Am 19. Juli ist Pierre Graber in seinem 95. Lebensjahr gestorben. Er hat sein ganzes Leben lang der Öffentlichkeit gedient und war auf zahlreichen Gebieten tätig. Von 1933 bis 1978 wirkte er in der Legislative und Exekutive aller drei Ebenen unseres Staatswesens, wo er sich als unvergleichlicher Parlamentarier und Magistrat erwies. Zuerst Lausanne, wo er Stadtpräsident war, dann der Kanton Waadt, wo er der Finanzdirektion vorstand, und schliesslich der Bund kamen nacheinander in den Genuss seiner aussergewöhnlichen Qualitäten. Sowohl in den Ratssälen als auch in den Medien legte er ein beachtliches Rednertalent zu Tage. Da kam der ungezierte Chaux-de-Fonnier zum Vorschein, wenn seine Gedanken ungeschliffen aus ihm heraussprudelten oder wenn er sich zu den Überzeugungen eines vom Geiste seiner heimatlichen Neuenburger Berge durchdrungenen Sozialdemokraten bekannte.

Er war insgesamt 35 Jahre lang Parlamentarier und bekleidete als solcher die höchsten Ämter: ab 1934 in den Parlamenten der Stadt Lausanne und des Kantons Waadt und ab 1942 im Nationalrat, wo er 36 Jahre nach seinem Vater Paul im Jahre 1965/66 als Präsident amtete. Von 1958-59 präsidierte er die Kommission für Auswärtige Angelegenheiten und von 1966 bis 1969 die sozialdemokratische Fraktion. Pierre Graber war auch Berichterstatter der Untersuchungskommission über die Mirage-Beschaffung. In seinem ersten, vom 30. März 1943 datierten Vorstoss im Nationalrat setzte er sich für die Pressefreiheit ein, die in seinen Augen von der Zensur bedroht war, als die linke Presse von den Naziverbrechen berichtete. Er reichte auch eine Motion über das Recht auf Bildung ein im Bestreben, die Chancengleichheit zu wahren.

Am 10. Dezember 1969 wurde sein ganz im Dienste unseres Landes stehender Werdegang mit seiner glänzenden Wahl zum Bundesrat gekrönt, dem er acht Jahre lang als Vorsteher des Aussendepartementes angehörte.

Pierre Graber wird als der Bundespräsident in die Geschichte eingehen, der am 1. August 1975 für die Schweiz die Schlussakte von Helsinki zur Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa unterzeichnete. Auf europäischer Ebene stand er im Mittelpunkt der Verhandlungen, die zum Freihandelsabkommen mit den Europäischen Gemeinschaften führten; er liess die Europäische Menschenrechtskonvention ratifizieren und unterzeichnete die Europäische Sozialcharta. Als Präsident des Ministerkomitees des Europarates legte er am 15. Mai 1972 den ersten Stein zum Europapalast in Strassburg, was gleichsam eine symbolische Geste für seine feste europäische Gesinnung war.

Zum Thema der Schweiz im internationalen Umfeld legte Pierre Graber zwei Berichte zu unserem Verhältnis mit der UNO vor. Im Bericht, den er im Januar 1978 bei seinem letzten Auftritt vor dem Parlament dem Ständerat unterbreitete, wurde erstmals die Notwendigkeit eines Schweizer Beitritts zu dieser Organisation unterstrichen. Er wünschte sich eine weltoffene Schweiz und das Ergebnis der Volksabstimmung vom März 2002 hat ihn zutiefst erfreut.

Mit der Flugzeugentführung von Zerqa wurde er mit dem ersten internationalen Terrorakt, von dem auch die Schweiz betroffen war, konfrontiert. Er begab sich als erster Schweizer Aussenminister in den Nahen Osten und hatte den Weitblick, mit gewissen gespaltenen Staaten wie Korea und Vietnam diplomatische Beziehungen aufzunehmen und mit so wichtigen Ländern wie der Volksrepublik China in partnerschaftlichen Kontakt zu treten. Mit Entschlossenheit präsidierte er die zahlreichen Sitzungen der diplomatischen Konferenz, welche den Zusatzprotokollen zu den Genfer Konventionen vorausgingen.

Zu seinen Kernanliegen gehörten die Entwicklungszusammenarbeit und die humanitäre Hilfe und das Parlament verabschiedete sein Gesetz über den Beitrag der Eidgenossenschaft auf diesen Gebieten. Ebenfalls in seiner Amtszeit wurde das Katastrophenhilfekorps geschaffen und die komplexe Frage des Referendums bei völkerrechtlichen Verträgen in der Verfassung geregelt.

Als Sozialdemokrat trug Pierre Graber unter den äusserst schwierigen Umständen der Kriegs- und Nachkriegszeit zum Fortbestehen einer starken, sozialdemokratischen Partei bei, dies zu einer Zeit, als die Westschweizer Linke mit dem Kommunismus liebäugelte. Als junger Sekretär der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz war er tief beeindruckt vom ersten sozialdemokratischen Kongress nach der Befreiung in Paris, der von der grossen Persönlichkeit Léon Blum überragt wurde.

Wo immer man Pierre Graber begegnete, traf man einen Mann an, der sich stets für das öffentliche Leben interessierte. Das ist so geblieben bis zuletzt. Er hatte nichts von seinem politischen Gespür und seinem Scharfsinn eingebüsst. Sein Weg war ausserordentlich lang und ausserordentlich vielfältig. In Anspielung auf das Geburtsjahr 1803 des Kantons Waadt bemerkte er kürzlich, dass er fast halb so alt wie der Kanton Waadt sei!

Ich bitte Sie, im Gedenken an diesen grossen Staatsmann und grossen Parlamentarier, der mit Pierre Graber von uns gegangen ist, eine Schweigeminute einzulegen.