Es gilt das gesprochene Wort

 

Die Einladung, am offiziellen Tag des Urner Kantonalschützenfestes die Festrede zu halten, bedeutet für mich eine grosse Ehre. Sie hat mich daher ausserordentlich gefreut und ich bedanke mich sehr herzlich dafür.

Einem Festredner an einem Schützenfest kann nichts Besseres passieren, als Wilhelm Tell an seiner Seite zu wissen. Der deutsche Schriftsteller, Journalist und Revolutionär Karl Ludwig Pfau – er lebte von 1821 bis 1894 – hat in einem Gedicht geschrieben: „Der beste Schütze, den ich weiss, das ist der Wilhelm Tell. Wie schlug sein Herz so kühn und heiss! Wie traf sein Pfeil so schnell!“ Das tönt natürlich für heutige Ohren sehr pathetisch und wir wissen auch, dass die Existenz von Wilhelm Tell historisch nicht belegt ist. Der Tell ist aber ohne Zweifel ein Mythos, und das in positivem Sinne. Mythen sind als Träger von Heimatverbundenheit und Traditionsbewusstsein dort unverzichtbar, wo eine Staatsidee zu erhalten ist.

Feste wie das Urner Kantonalschützenfest sind und bleiben landauf landab Ausdruck unserer vielfältigen schweizerischen Kultur. Wenn auch das Schiessen im Mittelpunkt des Anlasses steht, so geht es nicht minder auch um die Pflege der Freundschaft, der Gemeinschaft und des Bewusstseins um unsere nationale Identität.

Der schweizerische Schützenverein ist 1824 als nationaler Verein gegründet worden. Zusammen mit dem eidgenössischen Turnverein, dem eidgenössischen Sängerverein, aber auch mit Organisationen wie beispielsweise der schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft gehört er zu den vielen Vereinigungen, die wesentlich zur Stärkung des Nationalgedankens und damit zur Gründung unseres Bundesstaates im Jahre 1848 beigetragen haben. Diesen nationalen Verbänden und Organisationen und ihren kantonalen Sektionen und damit auch dem Urner Schützenverband kommt auch heute eine unvermindert grosse, ja eine zunehmende gesellschafts- und staatspolitische Bedeutung zu.

Die Schweiz, wir wissen es, ist eine Willensnation. Die Triebfeder für den Zusammenschluss der Kantone zuerst 1815 zu einem Staatenbund und dann, 1848, zu einem Bundesstaat, ist nicht eine Gleichheit bezüglich Sprache, Kultur, Religion oder Volksgruppe, sondern der – genossenschaftliche – Wille, sich zusammenzuschliessen, um die gleichen und ähnlichen Interessen zu bündeln und sie so besser wahren zu können.

Es ist denn auch kein Zufall, dass unsere Bundesverfassung die Förderung des inneren Zusammenhaltes und der kulturellen Vielfalt als zentrale Staatsziele der schweizerischen Eidgenossenschaft aufführt. Es geht beispielsweise und vor allem um den Zusammenhalt zwischen Stadt und Land, zwischen den verschiedenen Landesteilen und Sprachen, zwischen den Religionen, zwischen Jung und Alt, zwischen den Begüterten und denen, die eher auf der Schattenseite stehen; es geht aber auch um die Stellung der Kantone und damit um unseren föderalistischen Staatsaufbau. Diesem Zusammenhalt hat im Verlaufe der Geschichte immer wieder Gefahr gedroht und das ist auch heute so. Heute sind es meines Erachtens vor allem die durch nichts mehr zu rechtfertigenden exorbitanten Gehälter einiger Manager, welche vor allem für den gesellschaftlichen Zusammenhalt schädlich sind.

Es sind gerade Sie, liebe Schützinnen und Schützen, die durch Ihre Vereinstätigkeit, aber auch durch die Tätigkeit eines jeden und einer jeden einzelnen von Ihnen einen überaus wertvollen, ja unentbehrlichen Beitrag zum inneren Zusammenhalt leisten. Und nicht nur das: Die Politik kann auch viel von Ihnen lernen:

-     Sie pflegen Ihre Waffe, Sie üben mit ihr, nehmen mit ihr an Wettkämpfen teil und Sie tragen, und dies gerne, die Verantwortung dafür, dass sie nicht missbräuchlich verwendet wird.

Eine Staats- und Gesellschaftsordnung kann nur dann erfolgreich sein, wenn der einzelne, sei es allein oder in Gemeinschaft mit andern, auch bereit ist, Selbstverantwortung zu übernehmen. Nicht alles, was wünschbar ist, kann Aufgabe des Staates sein.

-     Im Wettkampf will jede Schützin und jeder Schütze das Beste erreichen. Und das Beste erreicht man, wenn man mitten ins Schwarze trifft. Je weiter man davon entfernt ist, desto schlechter ist das Resultat. Und es spielt dann eigentlich keine Rolle mehr, ob man zu hoch oder zu tief, zu weit links oder zu weit rechts liegt. Gefordert ist somit ein gutes Augenmass.

Das Ziel der Politik muss darin bestehen, eine Staats- und Gesellschaftsordnung zu schaffen und zu erhalten, die allen Menschen eine möglichst ungehinderte Entfaltung ihrer Persönlichkeit ermöglicht, die aber auch Rücksicht nimmt auf die Bedürfnisse der Gemeinschaft, kurz auf das Gemeinwohl. Das schliesst extreme Lösungen, wie auch immer diese geartet sind, aus. Auch in der Politik gilt somit: Das Resultat wird nicht besser, ob die Lösungen zu weit rechts oder zu weit links liegen, oder zu hoch oder zu tief, mit anderen Worten, ob der Staat zuviel oder ob er zuwenig tut.

-     Beim Schiessen gibt es bekanntlich Programme ohne Zeitvorgabe und Programme, die innerhalb einer bestimmten Zeit absolviert werden müssen. In beiden Fällen gilt es aber nach Möglichkeit, das Ziel zu treffen. Und für beide Übungsanlagen müssen die Schützin und der Schütze vorbereitet sein.

Im Normalfall nimmt der Schütze oder die Schützin die Waffe zur Hand, visiert das Ziel an, atmet durch, hält den Atem an, drückt ab und schaut dem Schuss nach. Aufgabe der Politik ist schwergewichtig die Führung der Staatsgeschäfte, die sogenannte Staatsführung.

Das bedeutet, dass die Strategien der wichtigen staatlichen Aufgaben festzulegen, miteinander zu vernetzen und dann umzusetzen sind, und das alles immer mit Blick auf das Ganze, das Gemeinwohl. In letzter Zeit, so meine ich, neigt die Politik – und das unter tatkräftiger Mitwirkung der Medien – immer häufiger dazu, angesichts von bestimmten Ereignissen oder Zuständen unverzüglich Entscheide treffen zu wollen, Entscheide, die sich zwar vielfach erst mittel- oder langfristig auswirken, die sich dann aber schon bald als voreilig gefällt erweisen. Schnellschüsse sind auch in der Politik fehl am Platz. Natürlich gibt es immer wieder Ereignisse und Zustände – vielfach wirken sie von aussen her auf unser Land ein – bei denen ein schnelles Handeln seitens der Politik gefragt ist.

Aber auch hier gilt es nach Möglichkeit, das Ziel immer zu treffen. Und das bedeutet, dass die Politik für solche Situationen präventiv die geeigneten institutionellen und personellen Vorkehrungen zu treffen hat, sodass auch auf solche Situationen treffsicher reagiert werden kann.
 

Unsere Vorfahren haben mit der Gründung des Bundesstaates Schweiz 1848 ein Konstrukt geschaffen, das im wahrsten Sinne des Wortes als wunderbar bezeichnet werden kann. Sie haben sich bekanntlich für ein vollkommenes Zweikammersystem nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten von Amerika entschieden. Im Nationalrat werden die politischen und gesellschaftlichen Kräfte des Landes durch ein ausgeprägtes Proporz-Wahlsystem gut abgebildet. Dem Ständerat ist staatspolitisch gesehen vor allem aufgetragen, für den Zusammenhalt in unserem Land Sorge zu tragen. Im Bundesrat, dem eigentlichen strategischen Führungsorgan, sollen die wichtigsten politischen Kräfte vertreten sein, um nach Möglichkeit im Konsens zu tragfähigen Lösungen zu kommen. Und schliesslich hat durch das Initiativ- und Referendumsrecht hat das Volk die Möglichkeit, ihm nicht passende Entschiede und Entwicklungen aufzuheben oder in andere Bahnen zu leiten.

Wir haben allen Grund, zu unserem Land Sorge zu tragen. Und wir tun das am besten, wenn alle politischen Akteure, und dazu gehören auch wir, das Volk, gewillt und in der Lage sind, die Rollen und Aufgaben, die ihnen von Verfassung und Gesetz zugewiesen werden, ernst zu nehmen im Bewusstsein, dass das Gemeinwohl das oberste Gesetz ist.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, wünsche Ihnen „gut Schuss“ und uns allen einen wunderschönen und unvergesslichen Festtag.