Hochgeachteter Herr Zunftmeister
Sehr geehrte Herren alt Zunftmeister
Geschätzter Zünfter, Zunftgesellenanwärter, geschätzte Mitehrengäste und Gäste

Shake hands!  Wenn der Gastkanton Zug heute Neudeutsch „grüezi“ auf diese Art sagt, so nehme ich gerne den Gruss auf und drücke Ihnen, sehr geehrte Zünfter, symbolisch die Hand. Wie Ihnen nicht entgangen sein dürfte, haben wir Zuger unseren Auftritt hier am Sechseläuten unter das Motto „Shake Hands“ gestellt.
Es ist für mich nie ein Zweifel gewesen, dass ich dieser hohen Einladung nicht Folge leisten würde. Trotzdem ist bei mir ein Gedanken wach geworden, der auf neudeutsch mit „cut back“ oder „head off“ ¨übersetzt werden kann. Vor über 500 Jahren ist ein Zuger aus Blickensdorf nach einer grossen Karriere in Zürich geköpft worden – der Hans Waldmann. Aber für meine Person hatte ich keinerlei Bedenken, bin ich doch trotz dem Umstand, Zuger Ständerat zu sein, schon von meinem Namen her ein gebürtiger Luzerner, resp. Entelbucher.
Wenn man uns Zugern schon diese grosse Ehre erweist, Gastkanton zu sein, so wollen wir uns weltstädtisch geben und uns "Downtown Switzerland" anpassen und für einmal mit in den Zürcher Euro 08 Slogan einstimmen: "Wir Zuger leben Zürich". Englisch hat zudem den Vorteil, dass unsere Botschaft nicht nur von den Zürcherinnen und Zürchern, sondern auch von den internationalen Gästen verstanden wird, die im Herzen der Stadt entlang einer der teuersten Meilen der Welt flanieren dürfen. Dies benütze ich, dass wir auf dem exklusiven Pflaster kostenlos Standortmarketing für Zug betreiben dürfen. Damit schlagen wir sozusagen zwei Fliegen auf einen Streich. Seitdem der Zuger Mittelstand im benachbarten Aargau seinen Wohntraum günstiger erfüllen kann als im Zugerland, müssen wir darauf achten, dass uns das Steuersubstrat nicht abhanden kommt. Ein paar neue kapitalkräftige Steuerzahler sind uns – wie weiland bekannt - immer willkommen. Wir nehmen auch Zürcher, nur schon deshalb wollen wir Zuger den Zimmerbergtunnel, damit der Finanzstrom durch die Röhre noch besser nach Zug fliessen kann.

Unseren beiden Kantonen kommt, wie Sie wissen, die wirtschaftliche Prosperität teuer zu stehen. Im Stöckli haben die vier bürgerlichen Zürcher und Zuger Ständevertreter wacker gegen den neuen Finanzausgleich gekämpft, - und leider gemeinsam verloren. Dennoch wünscht Ihr Stapi Elmar Ledergerber bekanntlich, dass Zug einen Teil seiner Steuereinnahmen an die Limmat überweist. Mir leuchtet die Forderung überhaupt nicht ein. Was würde Zürich ohne unsere Finanzspezialisten und Wirtschaftsanwälte tun, wenn die Stadt „noch besser werden soll“, wie Ledergerber uns vor kurzem mit seinen „Strategien 2025" hat wissen lassen. Und wenn ich es mir genau überlege, könnte sich der Stadtpräsident bei der EU in Brüssel gleich selbst als Steuereintreiber empfehlen. Wie auch immer. Schon manche Vision und manches Konzept ist zum Papiertiger verkommen – und hier dürfen Sie einem Politiker wirklich für einmal Glauben schenken, denn er spricht aus Erfahrung.
Da jedoch Frau Stocker die Sozialhilfe als Investition betrachtet, bei der ein einziger Sozialhilfe-Franken 1.50 Franken Wachstum auslöst, werden Sie verstehen, dass wir Zuger nicht wahnsinnig erpicht darauf sind, Zürichs Zentrumslasten mit zu finanzieren. Es sei denn, wir hätten beim Sozialamt Beteiligungen. Diesen Gewinnaussichten würden wir uns sicher nicht verschliessen, ja, sogar einen unfriendly take over überlegen. Vorläufig sind wir Zuger aber glücklich, dass dieses grüne Wirtschaftswunder nicht über das Säuliamt hinausgestossen ist.

Ich will mich nicht allzu sehr aufs Geld kaprizieren. In Sachen Kultur hat Zürich eindeutig die Nase vorn, das muss ich neidlos anerkennen - auch wenn wir Zuger uns kulturell und traditionell eher auf die Innerschweiz ausrichten. Natürlich nutzen wir gelegentlich die Zürcher Kulturinstitutionen, finanzieren diese schliesslich auch mit, wenn auch nicht in dem von Ihnen gewünschten Umfang. Das hat seinen klaren Grund: Zwar freuen auch wir uns über das junge Liebesglück eines alternden Opernhausdirektors. Allerdings – und hier drückt wohl eher ein besorgter Finanz- als der Kulturpolitiker durch – halten wir es nicht unbedingt nötig, Herrn Pereira einen zweiten Frühling zu ermöglichen. Das lässt sich mit anderen Mitteln auch bewerkstelligen – ohne das Medikament auch beim Namen zu nennen. Ich will mich nicht weiter über Kunst auslassen. Da bin ich ohnehin nicht der Geeignete, habe ich mir als Hirschhornkritiker doch die Hände verbrannt, im naiven Glauben, Kunst müsse mit Können zu tun haben. Dass die Kunst zuweilen Schlagzeilen bewusst zu provozieren versucht, ist mir im Eifer des Gefechts irgendwie entgangenen. Daraus habe ich gelernt und halte mich still: Sonst steht womöglich morgen in der Presse: „Ständeratspräsident empfiehlt Opernhausdirektor die Potenzpille“

Nichtsdestotrotz: Ich als gebranntes Kind werde die Kunst nicht mehr los – oder sie mich nicht. Als Präsident des Ständerates bin ich ad personam Bauherr der Bundeshaus-Grossbaustelle. Dem renovierten Gebäude wird die künstlerische Ausstattung besondere Bedeutung zukommen. Wir haben nämlich entschieden, den damals bei der Hirschhorndebatte eingesparten Betrag unter der Rubrik „Kunst am Bau“ einzusetzen. Ich kann Ihnen versichern, dass damit keine Beleidigung unserer Landesregierung oder eine Verunglimpfung unserer Geschichte verbunden sein wird. Unser Bundespalast wird wieder in neuem Glanz erstrahlen – bis hin zum Kuppelkreuz. Golden soll es strahlen, ebenso das Laternchen, die Rippen und Nähte der drei Kupferdächer. Man darf sich nun zu Recht fragen, ob die da oben in Bern nicht wahnsinnig geworden sind und sich den Deckel vergolden lassen? Nun, ich gebe zu: Es ist ein gutes Gefühl, sein Büro in diesem grossartigen Bauwerk zu haben. Zu unserer Verteidigung kann ich nur sagen: Es geht letztlich nicht um Prunk und Protz, sondern darum, die Ausstrahlung und Bedeutung der gesetzgeberischen Tätigkeit symbolisch zu unterstreichen. Der Architekt Hans Wilhelm Auer vermerkte denn zum geplanten Nationaldenkmal:„Es gilt ein Werk zu schaffen, dass dem Lande zu unvergänglichem Ruhme dient, ein Symbol schweizerischer Einheit und Einigkeit, die höchste Bestätigung des nationalen Kunstsinns.“ Das sagt natürlich noch nichts über die Qualität der jeweiligen 246 Persönlichkeiten aus, die seit 47 Legislaturen unter den drei Kuppeln tagen. Da kann man ab und zu getrost das Sprichwort verwenden: „Es ist nicht alles Gold was glänzt.“ Obwohl es mir als Ständeratspräsidenten nicht zusteht, mich zu den Zürcher Ständeratswahlen zu äussern, stelle ich doch fest, dass für die Zürcher gilt: Nicht der Jugend gehört die Zukunft im Ständerat sondern - alle Wahrscheinlichkeit nach - den Senioren, in weiser Voraussicht der demographischen Entwicklung unserer Gesellschaft. Bei einer Wahl von Geiger, Gutzwiller oder Diener bleibe ich trotz 13 Amtsjahren noch lange bei den Jüngsten. So meine ich frohgemut: „Hopp Züri - dank euch bleib ich jung“!
Es gibt Kultur, die liegt mir, einem studierten Bauern/Agronomen, näher. Ich denke dabei unter anderem an die Weinkultur. Leider gedeiht im ansonsten weitum geschätzten Zuger Klima die Rebe nicht wunschgemäss. Unser Wein taugt nicht als Begleitung zu einem feinen Essen, höchstens zur Zubereitung von Sauerbraten. In meinem Amtsjahr lasse ich deshalb einen präsidialen Walliser Tropfen ausschenken. Hätte ich jedoch geahnt, einst Ehrengast der Höngger Zunft sein zu dürfen, die sich den Rebbau auf die Fahne – respektive Wappen – geschrieben hat, hätte ich mich wohlweislich für einen Höngger Grauburgunder, Riesling x Sylvaner oder Klevner entschieden. Wenn ich allerdings als in Luzern aufgewachsener Zuger Ständeherr ausgerechnet den mir seit heute bekannten und von mir geschätzten Zürcher Stadtwein kredenzen würde, wäre ich nochmals in die Schlagzeilen gekommen: Ganz nach dem Motto, jetzt klauen die Zuger uns nicht nur das Geld, sie trinken uns auch noch den Wein. Der Walliser Wein scheint mir deshalb eine politisch korrekte Alternative zu sein, weil die Walliser im Gegensatz zu den liberalen Zürchern der Verfassung des Schweizer Bundesstaates nie zugestimmt haben.

Mit Höngg fühle ich mich nicht nur wegen des Weins eng verbunden. Mein Onkel Theo hat hier im Lachenacker 9 gewohnt, was sehr ländlich tönt und mich vermutlich später zu meiner Berufswahl animiert hat. Aber das ist nicht alles, was mich an Onkel Theo erinnert. Er ist in unserem Familienkreis der einzige gewesen, der ein Auto besessen hat. Onkel Theo ist für uns das gewesen, was man den „reichen Onkel aus Amerika“ nennt, dabei ist er ja nur - aber immerhin - aus Zürich gekommen.

Während meiner Studienzeit in Zürich, als ich als katholischer Bauernbub im reformierten Pfarrhaus zu St. Peter wohnte, habe ich indes gelernt, dass eine Stadt von Welt sehr agrarisch sein kann. Zürichs bäurische Ader zeigt sich mitunter auch darin, dass die ehemalige Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei – und heutige SVP – in Zürich einen rasanten Aufstieg geschafft hat. Ob allerdings Pestalozzis Grossvater, der hier bei Ihnen in Höngg vor gut 250 Jahren als Pfarrer für das arme Landvolk sorgte, auch dazu gehört hätte, wage ich zu bezweifeln, wird er doch –wie mir euer Zunft-Chronist berichtet -  als fromm und christlich sowie als sehr sozial geschildert. Ich bin überzeugt, er hätte sich wie ich für die CVP entschieden. Ein weiser Entscheid, wie ich meine…wie auch Ihr gestriger Entscheid, Hans Holenstein mit dem besten Ergebnis zu wählen, darf als durchaus weise erachtet werden.

Ich komme zum Schluss! Die heutige Einladung ehrt mich sehr. Sie ist irgendwie auch ein Trost für mich, bin ich doch im Trio der Bundes-, der Nationalratspräsidentin und des Ständeratspräsidenten mit einem wenig erbaulichen weiblichen Handstreich von der Gästeliste der 1. Augustrütlifeier ausgeschlossen worden. Männer hätten dort an diesem patriotischen Frauenpower-Nationalhappening nichts zu suchen, hat es sec geheissen. Das hat mich getroffen. Umso erfreulicher, dass ich am Zürcher Sechseläuten als Mann willkommen bin.