Einleitung: Vom Harem zum Multifunktionsprodukt
Es ist für mich eine grosse Freude, heute zur Feier Ihres Firmenjubiläums meine Worte an Sie zu richten. Zuallererst möchte ich Ihnen zum grossen Jubiläum ganz herzlich gratulieren und mich für die viele geleistete Arbeit bedanken. 125 Jahre Firmengeschichte bedeuten 125 Jahre erfolgreiches Bewältigen, auch von schwierigen Zeiten. Ich bin sicher, dass Sie damit die besten Voraussetzungen für eine mindestens ebenso erfolgreiche Zukunft geschaffen haben.
Vielleicht ist aber nicht allen Anwesenden bewusst, dass der Erfolg der Schenker Storen-Produkte auf eifersüchtige Harems-Herrscher zurückgeht: Im altertümlichen Orient sind nämlich bereits Fenstergitter im Einsatz gewesen, die die Sicht ins Innere verhindert und gleichzeitig den Blick nach aussen ermöglicht haben. Damit hat man gewollt, die Gemächer der Frauen in den Harems gegenüber der Aussenwelt abzuschirmen. Darum hat man diese Vorrichtung in Europa später als Jalousie bezeichnet, dem französischen Wort für Eifersucht.
In den vergangenen Jahrhunderten, vor allem in den 125 Jahren Produktinnovation der Schenker Storen haben sich die Verwendungszwecke der Jalousien, Storen, Markisen und Fensterläden stark gewandelt. Der Schutz vor neugierigen Blicken ist dabei sicher nach wie vor ein wichtiges Merkmal, doch die Funktionen sind sehr viel vielfältiger geworden und reichen heute von Klima-Regulierung über Einbruchssicherung bis zu Raumausleuchtung von Arbeitsplätzen.
Wie das Produkt selbst hat auch das Unternehmen Schenker Storen in dieser Zeit massive Veränderungen mitgemacht und dank der Anpassungsfähigkeit seiner Strukturen und der Flexibilität seiner Mitarbeitenden immer das Bestmögliche herausgeholt.
Schenker Storen: Von der Garagenfirma zum Hightech-Unternehmen
Lassen wir diese Entwicklung noch einmal kurz Revue passieren: 69 Jahre nachdem der Pariser Tischler Cochot seine Erfindung, eine Jalousie mit verstellbaren Brettchen, zum Patent angemeldet hat, beginnt der Pionier Emil Schenker in einer Scheune in Schönenwerd mit der Fertigung von neuartigen Storen mit Stoffrollen. Die Idee haut hin und das Geschäft prosperiert, so dass 1905 das erste Fabrikgebäude gebaut wird. 1938 hat das Unternehmen bereits 47 Mitarbeiter und wird zur Aktiengesellschaft. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts folgten viele weitere Erweiterungen: Ein Neubau in Schönenwerd 1964, die Namensänderung 1984 in Schenker Storen AG, 1991 das Produktionswerk im französischen Thanvillé und bald folgt das moderne Hochregallager mit zusätzlichen Produktionsflächen und einem computergestützten Bearbeitungszentrum.
Parallel zu diesem Fortschritt sind Umsatz und Personal ständig gewachsen: Sind es bei der 75-Jahr-Feier 1956 noch 5 Millionen Franken und 216 Mitarbeitende gewesen, knackt das Unternehmen 1994 die magische Grenze von 100 Millionen Jahresumsatz und heute feiern wir einen Betrieb mit 550 Mitarbeitenden und einem Umsatz von 125 Millionen Schweizer Franken. Das sind durchschnittlich sieben neu geschaffene Arbeitsplätze pro Jahr und eine Umsatzsteigerung von 2500 Prozent, bzw. über 6½ Prozent pro Jahr, 50 Jahre lang! Das ist eine absolut beeindruckende Leistung, nicht nur im Vergleich mit dem allgemeinen Wirtschaftswachstum von unserem Land…
Dieser Dynamik haben wir es zu verdanken, dass wir heute ein Unternehmen feiern können, das von grosser wirtschaftlicher Bedeutung für die Region ist. Seine Produkte und Dienstleistungen geniessen in der ganzen Schweiz und über die Landesgrenzen hinaus einen hervorragenden Ruf und seit fünf Viertel Jahrhundert schützen sie zuverlässig Menschen, spenden Schatten und verbessern Raumklimas.
Motivierter, leistungsfähiger Nachwuchs: Der Erfolgsfaktor für die Zukunft
Doch wir können nicht nur auf eine erfolgreiche Vergangenheit zurückblicken, auch für die Zukunft ist gesorgt: Schenker Storen beschäftigt derzeit 41 Lehrlinge, was 7.5 Prozent der Gesamtbeschäftigten ausmacht. Ein Wert, der sich sehen lassen kann, wie ich meine. Doch die Berufsbildung junger Erwachsener ist eine komplexe, aufwändige und kostspielige Angelegenheit, die in der jüngeren Vergangenheit etwas unter Druck gekommen ist.
Einerseits schränkt der zunehmende Spezialisierungsgrad von Klein- und Mittelbetrieben und im Dienstleistungssektor das Angebot von Lehrstellen ein, weil sie nicht mehr in der Lage sind, das ganze erforderliche Ausbildungsspektrum abzudecken. Auf der anderen Seite bestimmen ökonomische Motive unmittelbar und spürbar das Ausmass der Lehrlingsausbildung in der Schweiz. Lehrbetriebe brauchen immer auch Aufträge, um Lernende auszubilden. In wirtschaftlich schlechteren Zeiten verringern deshalb viele Betriebe ihre Ausbildungskapazitäten. Wenn nun die Konjunktur wieder anzieht, ist es wichtig, die Sicherung des Fachkräftenachwuchses nicht weiter zu vernachlässigen. Einerseits als Mittel der Existenzsicherung für den Betrieb und für die Branche, andererseits aber auch zur Vermeidung von steigenden Sozialkosten. Denn Jugendliche, die den Einstieg in die Arbeitswelt nicht schaffen, erleiden Nachteile, die sich möglicherweise auf ihr ganzes Leben auswirken und sie verursachen langfristig volkswirtschaftliche Kosten.
Viele Gründe sprechen dafür, Ausbildungsplätze anzubieten: Wie bereits erwähnt leisten Lehrbetriebe einen Beitrag für die Zukunft des eigenen Unternehmens, wenn sie qualifizierte Nachwuchskräfte ausbilden. Damit werden teure Personalrekrutierungskosten eingespart. Aber auch schon während der Lehrzeit, insbesondere in der zweiten Hälfte der Ausbildung, sind Lernende auch produktive Arbeitskräfte. Und eine junge Belegschaft trägt auch dazu bei, „am Puls der Zeit“ zu bleiben und die Bedürfnisse der Kundschaft von morgen zu vorherzusehen. Lehrlingsausbildung muss also kein Verlustgeschäft sein! Die jüngste Studie des Bundesamts für Berufsbildung und Technologie geht davon aus, dass die Kosten für alle Lehrverhältnisse in der Schweiz für ein Jahr hochgerechnet 4.8 Milliarden Franken betragen. Diesen Bruttokosten stehen aber produktive Leistungen gegenüber, die sich insgesamt auf fast 5.2 Milliarden belaufen. Dieser „Gewinn“ ist erfreulich, hat aber auch eine Schattenseite – wie man als Storen-Spezialist sagen würde. Die Kosten und Nutzen der Berufsausbildung unterscheiden sich nämlich stark nach Betriebsgrössen, Branchen, Sprachregionen und vor allem nach Lehrberufen. Tatsächlich rechnet sich die Ausbildung von Lehrlingen für manche Betriebe nicht. Doch wenn wir das Potenzial und die Qualität des wichtigsten Bildungswegs in der Schweiz halten möchten, müssen auch für diese Fälle rentable Lösungen gefunden werden. Es gibt bereits heute viel versprechende Möglichkeiten zur Förderung des Lehrstellenangebots. Ich denke dabei an Lehrbetriebsverbünde, die Lehrbetrieb-Vignette zur Anerkennung und Auszeichnung für das Engagement in der Berufsbildung oder das Projekt KMU-Support des Kantons Aargau, welches KMU bei der Schaffung von Lehrstellen und bei der Ausbildung von Lernenden einfach und unbürokratisch unterstützt.
Kostenfaktor Regulierungsdichte
Stichwort Unterstützung: Ich beobachte noch einen anderen Kostenfaktor, der gesamtwirtschaftlich vermutlich noch viel grösseres Gewicht hat als die Ausbildungskosten: Die administrative Belastung und Regulierung von Unternehmen in der Schweiz. Die mit staatlichen Regulierungen verbundenen Kosten absorbieren bei den Unternehmen Ressourcen, die produktiven Tätigkeiten entzogen werden. Ausserdem verleiten komplizierte und aufwändige administrative Verfahren dazu, sie zu umgehen, was letztlich das Vertrauen in den Rechtsstaat unterwandert. Darum ist jede Arbeitsstunde, die von Unternehmern für unangemessene Auflagen geleistet wird, eine Stunde zuviel. Und von diesen Auflagen gibt es offenbar viele, wenn der Bundesrat über 100 Massnahmen zur administrativen Entlastung vorschlagen kann. Dazu gehören Bemühungen im Bereich E-Government, eine Reduktion der bundesrechtlichen Bewilligungen um 20 Prozent sowie die Stärkung der bestehenden Instrumente zur vorausschauenden Regulierungsvereinfachung.
Der Bund geht hier mit gutem Beispiel voran, denn allein durch die Realisierung der wichtigsten dieser Massnahmen werden die Schweizer Unternehmen gemäss einer groben Schätzung fast eine Milliarde Franken pro Jahr weniger für administrative Tätigkeiten einsetzen müssen. Die Bemühungen um den Abbau der Regulierungsdichte ist harte Knochenarbeit. Aber sie gehört zu den Standbeinen einer Wachstumspolitik, und ist eine Daueraufgabe, der sich auch die Kantone und Gemeinden nicht entziehen können. Aus wachstumspolitischer Sicht würde es einen massiven Impuls für die Stärkung der Schweizer Wirtschaft bedeuten, wenn beispielsweise die Bewilligungsverfahren auf allen Stufen auf ihre Notwendigkeit hin untersucht würden.
Das ist Aufgabe des Staates im Bemühen um den „guten Rahmen“ seines Wirtschaftsstandortes, speziell in Zeiten des zunehmenden regionalen und internationalen Standortwettbewerbs. Da sind auch meine Kolleginnen und Kollegen im Parlament gefordert: Zu oft noch entscheidet der Gesetzgeber zu Gunsten von administrativ aufwändiger Regulierungen. Das nützt höchstens wettbewerbsschwachen Marktteilnehmern, die sich hinter diesen Regulierungen verstecken. Dabei gehört eine effiziente und unkomplizierte Regulierung zu einem transparenten und unverzerrten Wettbewerb, der den Unternehmen den notwendigen Handlungsspielraum belässt, damit sie am Markt bestehen können.
Fazit: Die Sonnen- und Schattenseiten des Wandels, auch im Mittelstand
Die Schenker Storen AG hält dem Wettbewerb seit nunmehr 125 Jahren stand und hat dank stetigen Investitionen in Mensch und Technologie, Innovationskraft und Wille zum Erfolg eine führende Position im limitierten Storen-Markt erreicht. Diesen „Platz an der Sonne“, um bei der Bildsprache zu bleiben, hat sie manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Gegenwind erreicht. Das Unternehmen hat einige Wirtschaftskrisen, den Wandel von der Schweizerischen Landwirtschafts- zur Dienstleistungsgesellschaft, unzählige Änderungen in den Anforderungen an seine Produkte und viele Generationenwechsel innerhalb der Firma miterlebt. Auch heute stehen die mittelständischen Unternehmen in der Schweiz vor vielen Herausforderungen, sei es die Lehrstellenproblematik, die Regulierungsflut oder den Wandel der Wirtschaft hin zur Globalisierung.
Schenker Storen hat gezeigt, dass Wohlstand nicht mit staatlichen Subventionen und Förderungen, sondern mit Eigeninitiative, Risikokapital und Innovationen für neue Produkte und Leistungen geschaffen wird. Sie haben ausserdem erkannt, dass die Informationsverarbeitung, die Dienstleistungen und die Logistik entscheidende Erfolgsfaktoren im Mittelstand darstellen. Sie behaupten sich heute mit unternehmerischem Weitblick und motivierten Mitarbeitern als prosperierendes Unternehmen. Damit stellen Sie ein positives Beispiel für die Region dar.
Doch lassen Sie sich durch die gute Ausgangslage nicht zum Nichtstun verleiten. Die Globalisierung erfordert eine Veränderung der Strukturen, besonders von mittelständischen Unternehmen. Wenn das Unternehmen weiter wachsen soll, werden Sie je länger je mehr im europäischen Markt tätig sein, und ich fordere Sie auf, die entsprechende Marktorientierung und Anpassung der Geschäftsprozesse bereits frühzeitig in Angriff zu nehmen. Wenn Sie die unternehmerische Kraft, Kreativität und Flexibilität Ihres Unternehmens auch in einem internationalisierten Markt bewahren können, und weiterhin innovative, ökologische und kostengünstige Produkte anbieten, steht Ihnen für die nächsten 125 Jahre Erfolg nichts im Wege. Wir sollten der Zukunft so begegnen, wie sie ist: Offen. In diesem Sinne würde es mich sehr Wunder nehmen, wer wohl am 250-Jahr-Jubiläum im Jahre 2131 auftreten wird…!