Lieber Ständeratspräsident Fritz Schiesser
Liebe Familie Schiesser
Sehr geehrter Herr Bundesrat Schmid
Liebe Glarner Freunde
Liebe Gäste aus dem Bundeshaus


Der Vizepräsident des Ständerates hat das Privileg, am Ende der Feier zu danken. Ich tue es sehr herzlich und spreche im Namen aller, wenn ich gestehe, dass wir uns im Glarnerland sehr wohl fühlen und den ganzen Tag genossen haben. Wir gestehen auch, dass wir das Glarnerland unverdient wenig besuchen – der Geist ist willig, doch der Weg ist weit.

Ich spreche nach den drei rhetorischen Schwyzerregeln, welche mir vor Jahren ein Gemeindepräsident beigebracht hat: „Steh auf, so sieht man dich. Red laut, so hört man dich. Sitz bald wieder ab, so schätzt man dich.“

Ich freue mich, Fritz Schiesser im Rat als Vizepräsident zu unterstützen. Als Schwyzer fällt mir das einfach, denn seit der Schlacht bei Näfels 1388 tun wir das gerne. Die Glarner waren von den Österreichern dreimal zurückgeworfen worden. Die Schwyzer trafen im letzten Moment ein, schlugen sofort tüchtig zu - und kamen zumindest rechtzeitig zur Siegesfeier.

Ich habe in den letzten Tagen leise Kritik gehört, dass wir Schwyzer noch immer helfen würden, namentlich Deutsche vom Glarnerland fernzuhalten, indem wir sie in der Ausserschwyz neutralisieren, bei uns aufnehmen und selber tief besteuern. Nun höre ich, dass auch Sie einige möchten. Bisher dachten wir, unser Handeln sei in Eurem Sinne. Ich sichere Euch zu, wir werden unsere Praxis überdenken!

Mich freut besonders, Fritz Schiesser voraussichtlich im Ratspräsidium nachzufolgen. Vor 30 Jahren haben wir gemeinsam an der Universität Zürich unser Jurastudium begonnen. Er war ständig im Seminar, ich habe vorzüglich jassen gelernt und viel Militärdienst geleistet. So verwundert es nicht, dass er 1990 ein Jahr vor mir Ständerat wurde und nun ein Jahr vor mir Ratspräsident sein darf.

Ich hab mich zwar gefragt, ob ich als CVP-Mitglied angesichts der gespannten parteipolitischen Lage überhaupt an die heutige FDP-Feier dürfe. Doch zwei überzeugende Gründe haben für die Teilnahme entschieden: Erstens würde ich Fritz Schiesser noch mehr verzeihen als nur seine FDP-Mitgliedschaft. Zum zweiten haben wir uns geeinigt: unsere Parteien wollen beide zwei Bundesräte für sich und nur einen für die andere Partei. So tun wir uns gegenseitig dasselbe an und wählen die andere Partei nur einmal. Unsere persönlichen Stimmen sind damit gerecht verteilt – und ich habe heute Abend mit gutem Gewissen und besten Appetit gegessen.

Doch ich spreche als Letzter nach vier Rednern, welche alle als Freisinnige angekündigt sind. Nicht dass mir das unangenehm wäre. Doch nach Auffassung der Organisatoren gehöre ich einer Minderheit an, dessen Parteizugehörigkeit sie auf der Einladung unterdrückt haben. Zwar gibt es im Glarnerland seit genau 100 Jahren die CVP. Doch erst einmal stellte sie mit Hans Meier als Ständerat einen eidgenössischen Parlamentarier.

Roland Schubiger, der kecke junge Parteipräsident der FDP Glarus hat uns ja soeben vorgetragen, als welch eigenartige Spezies er die CVP einstuft. Da verstehe ich wohl, Sie haben mich als Rarität eingeladen. Doch dies, meine freisinnigen Freunde, ist traditionelles, überholtes Denken! Wenn ich heute nach den jüngsten eidgenössischen Wahlen zu Ihnen als freisinnige Gemeinde spreche, so ist das auch schon ein Engagement „pro specie rara“!

Der Kanton Glarus, meine Damen und Herren, hat immer starke Persönlichkeiten nach Bern delegiert. Denn Sie wählen alle eidgenössischen Parlamentarier im Majorz. So ist auch die heutige Glarner Deputation zwar unterschiedlich, doch hochkarätig. Neben This Jenny, dem ungestümen Draufgänger mit der erfrischend direkten Sprache haben Sie auch Werner Marti, den vielseitig belastbaren und starken Preisüberwacher und eben Fritz Schiesser entsandt. Fritz Schiesser umschreibe ich am zutreffendsten mit drei Worten:


1. Fritz Schiesser der Kämpfer
Dass er Kämpfer und zugleich weitsichtiger Stratege ist, bewies es schon vor seiner Wahl in den Ständerat. Die ersten Gefechte führte er um die Kantonsverfassung. Er hat das Amtsalter für Würdenträger auf spätestens den siebzigsten Geburtstag limitiert. Angesichts seines zarten Alters von damals 34 Jahren war das auch klüger, als die Amtsdauer auf 12 oder 16 Amtsjahre zu begrenzen. Als der Bund die geänderte Glarner Verfassung gewährleisten musste, war sich der Bundesrat der politischen Brisanz der neuen Bestimmung bewusst, hatten doch gleich drei direkt betroffene Glarner Parlamentarier darüber mit zu befinden. Er beantwortete diesen Aspekt auf ungewöhnlich viel Raum, nämlich einer ganzen Seite in der Botschaft.

Kurz danach fanden am 18. März 1990 zwei Wahlen gleichzeitig statt: Die letzte Wahl in die Volkskammer der DDR und die Ständeratswahlen im Kanton Glarus. Beide Wahlen brachten ein klares Ergebnis. Grosser Sieg in Ostberlin für die CDU dominierte Allianz für Deutschland und 100 % der Glarner Ständeratssitze für die FDP. Fritz Schiesser zog nach Bern, zusammen mit Kaspar Rhyner, den wir heute sehr vermissen.

Der Unterschied aber zwischen Ostberlin und Glarus sitzt tief. Diktatoren ändern die Verfassung regelmässig nach ihrer Wahl. Fritz Schiesser als kluger Demokrat änderte die Glarner Verfassung vor seiner Wahl. Ständerat Peter Hefti hat diese Situation stoisch und nobel – so wie wir ihn kennen – gemeistert. Er forderte Fritz Schiesser zu einem Glas Weisswein heraus und sprach zu ihm in seiner unverkennbaren Art: „Ich glaube ich bin der Ältere. Darf ich das Du antragen?“


2. Fritz Schiesser der Weltgewandte
Wer ein Glarner ist, will die Welt entdecken. Schon immer zogen Glarner in alle Welt. Hunger und fehlendes Einkommen waren früher der Motor, Wissensdurst ist es heute. Die Söldnerführer Kaspar Gallati und Kaspar Freuler waren die ersten königlichen Gardekommandanten in Paris. Thomas Legler brachte von der Beresina das Lied „Unser Leben gleicht der Reise“ mit nach Hause. Und vor einem Jahr haben wir von Fritz Schiesser an der Präsidentenfeier von Gian-Reto Plattner gelernt, dass Basel ohne Glarner eine gewöhnliche, nicht die schönste Schweizer Stadt wäre. So hat auch Fritz Schiesser den Reisedrang verspürt, kaum hatte er sich in Bern etabliert. Er wurde Mitglied der parlamentarischen Versammlung des Europarates. Und schon 1991 war er in Pyongyang in Nordkorea. Er sprach mit Kim-Il-Sung und überquerte die Demarkationslinie. Er tat dies 12 ganze Jahre vor Bundesrätin Calmy-Rey, nur mit viel weniger Aufsehen. Als er vor einigen Monaten den Medienrummel um den Besuch unserer Bundesrätin vernahm, habe Fritz Schiesser in sein Tagebuch geschrieben: „Ein normaler Schritt für einen Glarner, einen grossen für einen Bundesrat.“ Und er war in allen wichtigen Städten dieser Welt! In Bukarest, Seoul, Kairo, Windhoek, Moskau, Brüssel, Berlin, Amman, Havanna, Ouagadougou, Marakesch, New-Dehli – und hin und wieder selbst in Schwanden und Haslen. Das sind mehr Städte als ein ganzes Jahr Geografieunterricht! Und als diese Liste den Fraktionen im Bundeshaus vorgelegt wurde, soll in einer die Meinung geäussert worden sein: „Wir haben gar nicht gewusst, dass das Ausland so gross ist!“


3. Fritz Schiesser der Freisinnige
Fritz Schiesser ist Liberaler in seinen Werten, aber frei im Denken. Ein freisinniger Bürgerlicher im wahrsten Sinne des Wortes. Doch radikal, wenn er seine Überzeugungen vertritt. Suaviter in modo, fortiter in re. Sanft im Ton, hart in der Sache. Das hat auch der Bundesrat gespürt, als Fritz Schiesser gegen den Kauf der FA-18 Kampfflugzeuge entschied. Im Steuerpaket vertritt er eine andere Linie als seine Partei. Als PUK-Präsident nahm er Bundesrat Stich hart, aber fair in die Kritik. Unerbittlich verlangte er von Bundesrätin Dreifuss Auskunft über die Finanzierung unserer Sozialwerke. Kein Wunder, dass sich der Gesamt-Bundesrat über ein Jahr Verschnaufpause freut, weil Fritz Schiesser als Präsident nicht mehr in die Tagespolitik eingreift.

Fritz Schiesser’s Freisinn ist freilich zu relativieren. Er ist auch – und oft vor allem – Glarner. Beispielsweise wenn es um die Jagd geht. Da verlangte doch tatsächlich ein junger Zuger Ständerat, die Kantone hätten ihre Jagdprüfungen gegenseitig zu anerkennen. Fritz Schiesser griff in die Debatte ein mit den Worten: „Ich bin der einzige, der wahrhaft legitimiert ist, in diesem Saal zur Jagd zu sprechen. Wer schon ausser mir heisst hier Schiesser?“ Er organisierte kurzerhand ein Bündner-Glarner-Schwingfest, an dem alle Gastakteure unterlagen. Die Bündner und Glarner regelten die Jagdausbildung als ihren urstaatlichen Kernbereich weiterhin autonom... Und Peter Bieri hat ihm inzwischen verziehen.


Lieber Fritz Schiesser, wir freuen uns auf Dein Präsidialjahr. Du präsidierst ruhig und zügig, bist rücksichtsvoll. Sogar sozialdemokratische Ständerätinnen haben von Deiner Milde profitiert, als sie kaum im Rat niedergesessen, schon vom eigenen Wort ergriffen wurden. Wir freuen uns auch, dass Du gesundheitlich wieder vollständig genesen bist.

Wir stossen an auf ein erfolgreiches Präsidialjahr 2004!