Es gilt das gesprochene Wort / la version orale fait foi


Sehr geehrter Herr Präsident
Sehr geehrte Damen und Herren

Ich bedanke mich herzlich für die Einladung. Und ich freue mich sehr, dass mein erster Besuch in meiner neuen Rolle als Nationalratspräsidentin der Freiwilligenarbeit gilt. Es ist eines meiner grössten Anliegen meines Präsidialjahres, mich für Institutionen und Organisationen einzusetzen, die für unser Land unentbehrlich sind, aber nicht gross im Rampenlicht stehen. Dabei wissen wir es alle: ohne Freiwilligenarbeit würde die Gesellschaft still stehen. Auch wenn kaum jemand den Wert dieser Arbeit anzweifelt, so hat sie noch längst nicht den Stellenwert, den sie verdient. Und bedauerlicherweise ist das das die Beteiligung an der Freiwilligenarbeit in den letzten zehn Jahren noch zurückgegangen, wie erst Anfang Woche bekannt wurde.

Ich finde es deshalb besonders wichtig,  dass verstärkt für die Freiwilligenarbeit „geworben“ wird. Ich gratuliere Ihnen zur Idee, mit dem Fotoprojekt „Begegnungen“ der Freiwilligenarbeit ein Gesicht zu geben. Die ausgestellten Fotos lassen erkennen, wie viel Freude und Befriedigung solche Engagements schenken - und einem selbst machen können. Trotzdem wünschte ich mir, Projekte wie dieses würden einst überflüssig, weil gemeinnützige Einsätze zu einer Selbstverständlichkeit geworden sind. Wir sind alle gefordert unserer Gesellschaft diese Vision näher zu bringen, indem wir als Vorbilder agieren. Je mehr Menschen freiwillige Arbeit leisten, desto eher wird sie später zur Regel. Wer Gutes erfährt, kann auch Gutes weiter geben.

Meine Damen und Herren

Unsere Zivilgesellschaft wird in zunehmendem Masse auf gemeinnützige Arbeit angewiesen sein. Die demografische Entwicklung lässt nichts anderes zu. Wie also sollen wir an dieser anderen Form volkwirtschaftlicher Leistungen ein stärkeres Interesse wecken? In erster Linie, indem wir die Freiwilligenarbeit richtig wertschätzen. „Gratisarbeit“ gilt leider heute allzu oft noch als „unechte“ Arbeit. Ganz anders in den USA zum Beispiel: Wer dort Karriere machen will, tut gut daran, seine gemeinnützigen Aktivitäten in seinem Lebenslauf aufzulisten. Volunteering ist ein integraler Bestandteil sozialer Mobilität und gilt als Gelegenheit, sich Fähigkeiten und Kenntnisse anzueignen, die für das berufliche Weiterkommen wichtig sind.

Ich bin überzeugt, wenn wir auch in der Schweiz gemeinnützige und ehrenamtliche Tätigkeit als ein wichtiges Kriterium für eine erfolgreiche Berufskarriere anerkennen, wird ihr Stellenwert steigen. Mit dem Sozialzeit-Ausweis, der gemeinnützige Einsätze in Schlüsselqualifikationen verfasst, wurde vor wenigen Jahren ein erster Schritt in diese Richtung gemacht. Es wird aber eine Herausforderungen sein, die Wirkung und die Wirksamkeit dieses Ausweises zu untersuchen.

Es muss sich offenbar „lohnen“, einen freiwilligen Beitrag an Mitmenschen und die Umwelt zu leisten. In der Verantwortung stehen deshalb nicht zuletzt die Arbeitgeber. Es gibt bereits einige Unternehmen in der Schweiz, welche freiwilliges Engagement fördern. So richtig Fuss gefasst hat das Corporate Volunteering – im Gegensatz zu anderen Ländern – jedoch bei uns noch nicht. Dabei haben die Schweizer Unternehmen, deren ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich während der Arbeitszeit gemeinnützig engagieren können, durchwegs gute Erfahrungen gemacht. Um es mit im Jargon der Wirtschaft zu sagen, ergibt sich eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Gemäss Bundesamtes für Statistik profitieren Firmen in vielerlei Hinsicht von der Freiwilligenarbeit ihrer Mitarbeitenden: sie haben ein besseres Image, ihre Mitarbeitenden höhere Qualifikationen, die Qualität der Dienstleistungen steigt und Firmen sind am Standort besser verankert. Natürlich kostet Corporate Volunteering die Unternehmen auch etwas. Studien kommen zum Schluss, dass das Kosten-Nutzen-Verhältnis für eine Firma von der Art und vom Umfang des Engagements und der Zahl der beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern abhängt – konkret heisst das: Je höher der Einsatz, desto grösser ist auch der potenzielle Nutzen für das Unternehmen, aber - desto höher sind auch die Kosten.

Während die Förderung der Freiwilligenarbeit in der Privatwirtschaft sich doch langsam zu etablieren scheint, hinkt die Bundesverwaltung stark hinter her. Sie gehört leider nicht zu den Prioritäten und Zielen ihrer Personalpolitik. Dabei könnte gerade die Bundesverwaltung Vorbild sein. Wie ich selbst erfahren musste, scheint der Wille dazu aber nicht besonders ausgeprägt zu sein. Mehrere Vorstösse, welche ich vor und während des Uno-Jahres der Freiwilligen einreichte und die das Ziel hatten, den gemeinnützigen Engagements der Bundesangestellten Rechnung zu tragen, mussten abgeschrieben werden. Seither hat sich aus dem Parlament niemand mehr ernsthaft für das Thema in die Bresche geschlagen.

Es bräuchte also dringend einen neuen Anlauf. Und ich würde mich bereits mit wenig zufrieden geben, es muss nicht ein grosses Projekt sein: Es wäre schon ein Gewinn, wenn zum Beispiel die Möglichkeit des Jugendurlaubs, wie er im Obligationenrecht festgehalten ist, besser bekannt gemacht würde. Viele Abteilungsleiter und Amtsstellen wissen gar nicht, dass junge Menschen bis zum 30. Altersjahr eine Woche pro Jahr für freiwillige Einsätze in Anspruch nehmen können. Mir scheint allerdings besonders wichtig, dass die jungen Bundesangestellten während ihres zeitlich begrenzten Engagements ihren Lohn trotzdem erhalten würden. Heute ist das nicht der Fall. Können wir möglichst viele junge Menschen ermuntern, sich freiwillig für sozial Schwächere zu engagieren, werden sie ihre Erfahrungen weitergeben und ihre Kolleginnen, Kollegen oder später ihre Kinder dazu motivieren können.

Ich wage auch zu behaupten, Freiwilligenarbeit könnte in der Personalpolitik nützlicher sein als teure Personalentwicklungs-Kurse. Hier muss noch Überzeugungsarbeit geleistet werden. Die Verantwortlichen werden freiwillige Einsätze nämlich nur dann fördern, wenn sie den Nutzen als Personalentwicklungs-massnahme erkennen, zum Beispiel in der erhöhten Sozialkompetenz oder in der Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen. Die finanziellen Mittel für die Umsetzung des Corporate-Volunteering wären übrigens vorhanden, sie fliessen  heute in Weiterbildungsangebote für das Bundespersonal.

Meine Damen und Herren

Es gibt noch viele andere Möglichkeiten, das freiwillige Engagement zu fördern. Aber wir müssen noch viel stärker den Willen wecken, und das ist wohl der schwierigste Teil der Arbeit. In meiner Funktion als Nationalratspräsidentin sind mir in diesem Jahr etwas die Hände gebunden. Ich werde mich politisch nicht so engagieren können, wie ich das als „gewöhnliche“ Parlamentarierin tun kann. Ich versuche aber alles zu tun, um die Arbeit des Roten Kreuzes, seiner Partnerorganisationen und weiteren Institutionen mit meiner Präsenz sichtbarer zu machen. Und nächstes Jahr, da werde ich wieder aus dem Vollen schöpfen können. Sie können sich sicher sein.

Ich danke Ihnen.