Sehr geehrter Herr Präsident
Sehr geehrte Damen und Herren

Es freut mich sehr, Sie im Namen der Rechtskommission und der Staatspolitischen Kommission des Nationalrates begrüssen zu dürfen. Wir danken Ihnen für Ihr Interesse an unserer neuen Verfassung und unserem neuen Parlamentsgesetz und es freut mich, mit Ihnen unsere gegenseitigen Erfahrungen und Meinungen über verschiedene weitere Themen auszutauschen.

Unsere Hauptstädte sind im Grunde fast Nachbarn, und es wundert uns zuweilen, dass Prag weiter im Osten liegt als Wien. Die Schweiz und die tschechische Republik haben schon immer freundschaftliche Beziehungen zueinander gepflegt. Unsere beiden Staatsgebilde sind teils entstanden, um uns gegen die umgebenden Grossmächte abzugrenzen. Beide Länder mussten sich gegen die Habsburger behaupten, und in beiden Ländern ist deshalb der Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit besonders gross, was aber einer offenen Zusammenarbeit zur Errichtung eines befriedeten und blühenden Europas keinesfalls im Wege steht.

Das tschechische Volk hat unter den rund siebzig Herzögen und Königen von Böhmen ein äusserst bewegtes Jahrtausend durchlebt. Seine Unabhängigkeit erlangte das Land 1918, in der grossen Zeit der Nationalistenführer Masaryk und Benes, zwei Persönlichkeiten, deren Namen unlösbar mit der Wiedererstehung Tschechiens verbunden sind. Zwanzig Jahre später fielen die teuer errungenen Freiheiten der Eroberungslust Deutschlands zum Opfer und die Tschechoslowakei musste das bittere Schicksal der Zerteilung und Besetzung erleiden.

1948, drei Jahre, nachdem der Friede wieder eingekehrt war, verlor das tschechische Volk seine Unabhängigkeit durch einen Gewaltstreich und wiederum zwanzig Jahre später wurden die Hoffnungen, die im Prager Frühling aufgekeimt waren, erstickt. Viele Tschechen und Tschechinnen fanden in jener Zeit in der Schweiz Asyl, wo sie sich sehr bald in unsere Gesellschaft integrierten und diese durch ihr sympathisches Wesen bereicherten.

Mit der sanften Revolution von 1989 schlug endlich die Stunde der Freiheit und am 1. Januar 1993 hat die tschechische Republik ihre Trennung von der Slowakei auf beispielhafte und friedliche Weise vollzogen.

Der tschechische Präsident Vaclav Havel war kürzlich bei uns auf Staatsbesuch. Er wird in der Schweiz sehr geschätzt: Wir bewundern diesen Menschen, der der kommunistischen Diktatur die Stirn geboten hat, diesen grossen Schriftsteller und beherzten Staatsmann. Wie er selbst feststellen konnte, war die Aussage Dürrenmatts anlässlich der Verleihung des Duttweiler-Preises, die Schweizer seien alle Gefangene, übertrieben pessimistisch.

Meine Mitbürgerinnen und Mitbürger haben es ganz besonders geschätzt, dass Präsident Havel es sich nicht nehmen liess, die Rütli-Wiese zu besuchen, das eigentliche Herz der Schweiz, wo vor 700 Jahren das Abenteuer der Eidgenossenschaft seinen Anfang nahm.

Unsere beiden Völker zeichnen sich beide durch ihre Arbeitsperfektion und ihren Unternehmensgeist aus. Der Schweizer Botschafter in Prag sagte kürzlich:

"Die tschechischen Unternehmen können sich weltweit erfolgreich behaupten, wenn das Unternehmen eine langfristig und strategisch denkende Führung hat. In diesem Sinne ist die tschechische Republik auch für die Schweizer Unternehmen ein Zukunftsmarkt und insbesondere ein interessanter Investitionsstandort“. Ich habe mir diese Worte als Unternehmer zu Herzen genommen.

Ich erhebe mein Glas auf die Gesundheit der tschechischen und der schweizerischen Parlamentsmitglieder sowie auf weiterhin gute Beziehungen zwischen dem schweizerischen Nationalrat und dem Repräsentantenhaus der tschechischen Republik!