Sehr geehrter Herr Präsident
Lieber Václav Havel
Sehr geehrte Damen
Sehr geehrte Herren
Es ist für mich nicht nur eine grosse Ehre, sondern auch eine ganz persönliche Freude, die Laudatio zur Verleihung des "Prix des Générations 2006" an Václav Havel halten zu dürfen.
Obschon ich altersmässig von Ihnen so weit nicht entfernt bin, Herr Präsident Václav Havel, so waren Sie doch eine derjenigen Figuren, zu denen ich immer nicht nur mit Bewunderung, sondern vor allem mit Respekt hinblickte. Sie setzten sich gegen ein Regime ein, das dem Geist und den Menschen die Freiheiten beschnitt, und immer wieder gegen diese Form der Entmenschlichung zur Wehr. Sie fochten sowohl mit feiner, intellektueller Klinge nicht nur für die Freiheit Ihres eigenen Landes, sondern für die Freiheit des Menschen insgesamt. Sie setzten sich ein für eine Politik, in der Menschen und damit auch Werte und - ja, ich gebrauche das Wort ganz bewusst - auch Moral im Vordergrund stehen. Diese Ihre Auseinandersetzung hat auf mich stets eine starke Faszination ausgeübt. Das mag auch mit meiner eigenen Biographie zusammen hängen.
Ich bin 1948 in der Schweiz als polnischer Staatsangehöriger geboren. Mein Vater war während des Krieges als Internierter in die Schweiz gekommen. Aufgrund der damaligen Gesetze verlor meine Mutter nach der Heirat mit einem Ausländer ihren Schweizer Pass, eine Ungerechtigkeit, die ich nie verstanden habe. Das mag eine der Ursachen gewesen sein, dass ich mich während meiner Studienzeit linken, vor allem aber weltoffenen und toleranten Positionen anschloss. Dies auch im Widerspruch zu meinem Vater, dem der real existierende Sozialismus nach dem Leben trachtete und der dementsprechend wenig davon hielt. Gerechtigkeit, Politik, Moral und der Sozialismus in Osteuropa – für mich war das nicht nur eine intellektuelle, sondern immer auch eine persönliche Herausforderung. Deshalb haben Sie, Herr Präsident Václav Havel, auf mich eine grosse Faszination ausgeübt.
Ich bin davon überzeugt, dass kaum eine andere Persönlichkeit den Geist des „Prix des Générations“ besser verkörpern könnte. Die Jury wollte eine Person würdigen, die aufgrund ihrer moralischen Integrität eine Vorbildfunktion gegenüber der jungen Generation einnimmt. Das ist ihr mit Sicherheit gelungen. Doch hüten wird uns davor, Personen zu überhöhen. Es ist nicht die Person an und für sich, die wichtig ist, sondern ihre Handlungen, ihre Worte und ihre Überlegungen. Sie sollten Zeichen setzen und Bestand haben, über Generationen hinweg.
„Unser Gewissen muss mit unserem Verstand gleichziehen, sonst sind wir verloren“ – dies sagten Sie, Herr Präsident Václav Havel, 1995 an der Promotionsfeier, nicht hier in St. Gallen, aber an einer ebenfalls leidlich renommierten Universität, nämlich in Harvard. Das sind auch, aber nicht nur, die Worte eines politischen Philosophen. Es sind die Worte eines engagierten Staatspräsidenten, eines leidenschaftlichen Literaten und einer Persönlichkeit, die sich während Jahrzehnten kompromisslos, und unter grossen persönlichen Entbehrungen, für Menschenrechte, für ein humanistisches Weltbild und für individuelle und gesellschaftliche Freiheit eingesetzt hat. Es sind die Worte einer Persönlichkeit, die sich nicht mit Forderungen begnügte, sondern immer auch Fragen stellte und Antworten suchte. Es war und ist eine Auseinandersetzung rund um die Dichotomie von Politik und Moral.
Gewissen und Politik – dieser Fragenkomplex durchzieht Ihr Werk und Ihr Leben. Es ist eine Fragestellung die uns aktiven Politiker immer wieder umtreibt und gelegentlich auch zweifeln, ja verzweifeln lässt. „Moral ist … wenn der Politik nichts mehr einfällt…“ – das die zynische Apostrophierung derjenigen, die sich schwer tun mit Fragen der Moral in der Politik und sie als simple Rationalisierungshilfe zynischer Politiker abtun möchten. Doch ist das so, darf das so sein? Wird in der Politik bloss messbarer Nutzen maximiert? Funktioniert der homo politicus à priori wie der homo oeconomicus?
Vor rund zehn Jahren hat ein Schweizer Politikwissenschaftler, Professor Jürg Steiner, zu dieser Frage ein interessantes Buch veröffentlicht: „Gewissen in der Politik“. Nicht zufällig steht am Anfang seiner Studie ein Ausschnitt aus Ihrem Werk, Herr Präsident Václav Havel, aus Ihren Briefen an Olga. Die Frage des späten Fahrgasts im letzten Tram, ob er sein Billett entwerten soll, wo er doch sicher sein kann, dass um diese Uhrzeit das Risiko einer Kontrolle minimal ist. Als blosser Nutzen Maximierer müsste er auf die Entwertung verzichten; um mit seinem eigenen Gewissen im Reinen zu sein, entwertet er jedoch seinen Fahrschein.
Die Studie Steiners untersucht, ob in unseren Politikerhirnen so etwas wie Altruismus als Motiv existiert. Obschon es empirisch schwierig sein dürfte, Begriffe wie Gewissen, Selbst- und Eigennutz zu definieren, gelingt es anhand konkreter Entscheidanalysen von politischen Entscheidungen hier in der Schweiz aufzuzeigen, dass es tatsächlich zahlreiche Fälle gibt, in denen Entscheidungsträger selbst dann ihrem Gewissen folgen, wenn sich das für ihre eigenen Wiederwahl- oder sonstigen Erfolgschancen negativ auswirken dürfte.
Eine beruhigende Erkenntnis! Wäre dem nicht so, so wäre auch das Selbstverständnis unserer recht selbstzufriedenen westeuropäischen Demokratien bedroht. Jahrzehntelang, während der Teilung Europas, haben wir uns immer „besser“ und „freier“ gefühlt, gegenüber den Staaten im Osten Europas. In der Ablehnung der damaligen kommunistischen Regimes fanden wir die eigene Legitimation. Ich will keinesfalls bestreiten, dass bei uns die individuellen Freiheiten immer höher gewichtet wurden, die Wirtschaft prosperierte und sich die Gesellschaft und Kultur in einer Art und Weise entwickeln konnten, wie das im anderen Teil Mitteleuropas nicht möglich war. Und trotzdem haben wir vielleicht eines verkannt: Auch unsere so genannt freiheitliche Gesellschaftsordnung ist nicht ohne systeminterne Bedrohung, sie ist nicht gegen Irrungen gefeit. Auch unsere Gesellschaft unterliegt der Gefahr, an einem Defizit von Menschlichkeit, von Moral und Gewissen zu pervertieren. Sie, Herr Präsident Václav Havel, haben immer wieder darauf hingewiesen.
Moderne totalitäre Regimes halten auch uns einen Spiegel vor. Totalitäre Staaten sind nicht nur gefährliche Nachbarn, sie illustrieren gleichzeitig die mögliche Perversion der modernen Zivilisation. Ideologien spielen dabei oft nur eine Nebenrolle. Die Macht des Unpersönlichen bürokratischer Apparate, anonymer Befehls- und Machtstrukturen, nicht transparenter Wirtschaftssysteme und politischer Schlagworte sind nicht ideologische, sondern universelle Erscheinungen.
Auch in der modernen, westlichen Gesellschaft entfremdet sich die Politik zunehmend von der Bevölkerung, entwickelt sich weg vom Wettstreit der Ideen hin zu einer technokratischen Nutzenmaximierung karrierebewusster Politprofis. Zynismus, den es in der Politik immer gab, ist heute nicht mehr ein blosses Mittel der Provokation, sondern allgemein akzeptierte Ingredienz einer immer unmenschlicher anmutenden Profession. Das eigentliche Subjekt der Politik, das Volk, wird zunehmend zum Objekt und die Politik selbst zur apolitischen Verwaltungs- und Machtstrategie. So zumindest könnte man Entwicklungen, die wir alle miterleben, kulturpessimistisch interpretieren.
Die bereits erwähnte Studie zeigt jedoch auf, was wir Alle wohl vermutet haben. Es existiert, auch bei Politikern, so etwas wie ein Gewissen, so etwas wie Moral. Der Einfluss dieses Gewissens auf die Entscheidfindung darf nicht unterschätzt werden. Vielleicht kann die Schweiz gar als Vorbild dienen: Ein Land, in dem politische Entscheidungsträger die so genannte Ochsentour hinter sich haben - vom Volksvertreter in der Gemeinde, via Kanton bis auf die nationale Ebene – ein eigentliches „grassroots“-System. Ein Land, in dem bis hinauf ins nationale Parlament, alle Politikerinnen und Politiker noch einen Brotberuf ausüben und so den Kontakt mit Teilen der Volks, des Souveräns, nicht verlieren. Ich bin mir bewusst, dass auch diese Idylle viel von ihrem Glanz verloren hat. Auch die Schweiz ist keine Insel der Glückseeligen. Und trotzdem, ich glaube daran, dass das politische System der Schweiz – die über Jahrhunderte gelernt hat, verschiedene Sprachen, Religionen und Weltanschauungen zu integrieren – stark auf den Menschen ausgerichtet ist und sich dadurch eine gewisse Menschlichkeit bewahren konnte. Stehen wir zu dieser Menschlichkeit, schätzen wir sie, schützen wir sie und fördern wir sie!
Denn es ist genau das, woran Politik vielfach krankt, am Mangel an Menschlichkeit. Was Menschen auszeichnet, Sie Herr Präsident Václav Havel, haben immer wieder darauf hingewiesen, ist die Fähigkeit zu Liebe und Freundschaft, die Fähigkeit zu Mitgefühl und Toleranz. Es gibt keinen Grund, wieso wir diese menschlichen Triebfedern systematisch aus unseren politischen Entscheidprozessen verdrängen, wieso wir sie als politisches Motiv nicht zulassen.
Politik ist für die Menschen da und nicht umgekehrt – Sie, Herr Präsident Václav Havel, vertraten und lebten diese Forderung immer. Der Mut des Dissidenten, die kulturellen Leistungen des Schriftstellers, die Verdienste des Staatspräsidenten, das alles ist höchst anerkennenswert. Doch darüber, und das verdient in meinen Augen die höchste Anerkennung, steht die gelebte Grundüberzeugung, dass Menschlichkeit und Gewissen die Leitlinie all unseren Handelns sein sollten, auch des politischen. Eindrücklich haben Sie das in Ihrem Brief an Alexander Dubcek aus dem Jahre 1969 geschrieben, als Sie ihn baten, die Wahrheit zu sagen und die politische Bühne ehrlich zu verlassen:
„Vom Standpunkt der augenblicklichen Situation brächte diese Ihre Tat nichts Positives, eher das Gegenteil: man würde sie zum Vorwand für weitere Repressionen missbrauchen. Das alles ist jedoch völlig vernachlässigenswert angesichts er eminenten sittlichen und deshalb - bedenkt man die längerfristige Entwicklung - auch gesellschaftlichen und politischen Bedeutung, die diese Ihre Haltung für das zukünftige Schicksal unserer Völker hätte: Die Menschen würden begreifen, dass man seine Ideale und sein Rückgrat immer bewahren kann; dass man der Lüge entgegentreten kann; dass es Werte gibt, für die es zu kämpfen lohnt; dass es noch Führer gibt, denen man glauben kann; dass keine augenblickliche politische Niederlage zu totaler historischer Skepsis berechtigt, wenn die Betroffenen ihre Niederlage würdig zu tragen imstande sind.“
Lieber Herr Präsident Václav Havel. Sie haben ein Fanal gesetzt dafür, dass Menschlichkeit in der Politik umgesetzt werden kann und umgesetzt werden muss. Sie haben bewiesen, dass Moral in der Politik nicht nur dann zum Tragen kommt, wenn Argumente fehlen. Für diesen Beweis, der in unseren technokratischen Gesellschaften, derart wichtig ist, für diesen Beweis zuhanden der kommenden Generationen, haben Sie den „Prix des Générations“ verdient. Dafür möchte ich, auch in meiner Eigenschaft als Politiker und Präsident der Vereinigten Bundesversammlung, nicht nur gratulieren, sondern vor allem und aus ganzem Herzen danken!
Claude Janiak
Nationalratspräsident