und Schweizer, die schweizerischer sind als andere. Allein die Werte und Taten entscheiden. Es gibt Bürgerinnen und Bürger, welche die Schweizer Werte in Ehren halten und weitertragen, die ihre Institutionen und ihre Behörden unterstützen. Es gibt Bürgerinnen und Bürger, die das Miteinander wollen, die weltoffen und stolz auf ihre Besonderheit sind und die sich um das Wohlergehen ihrer Mitbürgerinnen und bürger, namentlich der schlechter gestellten, sorgen.
Ein friedliches Miteinander, das ist es, was ich uns an diesem 1. August 2015 wünsche. Es lebe die Schweiz! Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Feiertag.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.