Sehr geehrter Herr Vizepräsident der Seimas
Geschätzte Kollegen und Kolleginnen beider Länder
Meine Damen und Herren
Es freut mich, am Ende Ihres zweiten Besuchstages in der Schweiz, an dem Sie sich mit unserem Aussenminister, Bundesrat Joseph Deiss, und mit unseren parlamentarischen Kommissionen getroffen haben, mein Wort an Sie zu richten.
Litauen hat in den zehn Jahren, seit es die Unabhängigkeit wiedererlangt hat, sowohl auf politischem als auch auf wirtschaftlichem Gebiet beträchtliche Fortschritte gemacht. Nach 50 Jahren unter dem totalitären Sowjetregime hat sich Litauen wieder dem parlamentarischen System zugewandt. Die Parlaments- und Regierungswahlen ermöglichten alternierende Regierungen und gar das Nebeneinanderbestehen eines Staatspräsidenten und einer Parlamentsmehrheit mit anderen politischen Ausrichtungen.
Die litauische Hauptstadt Wilna blüht neu auf, Klapeida ist in voller Entfaltung, Kaunas hat ein bedeutsames Forum für wirtschaftliche Entwicklung aufgebaut und die Halbinsel Neija lädt die Touristen zu einem Besuch des Thomas-Mann-Hauses in idyllischer Umgebung ein.
Wir empfangen bereits zum zweiten Mal eine litauische Parlamentarierdelegation. 1993 besuchte uns der damalige Präsident der Seimas, Herr Jursenas. Der Empfang fand in den Räumlichkeiten des Ständerates statt. 1995 stattete unser damaliger Aussenminister, Bundesrat Cotti, Wilna einen Besuch ab und führte ergiebige Gespräche mit den führenden Persönlichkeiten ihres Landes.
Diese Kontakte verdienen es, vertieft zu werden, und wir freuen uns deshalb ganz besonders über diesen Besuch. Wir möchten bei dieser Gelegenheit gegenüber Litauen und seinem tapferen Volk unsere tiefe Verbundenheit ausdrücken.
Die Geschichte Litauens trägt in mancherlei Hinsicht ähnliche Züge wie jene der Schweiz. Beides sind kleine Länder, die, umgeben von mächtigen Nachbarn, ihre Unabhängigkeit behaupten mussten. Litauen war den Angriffen Polens, Schwedens, Deutschlands und vor allem Russlands ausgesetzt, und die Schweiz musste sich gegen Österreich, Deutschland und Frankreich wehren. Die Europäische Union und die Nordatlantische Allianz ermöglichen heute unseren Ländern, ohne Furcht vor dem kommenden Tag zu leben.
Unsere beiden Länder pflegen unterschiedliche Beziehungen zu Europa. Ihr Land bewirbt sich um die Mitgliedschaft bei der Europäischen Union. Wir wünschen Ihnen dabei viel Glück. Unser Land hat einen langsameren Weg eingeschlagen, und unser Volk wird am kommenden 25. Mai entscheiden, ob es die bilateralen Verträge, die wir in sieben wichtigen Bereichen mit der Euopäischen Union abgeschlossen haben, annehmen will oder nicht. Im Übrigen muss ich hier festhalten, dass, geographisch betrachtet, nicht Brüssel, sondern Bernotai, ein 25 km von Wilna gelegenes Dorf, das Zentrum Europas ist!
Als Präsident der Schweizer Delegation bei der parlamentarischen Versammlung der OSZE weise ich darauf hin, dass Litauen sich um eine gerechte Lösung für ihre starke russischsprachige Minderheit bemüht hat. Dafür gebührt diesem Land Lob und Anerkennung.
Werfen wir abschliessend einen Blick auf Ihre schöne dreifarbige Landesflagge : Das Gelb stellt Sonne, Licht, Reichtum und Würde dar ; das Grün symbolisiert die Landwirtschaft, den Glauben, die Freiheit und das Glück, und das Rot versinnbildlicht das Blut, das für das Vaterland vergossen wurde. Ich wünsche dem litauischen Volk, dass es kein Blut mehr vergiessen muss, und dass die 15 Opfer vom 13. Januar 1991 die letzten in der tragischen Geschichte Litauens waren, die im Kampf um die Freiheit ihr Leben lassen mussten. Hoffen wir, dass Litauen nun reichlich mit den anderen auf dieser Flagge symbolisierten Werten gesegnet wird.
Ich erhebe mein Glas auf die litauische Delegation, auf die Gesundheit des Parlamentspräsidenten und angesehenen Staatsmannes Vytautas Landsbergis und auf die Freundschaft zwischen der Schweiz und Litauen.