Werte Kolleginnen und Kollegen

Vor einem Jahr sass unser Freund Jean-Philippe Maitre an dieser Stelle und eröffnete die Frühjahrsession 2005. Er hatte den Mut, als kranker Mann noch einmal nach Bern zu kommen, um sich von uns zu verabschieden. Die Bescheidenheit in den bewegenden Worten über seine Krankheit war eine Lehre für uns alle und eine Hoffnungsbotschaft für alle Mitbürgerinnen und Mitbürger, welche gesundheitlich angeschlagen sind. Wir hofften damals, dass er wieder zu Kräften komme, doch leider hat ihn die Krankheit, der er voller Zuversicht entgegentrat, letztlich besiegt. Er hat, auch in schweren Zeiten, bis zuletzt stets seinen Sinn für Humor bewahrt.

Der Nationalrat hat seine souveräne Art, wie er die Wintersession 2004 leitete, seine Klarheit und Entschlossenheit, sehr geschätzt.  Die Beratungen zu den Bilateralen II und über die Beziehungen zwischen der Schweiz und Europa standen im Vordergrund der einzigen von ihm präsidierten Session. In seinen Abschiedsworten gab er seiner Überzeugung für Europa und seiner Hoffnung auf ein Volks-Ja zu diesen Abkommen Ausdruck, einer Hoffnung, die dann ja auch erfüllt worden ist.  Damals kündigte sich ein viel versprechendes Präsidialjahr an, in dem Jean-Philippe Maître Kontakte mit Luxemburg und London knüpfen wollte, den Hauptstädten der Länder, welche letztes Jahr den Vorsitz der Europäischen Union innehatten.

Jean-Philippe Maitre war ein Staatsmann mit grosser Ausstrahlung, eine grossherzige, offene und vorbildliche Persönlichkeit. Er war ein Parlamentarier ersten Ranges, der unserem Rat über zwanzig Jahre angehört hatte. Er bekleidete hier so bedeutsame Ämter wie die Präsidien der Aussenpolitischen Kommission, der Kommission für Wirtschaft und Abgaben und der christlichdemokratischen Fraktion. Der Vorsitz unserer Versammlung sollte die Krönung seiner politischen Tätigkeit sein.

Jean-Philippe Maitre erwies sich im Bundesparlament als beredter Botschafter des von uns geliebten Genfs, der Metropole des Friedens, der Stadt, die uns die Tore zur Welt öffnet. Wir vergessen nicht, dass unser Rat seine erste auswärtige Session im Jahre 1993 dank des Einflusses, den Jean-Philippe Maitre als Präsident des Kantonalen Volkswirtschaftsdepartementes ausübte, in Genf abhalten konnte.

Als junger Mann in den Genfer Grossen Rat, in den Nationalrat und in den Genfer Regierungsrat gewählt, bezeichnet er sich einmal als „Schosskind der Politik“. Die Tatkraft und die Leidenschaft, mit denen er an seine Aufgaben heranging, haben unsere Politik sehr belebt. Er war ein grosser Diener des Kantons Genf und der schweizerischen Eidgenossenschaft.

Wir denken heute an seine Mutter, seine Frau, seine Kinder und Enkel und an alle seine Angehörigen. Die zahlreiche Delegation des Bundesparlamentes, die ich an die Trauerfeierlichkeiten führen durfte, hat gespürt, von welcher Kraft die Mitglieder dieser Familie zusammengehalten werden.

Er sagte gerne: "Im Leben, sei’s in der Familie oder in der Politik, braucht das konstruktive Miteinander stets mehr Charakter als das destruktive Gegeneinander.“ Das klingt wie ein Leitsatz für unsere Arbeit.

Wir bezeugen seiner Frau und all seinen Angehörigen unser herzliches Beileid und unsere tiefe Anteilnahme.