Frau Bundespräsidentin Dreifuss
Frau Bundesrätin Metzler
Liebe Kandidatinnen, liebe Kolleginnen

Ich freue mich, Sie als Gastgeberin hier im Nationalratssaal begrüssen zu dürfen. Es kommt äusserst selten vor, dass so viele Frauen in diesem Saal zusammenkommen. Und wenn dies der Fall war, kam dies aufgrund einer Aktion von Parlamentarierinnen zustande, wie auch die heutige Veranstaltung. Ich darf Sie auch im Namen meiner Kolleginnen des National- und Ständerates begrüssen, die sich so kurz vor der Session und mitten im Wahlkampf die Zeit genommen haben, für dieses Treffen.

Bis 1971 traf man in diesem Saal Frauen nur auf den Tribünen an, als Zuschauerinnen des politischen Geschehen. Frauen waren hinter den Kulissen tätig, als fleissige Protokollführerinnen und Sekretärinnen. Heute sitzen im Nationalrat 48 Frauen – etwas ungleich verteilt unter den Fraktionen - im Ständerat sind es 7 Frauen. Wir haben aber auch eine Weibelin, Frau Barbara Graber und eine Generalsekretärin, Frau Annemarie Huber. Und in den Parlamentsdiensten arbeiten in allen Funktionen ebenso viele Frauen wie Männer.

Auch wenn wir in den politischen Gremien von einer Parität noch weit entfernt sind, dürfen wir auf das Erreichte stolz sein, sowohl auf den Beitrag von Politikerinnen in politischen Sachfragen wie auch in Bezug auf die Repräsentation. Hervorheben möchte ich, dass das Mitwirken von Frauen in den politischen Gremien fast überall zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Ihr Beitrag zur Lösung von Problemen ist anerkannt, nicht allein in frauenspezifischen, sondern in allen anderen politischen Fragen.

Auch in den Führungsgremien des Parlamentes sitzen Frauen. Drei der acht Fraktionen werden von Frauen geleitet – in diesem Jahr auch der Bundesrat und der Nationalrat.

Ich bin überzeugt, dass sich in den bevorstehenden Wahlen der Frauenanteil weiter erhöhen lässt. Zu hoffen, dass Sie alle gewählt werden, wage ich hingegen nicht. Trotzdem wünsche ich Ihnen jetzt schon viel Glück und Durchstehvermögen im Wahlkampf.

Wir dürfen uns allerdings nicht nur auf eine angemessene Frauenvertretung in den politischen Gremien beschränken. Weit weniger erfolgreich sind wir in der Wirtschaft und in der Wissenschaft. Es gehört zu unserer politischen Aufgabe, uns für mehr Frauen in diesen Bereichen einzusetzen.

Meine Kolleginnen im National- und Ständerat haben Sie eingeladen, um Ihnen die Bundesversammlung und ihre Arbeit vorzustellen. Ich möchte deshalb die nationalrätliche Arbeit näherbringen.

Das Nationalratsmandat beinhaltet rund 65 Tage Sitzungen pro Jahr im Plenum (in diesem Jahr 2 Sondersessionen) und durchschnittlich 25 Sitzungen der Kommissionen und Fraktionen. Neben diesen durchschnittlich 90 Arbeitstagen muss Zeit für die individuelle Vorbereitung und für die politische Arbeit in der Partei und diversen Organisationen sowie bei Abstimmungkampagnen eingesetzt werden.

Die Hauptarbeit wird in den 12 ständigen Kommissionen geleistet. Neben den beiden Kontrollkommissionen, der Geschäftsprüfungs- und der Finanzkommission, decken die 10 sogenannten Legislativkommissionen die verschiedenen Bereiche der Bundespolitik ab, von der Aussenpolitik über die Sozial- und Gesundheitspolitik bis hin zur Energiepolitik.

Hinzu kommen verschiedene kleinere Delegationen, die z.T. aus Mitgliedern der beiden Räte zusammengesetzt sind, so etwa die Delegation bei der parlamentarischen Versammlung des Europarates oder die NEAT-Delegation für die Ueberprüfung der grossen Verkehrs-Infrastruktur-Vorhaben.

Die 25-köpfigen Kommissionen tagen zwischen den Sessionen in zwei Blöcken von einem bzw. zwei Tagen. Ein fester Sitzungsplan wird jeweils Mitte des Jahres für das kommende Jahr festgelegt.

Der Nationalrat sah sich vor mehr als 10 Jahren gezwungen, zur Bewältigung der grossen Geschäftslast in der mehr oder weniger gleich gebliebenen Sitzungszeit eine strikte Organisation der Debatten einzuführen. Die freie Debatte, in der allen Ratsmitgliedern eine Redezeit von 5 Minuten eingeräumt wird, sind selten geworden. In der Regel kommen nur die Antragsteller und die Fraktionssprecher zu Wort. Die Profilierung im Ratsplenum wird immer schwieriger. Es müssen andere Wege gesucht werden, um in der Oeffentlichkeit gehört zu werden, z.B. durch die Präsenz in der Lokalpresse, durch Sessionsberichterstattungen und Artikel oder durch Vorträge zu politischen Fragen.

So oder so sind die Parlamentarierinnen und Parlamentarier für die Bekanntmachung ihrer Arbeit auf die Medien angewiesen. Im Bundeshaus sind diese sehr präsent und es besteht eine Art Hassliebe gegenseitig. In den Räumen im Parterre und im 3. Stock sind rund 120 akkreditierte Medienschaffende untergebracht, die sich mit der Tätigkeit der Bundesversammlung, von Bundesrat und Bundesverwaltung befassen.

Ich möchte meine kurzen Begrüssungsworte schliessen mit einer Empfehlung aus meiner persönlichen Erfahrung für Ihre politische Arbeit:

Bleiben Sie sich selbst und Ihren Ueberzeugungen treu. Politikerinnen (und Politiker) sind dann glaubwürdig und somit erfolgreich, wenn Sie eine Meinung haben – oder eben dazustehen, wenn sie einmal etwas nicht wissen.

Ich freue mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben für diesen "Schnuppertag" und wünsche Ihnen Erfolg in den bevorstehenden Wahlen.